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Kranzniederlegung an der Stele für die Opfer der judenfeindlichen Pogrome vom November 1938 (im Bild: Pfarrerin Dorothee Lücke und Pfarrer Stephan Brenner von der Evangelischen Kirche). Das Gedenken stand in diesem Jahr stark unter dem Eindruck der Ergebnisse der Bundestagswahl.

Foto: Andreas Seidel

Jüdische Gemeinde: "Es gibt keine Hemmschwellen mehr"

Deutlich wie selten zuvor ist am Ort der einstigen Synagoge vor Fremdenhass und Hetze gewarnt worden. Das Unbehagen wächst - nicht erst seit der Bundestagswahl.

Von Michael Müller
erschienen am 10.11.2017

Eigentlich war alles wie immer am Stephanplatz auf dem Kaßberg: Schätzungsweise knapp 200 Chemnitzer haben sich trotz nasskalten Nieselwetters am Standort der einstigen Chemnitzer Synagoge eingefunden, um der Opfer der judenfeindlichen Pogrome vom November 1938 zu gedenken. Unter ihnen viele bekannte Gesichter, aber auch Schüler Chemnitzer Oberschulen und Gymnasien. Kränze werden niedergelegt, Reden gehalten. Das traurige Lied vom brennenden Shtetl erklingt; ein Psalm, ein hebräisches Gebet, Amen.

Und doch war da gestern etwas anders als die Jahre zuvor am 9. November, dem deutschen Schicksalstag. Der Gedanke, ob das, was da vor fast 80Jahren geschah als lokales Vorspiel zum millionenfachen Massenmord in Europa, etwas zu tun haben könnte mit Entwicklungen in allerjüngster Zeit - er war präsent wie selten zuvor.

"Wir als Jüdische Gemeinde sind in Sorge", sagte deren Vorsitzende Ruth Röcher mit Verweis auf die Erfolge einer "rechtspopulistischen Partei mit starken Überschneidungen zur rechtsextremen Szene" bei der Bundestagswahl vor gut einem Monat. "Es gibt keine Hemmschwelle mehr", äußerte sie. Der gesellschaftliche Konsens, öffentlich gezeigten Antisemitismus nicht hinzunehmen, scheine aufgeweicht. Antisemitismus, so Röcher, sei offenbar wieder salonfähig geworden.

Auch die Jüdische Gemeinde in Chemnitz erhalte heute mehr Briefe mit antisemitischen Inhalten als früher, sagte die Gemeindevorsitzende. "Begriffe wie ,Schuldkult', ,Nazikeule', ,Volksverräter' und ,Lügenpresse' sind Bestandteil des Standardvokabulars vieler Bürger geworden." Die Jüdische Gemeinschaft sei sich völlig im Klaren: Die "von der extremen Rechten" betriebene Politik der Ausgrenzung von Minderheiten werde "früher oder später auch uns treffen".

Doch wie dem begegnen? Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig sagte in ihrer Ansprache, sie sei überzeugt, dass man das Unvorstellbare gesehen haben müsse, um zu verstehen, dass der Holocaust keine Geschichte, sondern eine Tatsache sei. "Jeder, der einmal mit offenen Augen und offenem Herzen ein Konzentrationslager gesehen hat, der spürt mit allen Sinnen, wohin Rechtspopulismus, beginnend mit Worten, in der Tat führen kann." Deshalb sei sie dafür, dass jeder Schüler im Unterricht eine KZ-Gedenkstätte besuche. "Wenn es an der Finanzierung durch das Land Sachsen scheitert, bin ich bereit, die Kosten für Chemnitzer Schüler durch die Stadt mitzufinanzieren."

Viele Schulen organisieren solche Gedenkstättenbesuche bereits regelmäßig. "Wir haben seit vielen Jahren schon für die Klassenstufe 9 einen Exkursionstag nach Buchenwald", sagt Steffen Morgner, der Leiter des Goethegymnasiums. Am Gymnasium Einsiedel werden zusätzlich alle zwei Jahre Fahrten nach Krakau und Auschwitz angeboten, für die Klassen 11 und 12. Das Problem der Finanzierung stellt sich dabei mitunter durchaus. "Das geht nur dank der Unterstützung unseres Fördervereins", heißt es etwa von der Unteren Luisenschule.

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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Kommentare
10
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  • 13.11.2017
    08:40 Uhr

    1953866: @leser2020: "Auslassungen... haben wenig mit der als Kommentarregel geforderten Sachbezogenheit zu tun."
    Überschrift gelesen? "Jüdische Gemeinde: "Es gibt keine Hemmschwellen mehr"
    Deutlich wie selten zuvor ist am Ort der einstigen Synagoge vor Fremdenhass und Hetze gewarnt worden."

