Zur Mutter, zum Vater oder zu beiden?

Viele Kinder leiden unter der Trennung ihrer Eltern. "Freie Presse" lädt ein zur Leserdiskussion über das richtige Betreuungsmodell.

Timo und Julia aus Chemnitz sind seit zehn Jahren ein Paar, fünf Jahre davon verheiratet. Doch das ist jetzt vorbei, denn sie haben beschlossen, sich scheiden zu lassen. Über die Gründe möchten sie nicht sprechen, auch ihre richtigen Namen nicht nennen. Es ist zu viel kaputtgegangen zwischen ihnen, sagen sie, das sei nichts für die Öffentlichkeit. Für ihre Kinder Laura (6) und Emil (4) wollen sie aber weiterhin gute Eltern sein, darin sind sie sich einig.

Doch wie soll das funktionieren, ohne dass die Kinder darunter leiden? Julia hat sich bisher mehr um die Kinder gekümmert als Timo, denn sie hat in Teilzeit gearbeitet. Doch auch Timo hat jede freie Stunde mit den Kindern verbracht, das will sie ihm nicht absprechen. Dennoch findet sie es besser, wenn die Kinder bei ihr bleiben, in ihrer gewohnten Umgebung. Er könne mit ihnen Wochenenden oder Ferienzeiten verbringen. Doch das sieht Timo anders. Er möchte nicht nur Zahl- und Bespaßungsvater sein, sondern gleichberechtigt mit Julia seine Kinder erziehen. Wechselmodell nennen das Familienrechtler. Das Residenzmodell, das Julia favorisiert, sei nicht mehr zeitgemäß, sagt Timo. Und wieder gibt es Streit. Laura und Emil , dass es um sie geht und fühlen sich schuldig.

Ein Fall, wie er sich täglich tausendfach in Deutschland abspielt. Pro Jahr sind laut Bundesfamilienministerium etwa 200.000 Kinder von der Trennung ihrer Eltern betroffen. Sie sind häufiger psychisch krank, haben schlechtere Schulnoten oder Probleme in sozialen Beziehungen, belegen Studien. "Doch es gibt noch nicht viele Untersuchungen dazu, 50 oder 60 weltweit", sagt Dr. Stefan Rücker, Psychologe an der Uni Bremen. Er leitet die neue Studie "Kindeswohl und Umgangsrecht", die vom Bundesfamilienministerium in Auftrag gegeben wurde. Sie ist die größte dieser Art und soll im Herbst vorgestellt werden.

Dazu wurden 1200 Kinder getrennter Eltern zur Umgangssituation befragt. "Weil das bei den Null- bis Sechsjährigen noch nicht möglich war, haben wir bei den Kinderärzten Auskünfte eingeholt: über den allgemeinen Gesundheitszustand, über Sprachentwicklung, motorische Fähigkeiten und die Meilensteine der Entwicklung - also wann ein Kind was können sollte", sagt Rücker. Die Älteren äußerten sich in Fragebögen, was sie sich für ihre Zukunft wünschen, wie sie die Trennung der Eltern erlebt haben, wie oft sie beide Elternteile sehen, wie sich das auf Freundschaften und Schule ausgewirkt hat. Rücker zufolge zeichnet sich bereits ein Trend ab: "Die Bedeutung der Betreuungsmodelle, also Residenz-, Wechsel- oder Nestmodell, wird überschätzt. Die Elterneigenschaften Liebe, körperliche Nähe und ein zugewandter Erziehungsstil sind viel wichtiger."

Jedem vierten Kind in Sachsen geht es wie Laura und Emil. Meist bleiben sie nach der Trennung bei der Mutter und besuchen den Vater in regelmäßigen Abständen. Dieses Residenzmodell hat in Deutschland Tradition: In Sachsen sind rund 90 Prozent der Alleinerziehenden Frauen. 2017 waren es laut Statistischem Landesamt 208.000 im Vergleich zu 23.000 Männern.

