Hakenkreuze gegen Kurden und die Frage: Was sah die Chemnitzer Polizei?

Eine Fladenbrotbäckerei wurde mit Nazisymbolen beschmiert. Die Polizei war in der Tatnacht vor Ort und traf einen Täter - ohne ihn zu verhaften. Schon wieder die Sachsen, empörte sich das Netz. Doch womöglich gibt es gar keinen Skandal.

Chemnitz. Bei Twitter brach ein Sturm der Entrüstung los: "Das is Sachsen. Da is Rechtsradikalismus hip auch innerhalb der Polizei", meinte ein Nutzer. Ein anderer kommentierte: "Nichts Ungewöhnliches, alles im Lot in #Braunland". Und das "Neue Deutschland" titelte am Donnerstag in seiner Online-Ausgabe: "Rechte schmieren Hakenkreuze, Polizei lässt gewähren".
Sachsen war mal wieder in den Schlagzeilen - und der Vorwurf wog schwer: Polizeibeamte in Chemnitz sollen rechte Schmierereien gesehen und sogar einen der Täter am Tatort angetroffen haben - ohne einzugreifen. In der Nacht zum Dienstag hatten Unbekannte eine Fladenbrotbäckerei im Chemnitzer Stadtteil Sonnenberg mit Parolen wie "Sieg Heil" sowie Hakenkreuzen und SS-Runen beschmiert. Nach Angaben des Inhabers war es nicht der erste derartige Angriff - doch diesmal blieb er nicht unbeobachtet: Mehrere Überwachungskameras, die der kurdischstämmige Unternehmer installieren ließ, hielten das nächtliche Geschehen rund um das Gebäude detailliert fest.

Eine Aufnahme aus dem Inneren des Hauses zeigt, wie um 2.19 Uhr ein Polizeiauto vor dem Gebäude vorfährt und ein junger Mann mit Baseballmütze auf den Wagen zugeht. Auf Bildern einer Außenkamera, die die Zeit 1.35 Uhr anzeigt, ist zu sehen, wie dieselbe Person zusammen mit einem zweiten Mann die Fassade des Gebäudes besprüht.Ein Online-Nachrichtenportal erweckte dabei den Eindruck, dass die
Polizeistreife die rechten Parolen und Symbole an der Bäckerei gesehen haben muss und nicht einschritt. Kaya Yavuz, der Betreiber der Bäckerei, sagte indes der "Freien Presse", bei der Innenkamera sei noch die Sommerzeit eingestellt gewesen; die Uhr ging dort also eine Stunde vor. Tatsächlich zeigen auch die entsprechenden Video-Dateien, die der "Freien Presse" vorliegen, in den Eigenschaften jeweils eine um eine Stunde frühere Erstellzeit. Das würde bedeuten, dass die Polizei nicht nach der Tat, sondern etwa
15 Minuten vorher vor Ort war.

Die Polizeidirektion Chemnitz äußerte sich am Donnerstag noch nicht zu dem Hergang. Man prüfe die Kameraaufnahmen; diese müssten zunächst in eine Chronologie gebracht werden. "Erst danach kann eine Aussage dazu getroffen werden, zu welchem Zeitpunkt des Geschehens unsere Streife vor Ort gewesen ist", sagte Sprecherin Jana Kindt und betonte: "Darüber hinaus werden selbstverständlich die Polizisten zum Geschehen in jener Nacht befragt." Der Empörung im Internet versuchte sie mit Gelassenheit zu begegnen: "Wir müssen anders arbeiten, als in sozialen Netzwerken gearbeitet wird." Das Hauptaugenmerk gelte der Ergreifung der Täter. Sollte die Polizei diese anhand der Videoaufnahmen nicht selbst identifizieren können, werde die Staatsanwaltschaft bei Gericht eine Öffentlichkeitsfahndung beantragen. Die Videos würden dann veröffentlicht.

Den Sachschaden an der Bäckerei, den die Polizei auf 10.000 Euro schätzt, muss Inhaber Yavuz nun wohl auf eigene Kosten beseitigen. Seine Gebäudeversicherung decke den Graffiti-Schaden nicht ab, berichtete er. Kritik am Verhalten der Polizei kam von ihm nicht. Aber zumindest ein Hinweis: "Ich wünschte, die Polizei hätte die Personalien von dem Jungen aufgenommen, den sie vor dem Laden angetroffen hat", sagte Yavuz. "Dann hätte sich leichter überprüfen lassen, wer den Laden beschmiert hat."

