Wenn Kindern der Schuh drückt

Rückenbeschwerden und orthopädische Probleme kommen oft von falschen Schuhen, sagt Sachsens Orthopäden-Chef.

Mehr als 60 Prozent der Kinder tragen Schuhe, die nicht richtig passen, sagt Dr. Wolfgang Reuter von der Deutschen Krankenversicherung (DKV) und beruft sich dabei auf Studien der letzten Jahre. "Doch ungeeignete Schuhe sind der Hauptgrund dafür, dass Kinderfüße orthopädische Probleme bekommen."

Gewebe und Knochen der Kinderfüße sind noch weich, "sie können sich durch falsches Schuhwerk leicht verformen", sagt Dr. Jörg Panzert, Landesvorsitzender der Orthopäden in Sachsen. Die Beschwerden zeigten sich aber meist erst im Erwachsenenalter. Und nicht allein durch Fußschmerzen. "Haltungsschäden oder eine verspannte Muskulatur von den Füßen bis zum Rücken können auf falsche Schuhe in der Kindheit zurückzuführen sein", so der Orthopäde.

Bis der Fuß seine endgültige Form und Festigkeit hat, dauert es ungefähr 14 bis 16 Jahre. Vorher können durch schlecht sitzende Schuhe schnell Fehlstellungen wie Senk-, Platt- oder Knick-Senk-Fuß entstehen. Problematisch seien dabei nicht nur zu enge, sondern auch zu große Schuhe, so Reuter. Denn: Um zu große Schuhe nicht zu verlieren, krallen sich Kinder mit den Zehen fest. Die Folgen können dann sogenannte Krallenzehen sein. "Zudem rutschen die Kinder in zu weiten Schuhen oft nach vorn gegen die Spitze. Auch das begünstigt Krallenzehen", ergänzt der Orthopäde.

Schuhe gibt es schon für die Kleinsten: Bereits ab einer Fußlänge von acht Zentimetern - das entspricht der Schuhgröße 14 - können Eltern Schuhe kaufen. "Laufen lernen Kinder aber am besten ohne Schuhe. Denn das ist für die Füße am gesündesten", so der DKV-Experte. Barfußlaufen kräftige die Muskulatur in den Füßen und fördere gleichzeitig den Gleichgewichtssinn. Schuhe sind allerdings dann ratsam, wenn die Kinder draußen in einer Umgebung unterwegs sind, in der Glassplitter oder sonstige spitze oder scharfkantige Gegenstände herumliegen können. Und natürlich in den kälteren Jahreszeiten.

Die Freude über neue Kinderschuhe währt aber meist nur kurz, denn Kinderfüße wachsen schnell. Im Alter von ein bis drei Jahren etwa 1,5 Millimeter pro Monat, von drei bis sechs Jahren ungefähr einen Millimeter. "Bei Mädchen ist frühestens mit 12, bei Jungen mit 14 Jahren das Wachstum der Füße abgeschlossen", sagt Jörg Panzert. Aber woran merkt man, dass Schuhe nicht mehr passen? "Blasen und Druckstellen weisen auf zu kleine oder zu enge Schuhe hin." Stolpert es hingegen häufig über seine eigenen Füße oder hat verkrampfte Zehen, können die Schuhe noch zu groß sein.

Da Kinder den Druckschmerz an den Füßen nicht so spüren wie Erwachsene, ist es Wolfgang Reuter zufolge nicht ratsam, getragene Schuhe zum Beispiel an jüngere Geschwister weiterzugeben oder für das eigene Kind zu nutzen. "Jeder Schuh passt sich bereits nach kurzer Einlaufzeit dem Fuß des Trägers an. Für den Nachnutzer kann er dann nicht mehr geeignet sein", sagt er. "Sind die Schuhe allerdings sehr gut erhalten, nicht verformt, hatte der Vorbesitzer keine Fußfehlstellung und ist die Sohle noch intakt, spricht nichts dagegen, Kinderschuhe weiterzugeben. In puncto Hygiene gibt es bei Kinderschuhen in der Regel keine Bedenken."

Kinder bis zu etwa zehn Jahren können noch nicht selbst einschätzen, ob ihnen Schuhe passen. Daher stellt der Schuhkauf Eltern meist vor eine große Herausforderung. Grundsätzlich gilt: Der Schuh sitzt gut, wenn vorne noch etwas Luft ist. Dieser Puffer sollte Panzert zufolge einen bis höchstens 1,5 Zentimeter betragen. Das entspricht der durchschnittlichen Breite der Daumen von Erwachsenen, daher wenden viele Eltern die bekannte Daumenprobe an. Doch Kinder ziehen durch den Druck reflexartig die Zehen ein. Der Orthopäde rät, das Kind mit der großen Zehe wackeln zu lassen. Das geht nur bei entspanntem Fuß.

Lässt sich die Sohle des Modells herausnehmen, ist der Test einfacher. Dann kann sich das Kind etwa einen Zentimeter vom hinteren Rand entfernt darauf stellen. Ist vorne der empfohlene Puffer frei, sind die Schuhe passend. Helfen kann es auch, zu Hause eine Schablone vorzubereiten. Dafür stellt sich das Kind auf ein Stück Karton, der Fuß wird nachgezeichnet und vorne 15 Millimeter zugegeben. Lässt sich die ausgeschnittene Schablone leicht in einen Schuh legen, nicht hin und her schieben, ist die Schuhgröße richtig gewählt. Sie sollte flach auf dem Fußbett aufliegen und sich an keiner Seite nach oben biegen. Auch sollten rechts und links keine großen Freiräume zu sehen sein, dann wären die Schuhe zu weit. "Wichtig ist, eine Schablone von beiden Füßen zu machen. Denn unterscheiden sich die Füße auch nur minimal in der Größe, ist der größere entscheidend", so Reuter. Auch eine Beratung im Fachhandel kann helfen. Dort werden die Füße professionell ausgemessen. Gute Kinderschuhe gibt es meistens in den Modellen "Weit", "Mittel" und "Schmal", sodass für jeden Fuß die optimale Passform dabei ist. Neben der passenden Größe ist wichtig, dass der Schuh weich und flexibel ist. Eltern können das herausfinden, indem sie den Schuh in die Hand nehmen und versuchen, ihn zusammenzudrücken und zu kneten. Sind Material und Sohle biegsam, eignet sich der Schuh für den weichen Kinderfuß.

Kinder im Pubertätsalter haben meist schon recht große Füße. Kinderschuhe passen ihnen nicht mehr, sie sind auch meist nicht gewünscht. Jörg Panzert zufolge könnten die Jugendlichen auch Erwachsenenschuhe tragen. Doch wegen der immer noch vorhandenen Verformbarkeit der Knochen sollte der Schuh ein bequemes Fußbett haben. Wenn die angesagten Sneaker aber kein solches Fußbett haben, können entsprechende dünne Einlegesohlen helfen. Die Schuhe müssten dafür aber groß genug sein. Also am besten gleich mit der Einlegesohle probieren.

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