Als überall das Licht ausging

Mit dem Beitrag "Als der Winter zur Katastrophe wurde" hat "Freie Presse" bei vielen Lesern Erinnerungen an den Jahreswechsel 1978/79 geweckt. Hier eine Auswahl der Zuschriften.

An die Besonderheit des Wetterumschwungs zum Jahreswechsel 1978/ 79 kann ich mich noch gut erinnern. Ab dem 26. Dezember 1978 waren wir in Zöblitz zu Besuch. Im Norden der DDR herrschten bereits ab 27./28. Dezember winterliche Bedingungen, während im Erzgebirge Temperaturen bis plus zehn Grad Celsius gemessen wurden. Am Tag der Rückfahrt nach Karl-Marx-Stadt mit dem Pkw am 30. Dezember gegen 12 Uhr hatte Berlin laut Wetterbericht bereits minus zehn Grad. Während der Fahrt in nördliche Richtung gefror zunehmend der Regen auf der Frontscheibe, die Fahrt musste mehrfach unterbrochen werden. Bei Ankunft im Beimlergebiet war es dann schließlich winterlich. Zur Silvesterfeier in der Heideschänke war die Temperatur auf unter minus 20 Grad gefallen. Außerdem hatte es stark geschneit. Am 1. Januar 1979 betrug nach dem Mittagessen im "Pappelhain" beim Spaziergang die Höchsttemperatur auch minus 20 Grad. Am folgenden Tag galt es, das Auto freizuschaufeln, die Batterie auszubauen und zu laden. Skifahrten waren gleich auf dem benachbarten Katzenbuckel in Adelsberg möglich. Erst am Sonntag, dem 7. Januar 1979, trat eine Frostmilderung ein. Klaus Thürmer

Silvester 1978, in Familie feierten wir im ganz kleinen Kreis. Stromausfall - halbe Spannung im Haus, die Glühlampen glühten nur noch düster, dann war alles finster. Wir schauten kurz zum Fenster raus, alles finster in den Häusern, nur die Straßenlampen leuchteten, weil es Gaslampen waren. Und es schneite wunderschön, es war sehr heimelig bei Kerzenschein und Kofferradiomusik, denn da waren Batterien drin. Wir erkundigten uns bei den Hausbewohnern, ob jemand Probleme hat. Nein, es war alles o.k. Jeder hatte genügend Kohlen im Keller ... Der Strom wird schon bald wieder zugeschaltet werden, dachten wir. Also Prosit Neujahr! Bei Kerzenlicht den Jahreswechsel begehen, das war doch schön, ein Glas Sekt und ein bissel Tischfeuerwerk ... Aber am Morgen schneite es immer noch, Strom war keiner da, das verwunderte uns dann schon. Wir frühstückten, denn mit dem Gaskocher konnten wir ja Kaffee kochen und Brötchen aufbacken. Da ich in der Nähe unserer Wohnung an der Friedrich-Engels-Straße im VEB Tisora arbeitete und wir Handwerker für die Schneeberäumung auf den Fußwegen verantwortlich waren, bin ich am 1. Januar 1979 in den Betrieb. Der Heizer war schon da und schippte den Hof, heizen konnte er nicht, denn die Ölheizung brauchte Strom, den wir nicht hatten. Nach und nach kamen andere Kollegen und guckten nach dem Rechten, Abteilungsleiter, Direktor, Kraftfahrer kamen in den Betrieb, ohne dass sie gerufen wurden. Unsere Fische im Aquarium im Frühstücksraum der Handwerker machten mir Sorgen, die Wassertemperatur sank. So bin ich nach Hause und hab auf dem Gaskocher heißes Wasser bereitet, das ich im Eimer in den Betrieb getragen und fast schluckweise ins Aquarium gegeben habe, damit die Temperatur wieder steigt. Das Prozedere hab ich mehrere Tage früh und abends wiederholt.


Schnell wurde ein Krisenstab gebildet, der sich um die Gefahrenlage zu kümmern hatte. Viele Ingenieure waren sowieso zum Schneedienst am Bahnhof Hilbersdorf eingeteilt. Der Zug der Zivilverteidigung wurde ebenso zu Hilfeleistungen eingesetzt. Verhandlungen mit der Energieversorgung brachten uns wenigstens die Gewissheit, dass wir die Heizungsanlage nicht leeren mussten. Wir bekamen immer mal für drei Stunden Strom, den wir sofort nutzten, um die Ölheizung anzufeuern. Immer unter Kontrolle der Zimmertemperaturen, damit wir nicht zuviel heizten, sondern nur so, dass die Heizung nicht einfrieren konnte. Wolfgang Aurich