Diese Realität steht im krassen Gegensatz zu den Wünschen von Eltern: Laut einer Allensbach-Umfrage aus dem Jahr 2017 wollen 77 Prozent, dass nach der Trennung beide Eltern das Kind betreuen und erziehen - also das Wechselmodell. In Belgien, Schweden, Frankreich, Norwegen, Italien und Spanien, auch in vielen US-amerikanischen Bundesstaaten und in Australien wird es bereits favorisiert oder ist sogar Gesetz. In Deutschland wird es von etwa jeder zehnten Trennungsfamilie gelebt. Beim Wechselmodell pendeln die Kinder wöchentlich, täglich oder 14-tägig zwischen der Wohnung der Mutter und der des Vaters, was für sie eine große Umstellung und Stress bedeutet. Die Kinder haben zwei Wohnsitze. Die Aufteilung der Erziehungsverantwortung muss dabei nicht genau hälftig sein. "Ab 30:70 Prozent spricht man bereits vom Wechselmodell", sagt Stefan Rücker. "Doch es ist ein teueres Modell und deshalb sozial ungerecht. Untere Einkommensschichten werden hier abgehängt, sodass Betroffene oft zähneknirschend in das Residenzmodell einwilligen."

Denn benötigt werden zwei möglichst nahe beieinanderliegende Wohnungen mit je einem eigenen Zimmer für das oder die Kinder. Oft muss auch die Arbeitszeit in der Betreuungswoche kürzer ausfallen, um Zeit mit dem Kind verbringen zu können. Dafür würde es den Kindern besser gehen, betonen Väterinitiativen wie der "Väteraufbruch für Kinder". Deshalb fordern sie, das Wechselmodell als Regelfall im Gesetz festzuschreiben.

Die Mütterinitiative Alleinerziehender möchte das nicht. Sie veröffentlicht deshalb Beispiele missglückter Wechselmodelle, wo Kinder stundenlange Reisen mit Schul- oder Kitawechseln auf sich nehmen müssen. Nicht nur die Lobbyisten, auch die Parteien streiten über das beste Betreuungsmodell. Die FDP möchte ein verbindliches Wechselmodell per Gesetz, alle anderen sind für individuelle Entscheidungen.

Doch es gibt noch ein drittes Modell: das Nestmodell. Es ist am teuersten, belastet aber die Kinder am wenigsten: Sie behalten ihren festen Wohnsitz und haben keinen Wechselstress. Nötig sind dafür aber drei Wohnungen - eine als Nest für die Kinder und jeweils eine für Mutter und Vater. Sie sind es dann, die in die Nestwohnung pendeln. Weil das nicht nur finanziell, sondern auch in Großstädten mit Wohnungsnot kaum umsetzbar ist, ist es sehr selten in Deutschland.

Eine Reform des Familienrechts ist dringend nötig, sagen Lobbyisten und Parteien, rücken aber kaum von ihren vorgefertigten Meinungen ab. Es ist ein Szenario wie in Trennungsfamilien. "Die Studie des Bundesfamilienministeriums könnte Anstoß zum Umdenken sein", hofft Rücker.

Julia und Timo aus Chemnitz wollen sich beraten lassen. Denn ohne fachliche Hilfe schaffen sie es nicht, die Verletzungen, die ihre Trennung mit sich bringt, den Kindern zuliebe beiseitezulassen und ihnen weiter gute Eltern zu sein.


Was ist das Beste fürs Kind? Diskutieren Sie mit Experten 

Am 9. Mai, 18.30 Uhr, veranstaltet die "Freie Presse" im Haus der Presse Dresden, Ostra-Allee 20, eine Podiumsdiskussion zum Thema "Zur Mutter - zum Vater - zu beiden? Was ist das Beste fürs Kind nach einer Trennung?" Es diskutieren und beantworten Ihre Fragen:

Kerstin Rhinow-Simon: Die Mediatorin und Fachanwältin für Familienrecht aus Dresden sagt: Väter nutzen heute mit Erfolg ihre Rechte gleichberechtigt wie die Mütter. Sie wollen weiter im Leben ihrer Kinder präsent sein.


Axel Müller-Christiansen: Der Verfahrensbeistand, Jurist und kinderpsychologische Berater aus Görlitz nimmt in Trennungsverfahren die Rechte der Kinder wahr. Er sagt: Sich für einen Elternteil zu entscheiden, überfordert besonders kleinere Kinder, und sie sind dann oft im Loyalitätskonflikt.