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23Kommentare
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    0
    1953866
    15.01.2018

    SimpleMan mein x-ter Versuch: Den verlinkten Beitrag kann jeder selber weiter lesen.Zu Ihren Zahlen sage ich ganz deutlich, ich habe zu Statistiken der Polizei bedeutend mehr Vertrauen als zu Zahlen irgendwelcher Stiftungen.

  • 3
    1
    BlackSheep
    14.01.2018

    http://www.tagesspiegel.de/politik/trotz-rechter-kampagne-weiter-staatsgeld-fuer-amadeu-antonio-stiftung/14940904.html https://de.wikipedia.org/wiki/Anetta_Kahane Immer wieder ein spannendes Thema, welchen Quellen kann man glauben? Wer bei der Stasi war weis wie man Leute manipuliert.

  • 2
    4
    SimpleMan
    13.01.2018

    @1953866 "... Gespräche mit Polizeibeamten und Verfassungsschützern..., zeigen, dass ... auch die Verbuchung einer Hakenkreuzschmiererei als ?rechtsextrem? zunehmend als Problem gesehen werden..." Warum haben Sie hier aufgehört diesen Bericht zu zitieren? Interessant ist auch der direkt darauffolgende Satz: " ...Zudem bilanziert der Expertenbericht: ?Die Polizei neigt zu Vermeidungsstrategien und verweist selbst bei der Offensichtlichkeit des Tatmotivs häufig auf alternative, nicht politische Tathintergründe.? Dort wird als Beispiel auf die Diskrepanz zwischen den vom Bundeskriminalamt zwischen 1990 und 2015 gezählten 75 Tötungsdelikten seitens rechter Gewalt verwiesen, während die Amadeu-Antonio-Stiftung auf mindestens 179 Todesopfer kommt. ..."

  • 3
    5
    BlackSheep
    13.01.2018

    @SimpleMan, würde reichen wenn Sie beides lesen und zusammen betrachten, aber Sie blenden ja das aus was ihnen nicht in den Kram passt.

  • 2
    3
    Kastenfrosch
    13.01.2018

    Ach so, das waren Fußballanhänger -- dann können das ja gar keine Rechten gewesen sein! Und wenn irgendwo "Dagobert Duck" neben den Hakenkreuzen stünde, würde jetzt in Entenhausen ermittelt, wie? >Also, dass die Personen auf den beiden Bildern die gleichen sind sehe ich anders. Auf dem Bild der Innenkamera hat die Person eine dunkle Jacke mit hochgestellten Kragen auf dem Bild der Außenkamera eine helle mit Kapuze. Es ist davon auszugehen, dass die ermittelnden Stellen unsere Mutmaßungen auf Basis zweier Standbilder nicht nur nicht brauchen, sondern dankenswerterweise auch gänzlich unbeachtet lassen werden. Dennoch ein Stichwort: Infrarot. Dies würde die ungewohnte Farbwiedergabe (Rasen auf dem einen Foto, Pflanze/Weihnachtsbaum auf dem anderen; mutmaßlich grün -> schneeweiß) erklären, und möglicherweise auch, warum sich die Personen bei vergleichsweise wenig Umgebungslicht (und ordentlich Sprit im Tank) offenbar recht sicher wähnten (den Volkswillen auch nicht zu vergessen). Wenn ich -- unter dieser Prämisse -- den Flaschenhalter auf dem einen, mit der Person auf dem anderen Foto vergleiche, sind sich die beiden so unähnlich jedenfalls nicht.

  • 4
    3
    SimpleMan
    12.01.2018

    @Hinterfragt " ...Neben Hakenkreuzen und Runen hinterließen die Täter weitere Schmierereien mit Fußballbezug wie "Chemnitz Ultras ..." Und weil es auch Schmierereien mit Fußballbezug gibt, brauchen wir über die Hakenkreuze nicht zu reden und es handelt sich nicht um Rechtsradikale sondern um Fußballfans. Na, dann würde ich doch eher sagen es handelt sich um rechtsradikale Fußballfans.

