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Inge Grunert hat sich auf dem Chemnitzer Brückenmarkt diese Engel gekauft, die sie in einem Film zeigt.

Foto: Jens UhligBild 1 / 3

Jahnsdorferin und ihre Engel spielen in Film wichtige Rolle

Erst wollte die 82-Jährige nicht vor die Kamera. Dann doch. Und so erzählt sie von ihren Erinnerungen an den Chemnitzer Brückenmarkt.

Von Jan Oechsner
erschienen am 14.09.2017

Jahnsdorf. In einer Holzkiste, die der Großvater einst filigran verziert hatte, liegen sie: Erinnerungen an eine Zeit, in der die Zeit selbst wieder lernen musste, eine Bedeutung für die Menschen zu haben. Nach Hitlers Krieg.

Diese Erinnerungen sind nicht mit Schwarzweiß-Fotos mit Zackenrand erhalten, nicht in Briefen auf vergilbtem Papier, denn sie leben in Weihnachtsengeln weiter. "Schauen Sie, einer spielt Harfe. Und der hier, der singt vom Notenblatt", sagt Inge Grunert. Dann dreht sie eine Figur um. 2,75 Mark. Mit Bleistift, vor fast 70 Jahren hingeschrieben.

Die Jahnsdorferin und ihre Figuren spielen eine wichtige Rolle in einem Dokumentarfilm des Harthauers Claus-D. Härtel, dem sächsischen Landespreisträger für Heimatforschung. Der Streifen fängt mit Zeitzeugen, Fotos, akribisch zusammengetragenen Fakten die Nachkriegszeit ein, in dem er den Chemnitzer Brückenmarkt zurück aus der Vergangenheit auf die Leinwand holt - die erste und lang auch einzige große Adresse für alltägliche Einkäufe in der ganzen Region bis in die 1960er-Jahre: Vom Rasierklingenschärfer bis zur Haarnadel, von Sanex-Kondomen bis zu warmen Hausschuhen - dort die Klapptische der fliegenden Händler, da mit einem provisorischen Dach versehene Läden - und an einer Ecke sogar ein Zeitkino mit Luis-Trenker-Filmen in Farbe. "Der Fleischsalat lag auf einem Bogen Papier. Also haben wir das Brötchen als Löffel benutzt", sagt Grunert. Damals gab es noch kein Plastikbesteck.

Inge Grunert ging 1950 zur Kreissparkasse nach Chemnitz in die Lehre. Jeden Morgen gegen 6 Uhr mit dem Dampfzug von Jahnsdorf in die große zerbombte Stadt. Dann rauf zum Kaßberg, wo die Berufsschule war. Da mussten sie und die anderen Mädchen immer am Brückenmarkt vorbei, auf dem heutigen Areal Straße der Nationen/Ecke Brückenstraße. Ab und zu hat sie am Nachmittag den Zug nach Jahnsdorf verpasst. Gute Gelegenheit, über den Brückenmarkt zu schlendern und ein wenig zu träumen, was man sich wohl am liebsten leisten würde. Das war schon Genuss, denn wenige Jahre zuvor wünschte sich das Mädchen Inge Grunert Anderes: Sie hungere und friere gern, wenn nur das Schießen aufhöre.

Jahre später hatte Inge Grunert ihr erstes eigenes Geld. 45 Mark Lehrlingsgehalt im Monat. Es waren schon ein paar Jahre Frieden. Aber die Zeit erlaubte noch keine großen Sprünge.

Einmal leistete sich die junge Jahnsdorferin trotz der dünnen Geldbörse etwas Besonderes: Sandalen. Doch die Freude verpuffte sehr schnell. "Mein Vater, der nach sieben Jahren aus der Gefangenschaft wieder daheim war, meinte, das Wildleder sei vom Hasenfell." Kein Jahr, so seine Prognose, werden die Dinger halten. Er behielt recht.

"Ich bin sehr froh, dass sie in meinem Film mitspielt und etwas von ihren Erinnerungen erzählt", sagt Claus-D. Härtel. Etwa zwei Dutzend Leute hatten sich bei ihm gemeldet. Der Heimatforscher und ehemalige Elektro-Meister lässt einige reden, Zeitzeugen aus Chemnitz, aus Oberlichtenau, aus Zschopau. Eine Frau etwa erzählt vom Klapptisch, auf dem ihr Vater seine Waren auf dem Brückenmarkt feilgeboten hat. Der Tisch steht noch in ihrem Keller. "

Inge Grunert zeigt im Film auch ihre Engel. Einst hat sie sie ihren Eltern geschenkt, obwohl sie sehr teuer waren. Als sie dann gestorben sind, hat sie die Engel in Großvaters Kiste aufbewahrt. "Ich hole sie jedes Jahr im Dezember raus." Mit ihnen kamen die Erinnerungen an einst.

 
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Jahnsdorferin und ihre Engel spielen in Film wichtige Rolle
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