In letzter Minute: Stadträte fordern Erhalt von Kulturdenkmal

Abrisspläne des Rathauses haben eine neue Debatte über den Umgang mit historischer Bausubstanz entfacht. Kritiker sehen die Stadt in der Pflicht.

Nach der Ankündigung der Stadt, das denkmalgeschützte Gebäude Annaberger Straße 110 abzureißen, hat eine Diskussion um die Rettung des Hauses begonnen. Stadtrat Lars Fassmann (Vosi/Piraten) hält das noch für möglich, Grünen-Stadtrat Bernhard Herrmann legte gestern ein Konzept zur kurzfristigen Sicherung der Immobilie vor: "Der Abriss soll gestoppt werden, eine Notsicherung erfolgen."

Dazu sollen jene 53.000 Euro genutzt werden, die für den Abriss eingeplant sind, so Hermann. Das Haus müsse eingerüstet und das Dach abgetragen werden, sagte er. Teile des Daches und Decken in den Obergeschossen seien bereits eingestürzt, hatte die Stadt erklärt. Nach der Notsicherung solle der Stadtrat ein Konzept für eine umfassendere Sicherung beschließen, um ein, zwei Jahre Zeit zu gewinnen. Herrmann schlägt danach eine Zwangsversteigerung vor. "Für das Gebäude gibt es Interessenten", ist er überzeugt. Zudem würden nach einer solchen Versteigerung die auf dem Haus lastenden Altschulden gelöscht. Mit dem Plan könne nicht nur diese Haushälfte, sondern das gesamte Ensemble erhalten werden, so Herrmann.

Die Zeit drängt. Bereits am Montag sollen die Abrissarbeiten beginnen. Die Verwaltung halte an ihren Plänen zum Abbruch fest, erklärte gestern ein Sprecher. Dass um 1909 errichtete Haus hatte sich 15 Jahre im Eigentum des Freistaates befunden, der es 2016 an einen privaten Käufer veräußerte. Bis dahin habe die Stadt den zuständigen Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB) mehrmals aufgefordert, das Haus zu sichern. Maßnahmen zur Gefahrenabwehr seien auch erfolgt, mehr jedoch nicht, räumte gestern der Staatsbetrieb Zentrales Flächenmanagement Sachsen ein. Die Stadt habe Erhaltungsmaßnahmen gefordert, "die über die Verkehrssicherungspflicht und Gefahrenabwehr hinausgegangen wären". Die Kosten dafür hätten aber in keinem wirtschaftlich vertretbaren Verhältnis zum Wert des Hauses gestanden.

Kritik am Freistaat äußerte gestern der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Stadtrat, Thomas Lehmann. Die Hauptschuld am Zustand des Hauses trage die SIB, sagte er: "Sie muss zur Verantwortung gezogen werden." Die Verwaltung solle das Gespräch mit dem zuständigen Ministerium suchen: "Das Mindeste wäre, dass der Freistaat kurzfristig Mittel der Denkmalpflege für die Sicherung bereitstellt." Die Stadtratsfraktion Bündnis90/Die Grünen fordere einen Abriss-Stopp, sagte Lehmann.

Die Diskussion weckt Erinnerungen an ähnlich erbittert geführte Debatten vor gut zehn Jahren. Damals hatte insbesondere die städtische Wohnungsgesellschaft GGG eine Reihe zumeist leer stehender denkmalgeschützter Häuser abreißen lassen - aus rein finanziellen Erwägungen und zum Schaden des Stadtbilds, beklagten Kritiker. Prominente Fälle waren das ehemalige Domizil der Künstlergruppe Chemnitz an der Ecke Zschopauer/Wartburgstraße, das trotz Protesten Anfang 2006 verschwand; der ob seiner charakteristischen Architektur stadtweit einzigartige Rundbau am Heimgarten (2008) und Reihen bis zuletzt bewohnter Siedlungshäuser im sogenannten Heimatstil an der Hans-Sachs-Straße (2009).

"Die Stadt unternimmt zu wenig, macht Dienst nach Vorschrift und schaut zu, wie stadtbildprägende Gebäude verfallen", kritisiert Michael Backhaus von der Initiative Stadtforum Chemnitz. Er ist ganz in der Nähe des vom Abriss bedrohten Hauses an der Annaberger Straße zu Hause und hofft auf eine Rettung in letzter Minute. "Solange der Bagger noch nicht reingerissen hat, gibt es Hoffnung", meint er.


