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Ab Montag soll die rechte Haushälfte, die Nummer 110 des Gebäudes an der Annaberger Straße, abgerissen werden. Kommt der Bagger wirklich?

Foto: Andreas Seidel

In letzter Minute: Stadträte fordern Erhalt von Kulturdenkmal

Abrisspläne des Rathauses haben eine neue Debatte über den Umgang mit historischer Bausubstanz entfacht. Kritiker sehen die Stadt in der Pflicht.

Von Sandra Häfner und Michael Müller
erschienen am 10.02.2018

Nach der Ankündigung der Stadt, das denkmalgeschützte Gebäude Annaberger Straße 110 abzureißen, hat eine Diskussion um die Rettung des Hauses begonnen. Stadtrat Lars Fassmann (Vosi/Piraten) hält das noch für möglich, Grünen-Stadtrat Bernhard Herrmann legte gestern ein Konzept zur kurzfristigen Sicherung der Immobilie vor: "Der Abriss soll gestoppt werden, eine Notsicherung erfolgen."

Dazu sollen jene 53.000 Euro genutzt werden, die für den Abriss eingeplant sind, so Hermann. Das Haus müsse eingerüstet und das Dach abgetragen werden, sagte er. Teile des Daches und Decken in den Obergeschossen seien bereits eingestürzt, hatte die Stadt erklärt. Nach der Notsicherung solle der Stadtrat ein Konzept für eine umfassendere Sicherung beschließen, um ein, zwei Jahre Zeit zu gewinnen. Herrmann schlägt danach eine Zwangsversteigerung vor. "Für das Gebäude gibt es Interessenten", ist er überzeugt. Zudem würden nach einer solchen Versteigerung die auf dem Haus lastenden Altschulden gelöscht. Mit dem Plan könne nicht nur diese Haushälfte, sondern das gesamte Ensemble erhalten werden, so Herrmann.

Die Zeit drängt. Bereits am Montag sollen die Abrissarbeiten beginnen. Die Verwaltung halte an ihren Plänen zum Abbruch fest, erklärte gestern ein Sprecher. Dass um 1909 errichtete Haus hatte sich 15 Jahre im Eigentum des Freistaates befunden, der es 2016 an einen privaten Käufer veräußerte. Bis dahin habe die Stadt den zuständigen Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB) mehrmals aufgefordert, das Haus zu sichern. Maßnahmen zur Gefahrenabwehr seien auch erfolgt, mehr jedoch nicht, räumte gestern der Staatsbetrieb Zentrales Flächenmanagement Sachsen ein. Die Stadt habe Erhaltungsmaßnahmen gefordert, "die über die Verkehrssicherungspflicht und Gefahrenabwehr hinausgegangen wären". Die Kosten dafür hätten aber in keinem wirtschaftlich vertretbaren Verhältnis zum Wert des Hauses gestanden.

Kritik am Freistaat äußerte gestern der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Stadtrat, Thomas Lehmann. Die Hauptschuld am Zustand des Hauses trage die SIB, sagte er: "Sie muss zur Verantwortung gezogen werden." Die Verwaltung solle das Gespräch mit dem zuständigen Ministerium suchen: "Das Mindeste wäre, dass der Freistaat kurzfristig Mittel der Denkmalpflege für die Sicherung bereitstellt." Die Stadtratsfraktion Bündnis90/Die Grünen fordere einen Abriss-Stopp, sagte Lehmann.

Die Diskussion weckt Erinnerungen an ähnlich erbittert geführte Debatten vor gut zehn Jahren. Damals hatte insbesondere die städtische Wohnungsgesellschaft GGG eine Reihe zumeist leer stehender denkmalgeschützter Häuser abreißen lassen - aus rein finanziellen Erwägungen und zum Schaden des Stadtbilds, beklagten Kritiker. Prominente Fälle waren das ehemalige Domizil der Künstlergruppe Chemnitz an der Ecke Zschopauer/Wartburgstraße, das trotz Protesten Anfang 2006 verschwand; der ob seiner charakteristischen Architektur stadtweit einzigartige Rundbau am Heimgarten (2008) und Reihen bis zuletzt bewohnter Siedlungshäuser im sogenannten Heimatstil an der Hans-Sachs-Straße (2009).

"Die Stadt unternimmt zu wenig, macht Dienst nach Vorschrift und schaut zu, wie stadtbildprägende Gebäude verfallen", kritisiert Michael Backhaus von der Initiative Stadtforum Chemnitz. Er ist ganz in der Nähe des vom Abriss bedrohten Hauses an der Annaberger Straße zu Hause und hofft auf eine Rettung in letzter Minute. "Solange der Bagger noch nicht reingerissen hat, gibt es Hoffnung", meint er.

 
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In letzter Minute: Stadträte fordern Erhalt von Kulturdenkmal
Kommentar: Kollektives Versagen
 
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Kommentare
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Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 10.02.2018
    19:48 Uhr

    bürgerenergie: @osgar: Bitte mal informieren: Herr Fassmann HAT zahlreiche Gebäude in zuvor ähnlichem Zustand sichern lassen. Die Leistungen sind fertig und zum Teil sind die Gebäude bereits schon wieder wunderschön neu entstanden in Nutzung. Bspw. in der Körner-, Reinhardt- und Zietenstraße sowie in der Karl-Liebknecht-Str. und am Uni-Campus. Dazu ein großes Industriegebäude. Nur mal so ein wenig "der Realität ins Auge geschaut".

    0 11
     
  • 10.02.2018
    18:23 Uhr

    Kastenfrosch: Erstaunlich, wie mehr als 100 Jahre Menschen in diesem und anderen "Schandflecken" leben konnten, bzw. es noch heute tun. Wem an der dortigen Bausituation gelegen ist, der fragt sich hoffentlich, inwieweit der möglicherweise nachfolgende Supermarkt im Gebrüder-Albrecht-Stil zur Aufwertung dieses Bereichs beiträgt. Und vielleicht auch, wie der Leerstand und Verfall derartiger Häuser zur regen Bautätigkeit in der Stadt passt.

    4 5
     
  • 10.02.2018
    15:05 Uhr

    osgar: Vorschlag zur Güte, die Herren Fassmann und Herrmann dürfen das Haus für einen symbolischen Euro erwerben und dann lassen sie, von mir aus auch auf Steuerzahlerkosten, das Haus sanieren. Einziehen wird dort natürlich fast keiner, da es ja direkt an der Anna viel zu laut und dreckig ist. Vielleicht können Sie ja auch noch den verdienten Formgestalter der DDR, Herrn Dietel mit ins Boot nehmen. Der wollte doch schon die Häuser an der Leipziger Straße umfassend sanieren.
    Man sollte schon den Realitäten ins Auge schauen und dann die Entscheidungen treffen.

    5 3
     
  • 10.02.2018
    11:10 Uhr

    ArndtBremen: Ok. Dann warten wir mal noch paar Jährchen, bis der Stadtrat ausgeschlafen hat. Die für Montag bestellten Abrissgeräte können dann bedenkenlos zur Leipziger Straße umgeleitet werden, um den Schandfleck "Zukunft" zu beseitigen.

    12 4
     
  • 10.02.2018
    10:15 Uhr

    Steuerzahler: Wie lange wird dieser Schandfleck der Stadt an einer der wichtigsten Einfallstraßen in der jetzigen Form wohl noch erhalten bleiben?

    9 6
     

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