  • 3
    2
    1953866
    12.01.2018

    SimpleMan, "Gespräche mit Polizeibeamten und Verfassungsschützern..., zeigen, dass ... auch die Verbuchung einer Hakenkreuzschmiererei als ?rechtsextrem? zunehmend als Problem gesehen werden..." https://www.welt.de/politik/deutschland/article168436745/Zahl-der-antisemitischen-Delikte-in-Deutschland-steigt.html#Comments Übrigens ein Link von Blackadder. Es hat auch schon Hakenkreuz-Schmierereien an Flüchtlingsheimen gegeben, die angezündet wurden: https://www.welt.de/politik/deutschland/article154185175/Syrer-gesteht-Brandlegung-mit-Hakenkreuz-Schmiererei.html Also Ergebnisse abwarten und nicht so schnell urteilen. (Auch ein Tipp von B.)

  • 3
    4
    Hinterfragt
    12.01.2018

    @SimpleMan; "Rückblick: Hassparolen an Fassade von kurdischer Bäckerei " "...Am Hintereingang, der über einen Parkplatz zu erreichen ist, stand ebenfalls in roter Farbe die Losung "Tod und Hass der BSG". Die Abkürzung BSG könnte sich unter anderem auf den Fußballverein FC Erzgebirge Aue beziehen, früher BSG Wismut Aue. Deren Fans und die Fans des Chemnitzer FC sind seit Jahrzehnten miteinander verfeindet. Neben Hakenkreuzen und Runen hinterließen die Täter weitere Schmierereien mit Fußballbezug wie "Chemnitz Ultras"...." Alles lesen, nicht nur dass, was in den Kram passt!

  • 5
    3
    SimpleMan
    12.01.2018

    @Hinterfragt "...Auf der Glasfassade, die den kompletten Eingangsbereich des Ladens einnimmt, prangten zwei rote Hakenkreuze und eine SS-Aufschrift in Runenform. Auf eine Steinplatte direkt vor dem Fenster war ein weiteres Hakenkreuz gesprüht worden, ebenso wie die Worte "Heil Hitler". ..." https://www.freiepresse.de/LOKALES/CHEMNITZ/Hassparolen-an-Fassade-von-kurdischer-Baeckerei-artikel10098716.php Nicht nur Bildchen gucken auch mal Text lesen.

  • 3
    4
    Hinterfragt
    12.01.2018

    @SimpleMan;"...nur die Überschrift zu lesen..." das scheint dann Ihr Problem zu sein, dass Sie nur die Überschriften lesen! ...Neben der Aufschrift "Tod und Hass der BSG" ... Yavuz Kaya ..."

  • 6
    4
    SimpleMan
    12.01.2018

    @BlackSheep Warum wohl heißt die Überschrift zu diesem Artikel "Hakenkreuze gegen Kurden ..."? Vielleicht sollten Sie zuerst den Artikel lesen, bevor Sie hier wild spekulierend auf Kommentare antworten. In diesem Fall hätte sogar gereicht nur die Überschrift zu lesen ...

  • 6
    6
    BlackSheep
    12.01.2018

    @SimpleMan, klar, wer fremdenfeindlich gegen den Bäcker wettern will, schreibt aus Spass an der Freude "Tod und Hass der BSG". Aber man sieht an Ihrer Äußerung wie man am besten damit umgeht, das ignoriert man und endlich wieder waren die bösen Nazis unterwegs.

  • 7
    5
    Blackadder
    12.01.2018

    @bürgerenergie: Danke! Und viel Erfolg!

  • 7
    8
    bürgerenergie
    12.01.2018

    "... dass derzeit versucht wird ..." ist glücklicherweise so nicht mehr richtig. Zum Glück, denn das Gros der Schmiereien und auch die Attacken auf das Abgeordnetenbüro sind nun inzwischen etliche Monate her. Akteure vor Ort vor allem waren es - die durch schnelles Handeln, Beseitigen der Nazi-Schmierereien, aber auch ein umfängliches Outing der Täter und nicht zuletzt die schöne, farbliche Gestaltung zuvor beschmierter Flächen dem Treiben zunächst ein Ende bereitet hatten. Sollte es jetzt tatsächlich wieder in größerer Breite losgehen, wird der Sonnenberg erneut dagegen aktiv werden ...

  • 4
    7
    SimpleMan
    12.01.2018

    @BlackSheep "Da schreiben welche "Tod und Hass der BSG" ..." Das ist nur der Spruch, der hier veröffentlicht wurde. Die anderen Schmiererein sind eindeutig rechtsradikal.

