Wenn Mütter überfordert sind

Stephanie Kespohl aus Chemnitz arbeitet als Frauenbegleiterin. Ein Trend, den nicht alle unkritisch sehen.

Die zweijährige Lea hat immer wieder Wutanfälle, wie ihre Mutter sagt. Und die Kleine mache prinzipiell das, was sie ihr verboten habe. Leas Mutter ist verzweifelt und holt sich Rat bei Stephanie Kespohl - einer Doula aus Chemnitz.

Das Wort Doula kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet so viel wie Dienerin oder Begleiterin der Frau. Es wird sogar übersetzt mit "Hüterin der Schwangerschaft". In Sachsen gibt es etwa hundert Doulas und einen deutschlandweit organisierten Verband, dem aber nicht alle Frauenbegleiterinnen angehören. "Deshalb ist es so schwer, eine Zahl zu ermitteln. Doch es werden von Jahr zu Jahr mehr", sagt Stephanie Kespohl. Die Arbeit von Doulas beschränkte sich früher meist auf die Zeit vor und nach der Geburt. Mit dem medizinischen Fortschritt gerieten Doulas dann in Vergessenheit. Doch nun sind sie wieder Trend. Vorreiter waren die USA. Heutige Doulas begleiten und stärken Frauen und Mütter vor allem im Zusammenhang mit der Geburt, aber auch in familiären Fragen, sagt Kespohl.

Zum Beispiel Leas Mutter. So wie sie sehen viele Eltern ihre Aufgabe so starr und eng, so verfestigt in alten Regeln, sagt die Chemnitzer Doula. "Frauen sind eingebettet in Verpflichtungen. Im Alltag zwischen Familien- und Berufsleben gehen ihre eigenen Bedürfnisse oft unter." Sie funktionierten nur noch, weil jeder immerzu etwas von ihnen wolle. Familie und Umfeld spürten die Angespanntheit und die Grenze, an die die Frau dann kommt. "Das spiegeln uns unsere Kinder", sagt sie. Zum Beispiel durch Wut. "Wut ist für mich die Hüterin der Grenzen. Sie ist eine Vorstufe zur Aggression." Damit teilten Kinder ihrem Umfeld mit, dass für sie etwas gerade ganz und gar nicht stimmt und dass ihre Bedürfnisse nicht gesehen werden.

Zunächst rät Stephanie Kespohl Frauen in der Situation von Leas Mutter, herauszufinden, warum einen das eigene Kind gerade so nervt. "Ich empfehle dann, auf sein inneres Kind zu schauen. Wo ist jemand über deine Grenze gegangen? Wurdest du selbst in deiner Kindheit oft zu wenig wahrgenommen?" Diese Unzufriedenheit könnte Ursache für die fehlende Geduld sein. "Bei dieser Analyse betrachten wir die Themen, die die Frau gerade bewegen, ganz individuell, und wir erarbeiten, welche Wege sich für sie gut anfühlen." Mit dieser Klarheit und einem guten Selbstbild gelänge es, seine Kinder gelassen und liebevoll im Fokus zu haben, ohne Streit und ständige Frustration.

Stephanie Kespohl ist erst vor ein paar Jahren beruflich umgeschwenkt. "Ich habe Betriebswirtschaft studiert und war im Personalmanagement eines großen Automobilzulieferers tätig. Als ich begonnen habe, meine Doktorarbeit zu schreiben, habe ich gemerkt, dass das nicht das Leben ist, das ich immer wollte." Sie machte eine Ausbildung zur psychologischen Beraterin. Hinzu kamen viele Stunden Eigenstudium, in denen sie ihre Kenntnisse rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett vertiefte. Sie eignete sich außerdem umfangreiches Still- und Hebammenwissen an.

"Doch das ist nicht Pflicht. Die Bezeichnung Doula oder Frauenbegleiterin ist nicht geschützt. Im Prinzip kann sich jede Frau so nennen. Das ist nicht immer von Vorteil", sagt Stephanie Kespohl. Um die richtige Partnerin zur Aufarbeitung familiärer und persönlicher Konflikte zu finden, helfe nur das Bauchgefühl. "Man spürt, ob die Chemie stimmt."

"Manchmal muss man Pläne auch einfach loslassen und bekommt etwas viel Schöneres dafür geschenkt", sagt Stephanie Kespohl. Im Fall von Leas Mutter heißt das, sich zunächst auf Augenhöhe zum Kind zu begeben, um zu ergründen, warum die Kleine so reagiert. Lea wollte noch nicht ins Auto steigen, sondern lieber in dem herrlichen Laub auf dem Parkplatz herumhüpfen. Ihre Mutter hat aber einen Termin im Nacken, was das Kind nicht versteht und mit Wut darauf reagiert. Doch die Mutter lenkt ein, spielt und tobt mit Lea, wird selbst richtig frei dabei. Das Kind ist glücklich. Den Termin schaffen sie natürlich nicht. "Kinder sind Freigeister, sie kennen keinen Druck und keine Pflicht. Diese Freiheit sollte man ihnen so lange wie möglich erhalten."