Antje Kräuter: Die Psychologin aus Chemnitz ist Expertin für frühe Kindheit. Sie sagt: Der Ansatzpunkt, dass Kleinstkinder nach der Scheidung gleichviel Zeit bei Mutter und Vater verbringen, entspricht nicht dem besten Interesse kleiner Kinder.


Ingrid Ortland: Die Psychologin und Autorin sagt: Väterinteressen werden heute vorrangig beachtet. Amtsträger entscheiden oft willkürlich.

Karten für 5 Euro an allen SZ-Vorverkaufsstellen oder verbindliche Voranmeldung per E-Mail unter: leben@redaktion-nutzwerk.de

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8Kommentare
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  • 4
    3
    BertaH
    08.04.2019

    Täglichleser, auch Familien die unglücklich sind und nur wegen der Kinder zusammen bleiben sind KEINE intakten Familien. Besser glücklich getrennt als unglücklich zusammen. DIe Kinder spüren dass und werden in derartigen Konstellationen eher geschädigt als geschützt. Jede Familie muss ihren eigenen WEG finden. Ich finde es verantwortungslos, finanzielle Interessen und Besitzansprüche an den Kindern als Argument zu nutzen um eine Parität herzustellen. ECHTE Parität, wenn sie zum Wohle der Kinder gelebt werden soll, wird FREIWILLIG und bereits VOR TRENNUNG gelebt. Die meisten entdecken diese jedoch erst nach der Trennung. DAs ist nicht zum WOHLE der Kinder! WM bedeutet für die MEHRZAHL der Kinder die ich kenne, mehr Betreuung von dritten, damit Mama und Papa arbeiten gehen können um sich das überhaupt leisten zu können. Völliger IRRSINN!

  • 4
    3
    Mike1969
    08.04.2019

    Hier eine Ergänzung dazu von mir zum Wechselmodell:

    https://www.welt.de/vermischtes/article188344469/Anita-Heiliger-kritisiert-Wechselmodell-Recht-des-Vaters-ueber-dem-des-Kindes.html#cs-GettyImages-764783223-jpg.jpg

    Ich möchte auch keine 2 Büros oder Wohnungen haben. Das wird verlangt erst von Müttern die zu ihrer neuen Familie ziehen wollen. Und da ist egal ob es noch ein weiteres Kind gibt. Und dann geht's ab ins Wechselmodell für das Kind. Welcher Irrsinn ist das? Das wollen schon Erwachsene nicht. Warum sollten Kinder dies toll finden?

  • 6
    4
    cn3boj00
    08.04.2019

    @BertaH: als Mann pflichte ich Ihnen zu 100% zu. In vielen Dingen, die mit der Scheidung einhergehen, wird vorrangig nur auf die Erwachsenen abgestellt, das Wohl des Kindes steht hintenan. Und wer behauptet, es sei im Interesse der Kinder, wenn sie wechselweise in einer zerissenen Familie aufwachsen, hat keine Ahnung. Kinder brauchen eine intakte Familie, keine kaputte. Für sie ist es allemal besser, sich an ein Elternteil, in der Regel die Mutter, zu binden. Das vereinfacht auch die Möglichkeit, wenn sich ein Elternteil, auch die Mutter, eines Tages neu bindet.
    Grundsätzlich kann so etwas nicht gesetzlich geregelt werden. Wenn nach der Scheidung die Eltern weiterhin in einer guten Beziehung leben werden sie in der Lage sein, das richtige für das Kind zu tun, auf freiwilliger Basis. Wenn die Eltern sich so auseinandergelebt haben, dass dies nicht möglich ist, muss man abwägen, welches zu Hause dass bessere ist, aber ein echtes Zuhause ist viel besser zwei halbe! Und im Zweifel ist sogar ein Zuhause bei den Großeltern vorzuziehen. Wechselmodell heißt meistens, ein unschuldiges Kind in einen Konflikt, der zur Scheidung geführt hat, hineizuziehen. Denn es ist eher die Ausnahme, dass geschiedene Eltern danach noch eine harmonische Beziehung pflegen. Das darf auch ich aus der Erfahrung eines Opas zweier Scheidungskinder sagen.

