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Was kommt nach dem Studium? Wer auf diese Frage keine Antwort weiß, dem könnte es schwerfallen, seinen Abschluss zu machen.

Foto: Jens KalaeneBild 1 / 2

Wenn das Studium auf die Psyche schlägt

Immer mehr Studenten in Chemnitz nutzen eine psychologische Beratung. Grund könnte sein, dass im Hörsaal ein Thema nicht behandelt wird.

Von Jana Peters
erschienen am 25.07.2017

Zwei Jahre lang hat sich Anja Dobert* aus dem Studium geschlichen. So beschreibt sie die Tatsache, dass sie vier Semester lang keine Lehrveranstaltung besucht hat. Welches Fach sie studiert, das möchte die 26-Jährige nicht sagen, es ist aber an der Fakultät für Human- und Sozialwissenschaften angesiedelt. Kurios auch für sie selbst sei gewesen, dass ihr nur noch eine Hausarbeit und die Abschlussarbeit zum Bachelor-Zeugnis fehlen. Auch habe ihr das Studium bis zu ihrem Fernbleiben überwiegend Spaß gemacht. Doch zwei Jahre lang tat sie nichts dafür. Sie hatte einen Nebenjob. Aber Studium? Fehlanzeige. Wenn sie Freunde traf, versuchte sie, das Thema zu meiden, sich rauszuziehen aus dem Gespräch, wenn es sich in diese Richtung bewegte. Ähnlich habe sie sich ihrem Freund und ihrer Familie gegenüber verhalten. Man sei gar nicht mehr an sie herangekommen.

Ihr sei klar gewesen, dass sie in einer Krise steckt, habe das Problem aber in sich hineingefressen. Bis die Familie dann doch Druck gemacht habe. Außerdem rückte ein bedrohliches Datum näher: Ab dem 11. Semester muss Dobert Studiengebühren bezahlen. Sie ist im 10. Semester. "Ich wusste, es muss etwas passieren", sagt sie. So sei es dann zu einer Art Knall gekommen, der dazu geführt habe, dass sie begann, über das Problem zu sprechen und sich öffnete. Schließlich traute sich Dobert, einen Termin bei der psychologischen Beratung für Studierende der TU Chemnitz zu vereinbaren.

Die Beratung ist seit 1993 ein Angebot des Studentenwerks Chemnitz-Zwickau. Im Jahr 2016 kamen rund 100 Studierende in die Sprechstunde - mehr als 2015, so das Studentenwerk, ohne konkrete Zahlen zu nennen. Seit Ende 2016 gibt es die Sprechstunde darum zweimal statt bislang einmal pro Woche. Der Anstieg entspreche einem bundesweiten Trend. Aus einer Mitteilung des Deutschen Studentenwerks geht hervor, dass sich die Anzahl der Studierenden, die psychologische Beratung nutzen, innerhalb von fünf Jahren um 25 Prozent erhöht habe. 2015 seien es rund 32.000 Studierende gewesen; im Jahr 2010 dagegen 26.000. Allerdings entspricht diese Entwicklung prozentual auch ungefähr dem bundesweiten Zuwachs an Studierenden innerhalb dieser Zeit.

In der Chemnitzer Beratungsstelle arbeitet Diplom-Psychologin Tina Horlitz. Anja Dobert repräsentiere einen großen Teil der Studenten, die bei ihr Hilfe suchen. Auch Prüfungsangst und Stress seien häufige Anliegen. Im Schnitt kommen die Studenten für drei bis fünf Sitzungen zu ihr. Sie biete Hilfe zur Selbsthilfe, betont Horlitz, keine Therapie. Den Studenten helfe oft, zu spüren, dass sie nicht allein sind mit ihrem Problem. "Ich kommuniziere jedem, dass es die Beratungsstelle nicht gäbe, wenn er der erste wäre, der kommt", so die 38-Jährige. Häufig begegne ihr, dass Prüfungsangst oder das Fernbleiben vom Studium nur Symptome sind. Ursache sei oft ein Mangel an Entschiedenheit für das Studium oder an Zielen für die Zukunft. Wer vor der Abschlussprüfung stehe, müsse sich auch mit der Frage auseinandersetzen, was nach dem Studium kommt und ob man in seinem Studienfach arbeiten möchte. "Viele haben nicht den Mut, sich diese Fragen selbst vorzulegen", sagt Horlitz. Die Folge sei eine Art Lähmung. Ihrer Beobachtung nach falle beim Studium die Persönlichkeitsentwicklung oft unter den Tisch. Es gehe vorrangig um Leistung, die Ausbildung zum Beruf und das künftige Gehalt. "Man lernt natürlich im Studium nicht, wie man lebensbestimmende Entscheidungen trifft, nimmt sich selbst aber auch keine Zeit dafür" so die Psychologin.

"Ich hatte keine Ziele", nennt Dobert einen Grund dafür, warum sie sich aus dem Studium zurückzog. Die Beratung habe ihr geholfen, sich selbst besser kennenzulernen. Gemeinsam mit der Psychologin erarbeitete sie einen Zeitplan für die fehlende Haus- und Bachelorarbeit. Außerdem half sie ihr, wieder in einen geregelten Tagesablauf zu finden. Auch ein Praktikum will Anja Dobert jetzt machen. Ihr Plan: "Bis Ende des Jahres mit dem Studium fertig sein."

*Name von der Redaktion geändert

 
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