358 Bäume gefällt - nur 66 nachgepflanzt

Die Alleen im Landkreis Zwickau lichten sich. Die Grünen kritisieren deshalb die Staatsregierung. Doch sind Straßenbäume mit Blick auf die Verkehrssicherheit sinnvoll?

Zwickau.

Die Baumreihen an den Rändern der Bundes- und Staatsstraßen im Landkreis Zwickau lichten sich - seit mindestens drei Jahren werden dort mehr Bäume gefällt als angepflanzt. Der Baumbestand ist seit 2010 um vier Prozent zurückgegangen. Das geht aus einer Antwort des sächsischen Wirtschaftsministers Martin Dulig (SPD) auf eine Kleine Anfrage des Landtagsabgeordneten Wolfram Günther (Bündnis 90/Die Grünen) hervor. "Leider haben Straßenbäume bei der sächsischen Staatsregierung keine Lobby", sagt Fraktionschef Günther. Er fordert die Regierung auf, neue Bäume pflanzen zu lassen, wenn an Staats- und Bundesstraßen welche gefällt werden müssen. Das geschehe seit 2015 nicht mehr ausreichend. Allein im vergangenen Jahr seien 358 Bäume an den Bundes- und Staatsstraßen Westsachsens gefällt, aber nur 66 nachgepflanzt worden.

"Das ist absolut nicht akzeptabel", sagt auch der ehrenamtliche Naturschützer Manfred Sonntag aus Oberlungwitz. Gerade bei anhaltender Hitze wie in den vergangenen Wochen seien Bäume enorm wichtig für den Temperaturausgleich. Darüber hinaus dienen sie der Sauerstoffproduktion und als Lebensraum für Tiere. Sonntag glaubt jedoch, dass Ausgleichspflanzungen für gefällte Bäume sinnvoller in Wäldern oder auf Freiflächen sind als entlang einer Bundesstraße. "Die Bäume können dort viel schneller wachsen und die durch Fällungen verloren gegangene Biomasse besser ersetzen." Denn Lärm, Abgase, Streusalz oder Wurzelschäden infolge von Bauarbeiten gefährden nicht nur den Baumbestand. "Es ist auch fraglich, ob neu gepflanzte Bäume unter diesen Umständen überhaupt hochkommen", erklärt Sonntag.

Grünen-Politiker Günther weist nicht nur auf die ökologische Funktion der Straßenbäume hin. Diese wirkten als Alleen auch landschaftsprägend. Doch sind Bäume unmittelbar am Straßenrand aus Sicherheitsgründen überhaupt erstrebenswert? Immer wieder ist in den Mitteilungen der Polizei davon die Rede, dass ein Auto gegen einen Baum geprallt ist, was nicht selten schwere oder gar tödliche Verletzungen der Insassen zur Folge hat. Günther schlägt vor, die Höchstgeschwindigkeit auf Alleen zu reduzieren oder Schutzplanken zwischen Straße und Baum anzubringen.

Beides hält auch Markus Löffler, Verkehrsingenieur beim ADAC Sachsen, für eine vernünftige Lösung. Nach seinen Angaben sollte im Einzelfall geprüft werden, ob Bäume an Straßen sinnvoll sind oder nicht. "Straßen mit hoher Verkehrsbelastung sollte man nicht durch eine Allee führen", erklärt Löffler. Für touristische Routen, auf denen das schnelle Vorankommen nicht im Vordergrund steht, seien Alleen hingegen ein Gewinn. Im Zweifelsfall sind nach Ansicht des Verkehrsingenieurs Nachpflanzungen an anderer Stelle sinnvoller. Allerdings sei es nicht einfach, geeignete Flächen zu finden.

Das Landratsamt Zwickau sieht in dieser Hinsicht auch Landwirte in der Verantwortung. Diese zeigten oft wenig Bereitschaft, Land zur Verfügung zu stellen, da heranwachsende Bäume Schatten auf Anbauflächen werfen und so zu geringeren Erträgen führen. "Wo mit den Landwirten eine Einigung erfolgte, wird jedoch immer nachgepflanzt", sagt eine Sprecherin des Landratsamts. Vorgaben, wie viele Bäume im Jahr neu gepflanzt werden müssen, gebe es aber nicht. Straßenbäume werden laut Landratsamt nur dann gefällt, wenn sie entweder krank sind oder den Verkehr gefährden. Das werde im Einzelfall immer von Baumsachverständigen geprüft. (mit rdl/jop)


Kommentar: Lobby, bitte laut!

Wenn die Grünen für jeden gefällten Baum am Straßenrand mindestens drei Neupflanzungen fordern, ist das zwar ein guter Ansatz. Allein: Er geht nicht weit genug. Drei oder vier Jungbäume brauchen Jahrzehnte des Wachstums, um in Sachen Sauerstoffproduktion oder Biomasse auf das Niveau der alten Gewächse zu kommen, die teilweise schon mehr als 100 Jahre alt waren, bevor man sie gefällt hat. Einen neuen Baum erst dann zu pflanzen, wenn ein anderer fällt, reicht also nicht.

Und: Wenn schon Bäume neu gepflanzt werden, dann bitte nicht nur an Hauptverkehrsstraßen. Wir brauchen leistungsfähige Wälder. Als Wasserspeicher, als Schattenspender, als Luftreiniger, als Lärmschutz, als prägendes Element unserer Landschaft. Die Trockenheit und Hitze der vergangenen Tage und Wochen sollten Mahnung genug sein, Natur und Umwelt besser zu schützen.

Und ja: Klimaschutz fängt im Kleinen an, in diesem Fall am Straßenrand. Wenn im Landkreis Zwickau 358 Bäume fallen, aber nur 66 nachgepflanzt werden, dann ist das keine Bagatelle. Es ist ein peinlicher Beitrag der Staatsregierung zum Klimawandel und Artensterben. Der Grünen- Landtagsabgeordnete Wolfram Günther erkennt richtig: Straßenbäume haben keine Lobby. Es ist also an ihm und seiner Partei, noch lauter für sie zu sprechen.

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