  • 7
    8
    Blackadder
    12.01.2018

    Oh wow, blacksheep. ich schreibe einen einzigen Satz, in dem ich nur einer Kommentatorin zustimme und das ist für Sie schon wieder Sachsenbashing! Egal. Selbst wenn ich hier schreiben würde, ich Erde ist rund hätte ich mindestens 3 Daumen runter. Man muss sich seinen Ruf eben auch verdienen! Und jetzt mal zum derzeitigen Stand: Sieht wohl so aus, als sei eine der Uhren der Kameras noch nicht auf Winterzeit umgestellt gewesen und alles doch nicht so wild. Aufgeklärt werden, sollte es natürlich trotzdem. Was nicht vergessen werden sollte in dem Ganzen hin und her um Polizei und Kameras ist doch, dass derzeit wohl von einigen Seiten versucht wird, den Sonnenberg in Chemnitz zu einem rechten Kiez zu machen. Fakten dazu gibt es hier: http://www.taz.de/!5377926/ und hier: http://www.spiegel.de/sptv/spiegeltv/chemnitz-sonnenberg-spiegel-tv-ueber-neonazis-a-1137645.html und hier: https://www.welt.de/print/die_welt/politik/article160166075/Kampf-gegen-den-Nazikiez.html und hier: http://www.huffingtonpost.de/susanneschaper/nazis-chemnitz-sonnenberg-neonazis-gewalt-rechtsextremismus_b_13864812.html und nicht zuletzt auch bei der Freien Presse: https://www.freiepresse.de/LOKALES/CHEMNITZ/Sonnenberg-Gewaltspirale-im-Nazi-Kiez-artikel9688799.php

  • 10
    7
    BlackSheep
    12.01.2018

    Da schreiben welche "Tod und Hass der BSG" und für einige geht hier die NSU Mordserie wieder los? Wenn es hier einer auf den Bäcker abgesehen hätte, wären wohl kaum irgendwelche Fussballparolen dabeigewesen. Aber ich seh schon, Blackadder kann endlich ihrem geliebten Sachsenbasshing frönen.

  • 14
    6
    Einspruch
    11.01.2018

    @KirstinS: Bis jetzt stützen sich alle Erkenntnisse und Behauptungen auf die Aussage des Ladeninhabers und seiner irgendwie eingestellten Kameras. Vorbeugende Handlungen der Polizei werden immer abgelehnt, wenn die Täter noch nicht erwiesen und nicht deutsch sind. Als Vorurteile. Warum soll das jetzt anders sein? Wer weiß denn, ob der Zeitpunkt der Kontrolle stimmt und der Kontrollierte überhaupt im Zusammenhang zur Tat steht? Und das die Täter unbeirrt weiter machen können und die Schuld bei den Opfern gesucht wird, ja , das kommt mir auch bekannt vor. Nur das die Opfer dann meist tolerant sein sollen und kulturelle Besonderheiten der Täter akzeptieren sollen.

  • 6
    10
    Blackadder
    11.01.2018

    @ KristinS: Genau daran habe ich bei Einspruchs Kommentar auch gedacht.

  • 5
    3
    Hinterfragt
    11.01.2018

    Also, dass die Personen auf den beiden Bildern die gleichen sind sehe ich anders. Auf dem Bild der Innenkamera hat die Person eine dunkle Jacke mit hochgestellten Kragen auf dem Bild der Außenkamera eine helle mit Kapuze.

  • 7
    15
    KristinS
    11.01.2018

    @Einspruch: Genau solche Anschuldigungen gab es vor einigen Jahren schon mal. Herausgekommen ist eine Serie von Morden an Ausländern, bei denen die Schuld bei den Opfern gesucht wurde und die Täter unbeirrt weiter machen konnten. Dass scheinbar Polizisten die Täter gewähren ließen, passt ebenfalls genau zu dem Bild, welches ich von oben genannten Taten habe.

  • 12
    7
    Hinterfragt
    11.01.2018

    Der Schuss mit den Kamerabildern könnte nach hinten losgehen. Private Videokameras dürfen öffentliche und fremde private Flächen nicht erfassen. Die Aufnahme von 01:35:39 zeigt aber genau solchen.

  • 8
    10
    Einspruch
    11.01.2018

    Wenn schon die Zeiten nicht stimmen, stimmt vielleicht auch einiges andere nicht. Vielleicht zeigte die andere Kamera irgendeine Aufnahme zu irgendeiner Zeit, würde mich nicht wundern.



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