  • 7
    5
    Täglichleser
    08.04.2019

    Ja zu DDR-Zeiten trennte man sich schnell.
    Vor allen, wenn noch keine Kinder vorhanden waren. Wenn dann Kinder vorhanden, trennte man sich dann nicht so schnell. Irgendwie war uns das Kindeswohl
    wichtiger als alles andere. Kinder sollten
    gemeinsam mit Vater uns Mutter aufwachsen. Irgendwie war das eine moralische Vorgabe. So schlecht fand ich das nicht. Die Unstimmigkeiten der Ehe haben sich dann oft geglättet. Liebe in
    alle Ewigkeiten hin und her. Scheidung später ging dann immer noch.
    Familienfreundlich war das. Heute weniger.
    Thema wäre jetzt für mich, wie binden wir die Grosseltern ein in den "Generationenkonflkt" und die Erziehung der Kinder auch zum generationenübergreifenden Zusammenleben. Familen sind explodiert.
    Oma und Opa sind kein Thema mehr.
    Schade. Intakte Familien sind hier im Osten die Ausnahme. Aber es wird sich langsam biologisch lösen.

  • 8
    7
    Steuerzahler
    08.04.2019

    „Die Mediatorin und Fachanwältin für Familienrecht aus Dresden sagt: Väter nutzen heute mit Erfolg ihre Rechte gleichberechtigt wie die Mütter. Sie wollen weiter im Leben ihrer Kinder präsent sein.“
    Genau das ist das Problem! Sie nutzen ihre Techte und genau darauf wird gezielt abgestellt! Aber wie sieht es mit dem Pflichten aus? Die bleiben natürlich standardmäßig bei der Mutter kleben und Streitigkeiten gehen am Kind vorbei? Man hat eh den Eindruck, dass es mehr darum geht, das Kind wie die Wäre X mit 50/50 aufzuteilen und den Vätern dabei ihre Genugtuung zu verschaffen. Ein festes Zuhause für das Kind mit regelmäßigen Umgangsformen und Regularien - Fehlanzeige! Das sage ich aus Erfahrung und als Mann!

  • 8
    7
    BertaH
    08.04.2019

    Ich werde dieser Diskussion beiwohnen. Das Wechselmodell wird nur den Elterninteressen gerecht, aber nicht den kindlichen Bedürfnissen. Ein Kind braucht ein zu Hause. Elternteile die sich bereits vor der Trennung gleichberechtigt gekümmert haben, sind durchaus in der Lage ein WM zu führen. Aber es bedarf großer Kompromisse zum Wohle der Kinder und einer entspannten Elternebene. Sobald Konflikte da sind, werden diese über die Kinder ausgetragen. Das WM ist ein guter Nährboden für streitverschlimmernde Situationen die überwiegend die Kinder belasten. Es wäre sinnvoll nicht mehr den argumenten ZEITGEMÄSS etc. zu kommen, sondern die Bedürfnisse der Kinder in den Vordergrund zu stellen. Und da spielt es keine Rolle ob das ZEITGEMÄSS ist. Kinder sind keine Besitztümer die man 50/50 aufteilen kann und sollte! Völlig falscher Ansatz!

  • 6
    11
    Mike1969
    08.04.2019

    Hier mal paar Anregungen:
    https://muetterimfamiliengericht.wordpress.com/category/wechselmodell/
    https://www.stadtlandmama.de/content/trennung-%E2%80%9Ewie-das-wechselmodell-unsere-familie-fast-den-wahnsinn-trieb%E2%80%9C-%E2%80%93-gastbeitrag-von
    In Frankreich streigt man inzwischen gegen das Wechselmodell.

    Und am Rande. Ihr Frauen solltet Euch genau überlegen ob ihr Ende nur als Leihmutter oder Brutkasten Euch behandeln lassen wollt?! Denn es gibt in Berlin schon Wechselmodelle von Kleinkindern die noch die Muttermilch brauchen. Ihr habt den Stress das Kind zu bekommen und verzichtet auf Alles. Der Vater verzichtet auf was? Warum wollt ihr noch ein Kind, wenn es Euch dann sowieso weggenommen werden kann?

  • 9
    5
    Mike1969
    08.04.2019

    Nestmodell! Hammer! Dann kommen neue Kinder unter die Räder, da diese dann auch ständig 2 Wohnungen haben. Oder aller 14 Tage auf Mutter oder Vater verzichten müssen. Was ist hier los in Deutschland? Steigt der Wohlstand der Gesellschaft langsam den Entscheidern in den Kopf?



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