Dass Doulas wie sie bei Erziehungsproblemen helfen, ist vergleichsweise selten. Die Mehrzahl der Doulas steht Frauen vor, während und nach der Geburt zur Seite. "In der Schwangerschaft können wir Frauen dabei unterstützen, von Anfang an eine sichere Bindung zum Kind aufzubauen." Dabei helfen ihnen "altes Wissen, bewusste Übungen, neue psychologische Ansätze und ganz individuelle Rituale".

Während der Geburt sind sie die Vertreter der Frau. Sie sichern ihren Raum im Geburtshaus, zu Hause oder im Kreißsaal und bleiben bei ihr, wenn die Hebamme in der Klinik zu einer anderen Gebärenden gerufen wird. "Wir besprechen vorher, wie sich die Frau ihre Geburt wünscht, ob sie Anästhesie oder Schmerzmittel möchte", sagt die Doula. Danach sorge man dafür, dass die Wochenbettruhe gewahrt bleibe. Denn Mutter und Vater sollen Zeit haben, eine intensive Bindung zum Kind aufzubauen und gemeinsam in ihrer neuen Situation anzukommen.

Hebammen sehen die Dienste der Doulas kritisch. Denn die privaten Betreuungsdienste setzten ein falsches Zeichen für die Hebammenarbeit, sagt Astrid Giesen vom Hebammenverband Bayern. Hebammen kämpften seit Jahren um mehr Geld von den Krankenkassen. "Besser wäre es, Hebammen so zu bezahlen, dass eine 1:1-Betreuung möglich ist", bestätigt auch Stephanie Hahn-Schaffarczyk, Vorsitzende der sächsischen Hebammen. Sie sieht die Dienste der Doulas dennoch als Bereicherung. Aber nur, wenn ihre Aufgaben im Kreißsaal klar abgegrenzt sind, sie sich also nicht in die Geburtshilfe einmischen.

Die Doula-Betreuung ist eine Privatleistung, für die es keine Vorgaben oder Preislisten gibt. Im Schnitt kostet die Betreuung rund um die Geburt 1500 Euro. Darin enthalten seien die Rufbereitschaft rund um die Uhr im Zeitraum von 14 Tagen vor bis 14 Tage nach dem errechneten Geburtstermin, die Geburtsbegleitung sowie Besuche in Schwangerschaft und Wochenbettzeit. "Ich berechne mein Honorar entsprechend den finanziellen Verhältnissen der Frau. Meine Infoabende sind aber immer kostenlos, damit die Frauen einen Einblick bekommen, wie wertvoll ihre Schwangerschaft ist", sagt Stephanie Kespohl.

www.doulas-in-deutschland.de


Verhaltensgrundsätze der Doulas

Der Verband Doulas in Deutschland hat sich folgende Verhaltensgrundsätze auferlegt:

Die wichtigste Verantwortung der Doula ist die ihrer Klientin gegenüber. Sie fördert die maximale Selbstbestimmung der Klientin und unterstützt diese. Die Doula greift nicht in medizinische Belange ein.

Die Doula respektiert die Privatsphäre ihrer Klientin (und deren Partner) und behandelt alle Informationen, die sie im Zuge ihrer professionellen Leistung erfährt, vertraulich.

Wenn die Doula der Zusammenarbeit mit einer bestimmten Klientin zustimmt, ist es ihre Verpflichtung, dies verlässlich zu tun, für die Dauer der vereinbarten Zeitspanne.

Wenn eine Doula Gebühren festsetzt, soll sie sicherstellen, dass sie fair, begründbar, angemessen und im Einklang mit den erbrachten Leistungen und in Anbetracht der Fähigkeit der Klientin zu zahlen sind.

Die Doula wird das allgemeine Wohlergehen von Frauen und ihren Babys und wann auch immer möglich das ihrer Familien unterstützen. Die Doula wird ihrer Klientin helfen, bei Bedarf geeignete Hilfsangebote zu finden.

1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    3
    Eichelhäher65
    25.11.2019

    Den meisten psychologischen Aufwand könnte man sich ersparen, wenn endlich eingesehen wird, dass Vollzeit-Berufstätigkeit und Kindererziehung nicht wirklich zusammengehen. Vieles entsteht durch Zeitmangel und Stress der Mutter, bedingt durch o.g. . Viele Kinder können einem heute leidtun.



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