    0 2
     
  • 12.11.2017
    19:26 Uhr

    leser2020: Den Auslassungen der Mitkommentatoren (Statements anti Luther und pro AfD) und kann ich - da es im Artikel ja schwerpunktmäßig um konkrete lokale Bildungspolitik geht - teilweise leider nur begrenzt folgen, sie haben wenig mit der als Kommentarregel geforderten Sachbezogenheit zu tun.
    Ein begrüßenswerter Gedanke der OB ist es, politische Bildung in Form von thematischen Schülerfahrten finanziell unterstützen zu wollen. Beispielhaft wurde die Gedenkstätte Buchenwald angeführt, auch wenn dort nicht nur der KZ-Opfer, sondern ebenso der Toten aus der Epoche als "Sowietisches Speziallager Nr. 2", das bis in die DDR-Zeit hinein bestand, gedacht wird.
    Die Unterdrückung, Verfolgung und Inhaftierung missliebiger Menschen war im Nationalsozialismus am grausamsten ausgeprägt und steht damit in der Erinnerungskultur - auch und besonders wegen des Holocaust - zu Recht an erster Stelle. Dass sie aber nicht nur auf diesen Zeitabschnitt begrenzt war, zeigt eindrucksvoll die Gedenkstätte Bautzen, in der die geschichtliche Erinnerung und Aufarbeitung neben der NS-Zeit auch die jüngere Vergangenheit bis 1989 umfasst. Die zahlreichen sehr gut gemachten Projektangebote für Schülergruppen ab Klasse 8 sowie - neben freiem Eintritt - die im Unterschied zu Buchenwald kostenlosen Führungen sprechen, wenn man die finanzielle Seite einer Klassenfahrt betrachtet, sogar eher für einen Besuch von Bautzen. Beide sind im Verzeichnis der NS-Gedenkstätten enthalten.

    Pädagogen und Eltern bemühen sich redlich, Kindern und Jugendlichen wichtige ethische Werte beizubringen und wir erwarten zu Recht deren Einhaltung. Welche Wertschätzung und welchen Respekt bringen wir als Erwachsene und Entscheidungsträger aber der heranwachsenden Generation gegenüber? Wenn man die Bildungspolitik betrachtet, oftmals eher wenig.

    Ein Beispiel auf lokaler Eb ene: Unser Sohn lernt in einer oberflächlich sanierten Plattenbau-Grundschule, in der man jetzt die Bänke am Fenster so weit als möglich nach innen gerückt hat. Grund: Die ca. 40 Jahre alte Heizungsanlage lässt sich nicht mehr regulieren; sie "ballert" (teilweise unter erheblicher Geräuschentwicklung) permanent unter voller Last. Im zugehörigen Schulhort wurden im Laufe der Jahre nach und nach alle Außenspielgeräte gesperrt und jetzt abgerissen. Trotz flehentlichem Bitten war kein Geld für Reparatur oder gar Ersatz vorhanden. Beide Gebäude gehören der Stadt Chemnitz. Aus meiner Sicht hat dies eine Menge mit dem Thema des Artikels zu tun. Die Oberbürgermeisterin stellt städtische Gelder für Klassenfahrten in Aussicht? Prima (ich wusste noch gar nicht, dass sie das allein zusagen kann)! In der Hauptsache erfolgt schulische Erziehung und Bildung - auch zu Toleranz, Weltoffenheit, Geschichtsverständnis und all den positiven Werten, an deren Vorhandensein in Sachsen seit der letzten Wahl laut gezweifelt wird, aber immer noch im Klassenzimmer. Den Kindern den Mangel z.B. damit zu erklären, dass sich die OB und der zuständige Baubürgermeister gerade gegenseitig verklagen, hilft da nicht wirklich.

    3 2
     
  • 11.11.2017
    21:32 Uhr

    fsaenge: Die jüdische Gemeinde wird eines Tages noch froh sein, dass es die AfD gibt. Der Blick in die Zukunft fällt einigen eben sehr schwer, aber dieser Fehler wurde im Laufe der Geschichte ja schon öfter gemacht!

    3 5
     
  • 10.11.2017
    19:08 Uhr

    1953866: @franzudo2013, Zustimmung, es wird immer so getan, als wäre es ein rechtsradikales deutsches Problem. Dass die Zunahme der Delikte gegen jüdischen Bürger mit der Zunahme einer bestimmten Gruppe von Zuwanderern zu tun hat, da muss man schon zwischen den Zeilen lesen, bzw. etwas recherchieren. Und mit "bestimmter Gruppe" meine garantiert nicht Asiaten.

    2 9
     
  • 10.11.2017
    17:39 Uhr

    franzudo2013: @blackadder;
    Was haben Martin Hohmann und Wolfgang Gedeon mit Sachsen und der Jüdischen Gemeinde Chemnitz zu tun ? Aber um im großen Zusammenhang zu bleiben, wer kümmert sich denn um die antisemitischen Übergriffe von arabischstämmigen Migranten beispielsweise in Berlin ? Da hat wahrscheinlich keiner Zeit dafür, denn man muss ja gegen die Rechtspopulisten hetzen.

    4 13
     
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