Kommentar: Kollektives Versagen

Seit Jahrzehnten steht das markante Haus an der Annaberger Straße in Altchemnitz leer. In regelmäßigen Abständen haben Kritiker und einzelne Stadträte zwar ihren Unmut über den Verfall des Denkmals kundgetan. Aber darüber hinaus? Es blieb bei Forderungen und Appellen. Heute zeigt sich: Die Stadträte hätten schon viel früher intensiver darauf drängen müssen, dass die Verwaltung nach Alternativen zum Abriss sucht. Jetzt, Stunden vor dem Abriss, soll das Rad zurückgedreht werden. Plötzlich gibt es sogar einen Rettungsplan. Warum so spät? Jetzt ist vom Versagen auf der ganzen Linie die Rede. Das stimmt. Versagt hat vor allem der Freistaat, der das Chemnitzer Denkmal 15 Jahre lang sich selbst überließ. Aber den Vorwurf, zu wenig getan zu haben, müssen sich auch Rathaus-Mitarbeiter und Stadträte gefallen lassen.

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7Kommentare
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    0
    Interessierte
    26.02.2018

    Dass um 1909 errichtete Haus hatte sich 15 Jahre im Eigentum des Freistaates befunden, der es 2016 an einen privaten Käufer veräußerte ...

    War das nicht so , das dass eine Haus im Privatbesitz war und das andere Haus dem Freistaat gehört hatte ...?

    Und was hat denn der private Käufer von 2016 dort nun gemacht ; oder hat der auch einen Abriß und an eine moderne futuristische Stadtvilla gedacht ...

  • 11
    0
    bürgerenergie
    10.02.2018

    @osgar: Bitte mal informieren: Herr Fassmann HAT zahlreiche Gebäude in zuvor ähnlichem Zustand sichern lassen. Die Leistungen sind fertig und zum Teil sind die Gebäude bereits schon wieder wunderschön neu entstanden in Nutzung. Bspw. in der Körner-, Reinhardt- und Zietenstraße sowie in der Karl-Liebknecht-Str. und am Uni-Campus. Dazu ein großes Industriegebäude. Nur mal so ein wenig "der Realität ins Auge geschaut".

  • 5
    4
    Kastenfrosch
    10.02.2018

    Erstaunlich, wie mehr als 100 Jahre Menschen in diesem und anderen "Schandflecken" leben konnten, bzw. es noch heute tun. Wem an der dortigen Bausituation gelegen ist, der fragt sich hoffentlich, inwieweit der möglicherweise nachfolgende Supermarkt im Gebrüder-Albrecht-Stil zur Aufwertung dieses Bereichs beiträgt. Und vielleicht auch, wie der Leerstand und Verfall derartiger Häuser zur regen Bautätigkeit in der Stadt passt.

  • 3
    5
    osgar
    10.02.2018

    Vorschlag zur Güte, die Herren Fassmann und Herrmann dürfen das Haus für einen symbolischen Euro erwerben und dann lassen sie, von mir aus auch auf Steuerzahlerkosten, das Haus sanieren. Einziehen wird dort natürlich fast keiner, da es ja direkt an der Anna viel zu laut und dreckig ist. Vielleicht können Sie ja auch noch den verdienten Formgestalter der DDR, Herrn Dietel mit ins Boot nehmen. Der wollte doch schon die Häuser an der Leipziger Straße umfassend sanieren.
    Man sollte schon den Realitäten ins Auge schauen und dann die Entscheidungen treffen.

  • 4
    12
    ArndtBremen
    10.02.2018

    Ok. Dann warten wir mal noch paar Jährchen, bis der Stadtrat ausgeschlafen hat. Die für Montag bestellten Abrissgeräte können dann bedenkenlos zur Leipziger Straße umgeleitet werden, um den Schandfleck "Zukunft" zu beseitigen.

  • 6
    9
    Steuerzahler
    10.02.2018

    Wie lange wird dieser Schandfleck der Stadt an einer der wichtigsten Einfallstraßen in der jetzigen Form wohl noch erhalten bleiben?

  • 2
    10
    aussaugerges
    10.02.2018

    Das waren doch die Kommunisten haben sie immer und immer wieder
    gesagt.



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