Ich war damals 17 Jahre alt, wohnte in Rabenstein und war Lehrling im ersten Lehrjahr. Ich wollte mit meinen neuen Mitlehrlingen zusammen in der sogenannten Villa in Gablenz Silvester feiern. Bei der Veranstaltung kannte ich kaum jemanden und war so auf mich alleine gestellt. Alkohol floss dort reichlich, ich hatte keine Erfahrung mit den harten Sachen und merkte, ziemlich typisch in dem Alter, viel zu spät, dass alle Grenzen längst überschritten waren. Um mich nicht völlig zu blamieren, schlich ich mich noch vor Mitternacht davon. Ich hatte ganz in der Nähe, im Neubau-Block, Verwandtschaft, dorthin wollte ich mich retten. In meinem Zustand verwechselte ich den Block, wollte in die Wohnung, es war ja inzwischen saukalt, klopfte, wohl ziemlich heftig, die Tür ging auf, ich stand drin und wunderte mich: Nanu, gar keiner da? Ich hatte das Schließblech mit abgerissen. In dem Moment kam der Wohnungsinhaber, ein großer, starker Mann, zurück. Er war mit seiner Frau kurz draußen gewesen. Ohne Vorwarnung verprügelte er mich als mutmaßlichen Einbrecher nach Strich und Faden. Erst seine Frau wies ihn darauf hin, dass ich praktisch hilflos war. Daraufhin wurde die Polizei geholt, das dauerte eine Weile, und als der Streifenwagen ankam, war ich zumindest wieder ansprechbar. Vor dem Revier Carl-von-Ossietzky-Straße stand ich gegen 2 Uhr morgens alleine auf der bitterkalten Straße, ohne genau zu wissen, wo ich war. Also bin ich Richtung Zentrum gewandert, in der Hoffnung, dort einen Anschluss zu erwischen. Es schneite, wurde immer kälter, ich war nur mit einer Jeans und Studenten-Kutte bekleidet. Ich kam an der Zenti an, keine Bahn ... Okay, dachte ich, lauf ich in Richtung Zwickauer Straße, sollte die Linie 1 kommen, höre ich die und kann unterwegs noch aufspringen. Das wäre nicht das erste Mal gewesen, bei der damaligen Funkenkutsche war das noch möglich. Es kam natürlich keine Bahn und so bin ich immer weiter gelaufen, immer die Zwickauer Straße lang bis Siegmar und dann die Oberfrohnaer Straße bis Rabenstein. Früh, 5Uhr, war ich zu Hause, völlig kaputt. Axel Lederer

Im Winter 1978/79 war ich nicht in Karl-Marx-Stadt, sondern als Wehrdienstleistender bei der 6. Flottille der Volksmarine auf der Halbinsel Bug auf Rügen. Zunächst mussten wir alle bei der Schneeräumung der unmittelbaren Umgebung des Militärobjektes mitarbeiten. Als die Straßen soweit frei waren, bekam ich die Aufgabe, mit einem Lautsprecherwagen die Bevölkerung und im Schnee stecken gebliebene Urlauber über Notunterkünfte, Lebensmittel- und Brennstoffversorgung zu informieren. Während der zweiten Welle des Schneechaos' wurde ich zusammen mit einem Kameraden dazu eingeteilt, für etwa drei Wochen die Heizungsanlage im damaligen Haus der Armee in Dranske (heute Strandhotel), das als Notunterkunft diente, zu bedienen. Das war für zwei 19-Jährige mit Abitur eine große Herausforderung. Die Kohle war unter einer dicken Schneedecke begraben und festgefroren. Zunächst mussten wir ganz vorsichtig herausbekommen, wie die Anlage überhaupt funktioniert, ohne etwas kaputt zu machen. Die Heizer konnten aus Wiek nicht nach Dranske kommen. Telefon ging nicht. Ekhardt Preuß 1978 war mein erstes Studienjahr an der Ingenieurhochschule Mittweida. Ich wohnte in Hermsdorf/Thüringen. Die Anreise mit dem Zug nach den Weihnachtsferien klappte zwar mit erheblichen Verspätungen, aber noch erstaunlich gut. Schon in Karl-Marx-Stadt erfuhren wir, dass der Hochschulbetrieb wahrscheinlich vorübergehend eingestellt wird. Drei Viertel der Heizkörper in den Schulgebäuden und Wohnheimen waren geplatzt. In Mittweida erfuhren wir dann, dass die Semesterferien vorgezogen werden. Die Dozenten haben beim Wechsel der Heizkörper geholfen. Für uns ging es 14 Tage später mit dem Ende des Herbstsemesters und im Anschluss ohne Pause mit dem 2.Semester weiter. Mittweida war nach meiner Kenntnis eine der wenigen Hochschulen, die den Hochschulbetrieb vorübergehend einstellen mussten. Hanno Richter

Damals war ich 14 Jahre jung und die älteste von vier Geschwistern. Während die Jüngeren rechtzeitig zu Bett gebracht wurden, konnten meine Schwester und ich uns auf ein schönes Silvester freuen. Denn wie immer passte unsere liebe Oma auf die Kinderschar auf, während unsere Eltern feiern gingen. Alles lief wie immer. Wir schauten Fernsehen und warteten die Zeit ab. Plötzlich, so nach 22 Uhr, ging das Licht aus und der Fernseher sagte keinen Mucks mehr. Oma wunderte sich nur kurz und meinte: "Das wird schon wieder". Es war stockfinster! Wir machten es uns bei Kerzenschein gemütlich. Und hier sollte sich auch endlich mal der Vorzug eines Kachelofens bewähren. Weil ja nun kein Fernseher mehr lief, holten wir das "Mensch ärgere dich nicht!"-Spiel raus. Somit war die gemütliche Stimmung fast nicht mehr zu übertreffen! Oma erzählte von früher, dass es sowas während und nach dem Krieg immer mal gab. Und dann suchte Oma in ihrer Handtasche nach dem "Geheimnis"! Darauf hatten ich und meine Schwester gewartet: Eierlikör! Jedes Jahr zu Silvester hatte Oma ein Gläschen Eierlikör ausgeteilt. Oma verteilte bei Kerzenschein den Eierlikör in drei Gläschen und damit wollten wir nun in Kürze anstoßen auf das neue Jahr. In die Stille und Gemütlichkeit kam plötzlich ein Geräusch. Irgendjemand schloss die Wohnungstür auf. Und potzblitz! Da standen unsere Eltern. Sie hatten vorzeitig die Feier verlassen, weil auch dort der Strom weg war. Sie waren durch den Küchwald in aller Finsternis nach Hause gelaufen. In diesem Moment dachten wir alle Drei wohl das Gleiche: der Eierlikör! Unser verschworenes Geheimnis mit Oma! Davon sollten doch unsere Eltern nichts wissen. Während die Eltern noch von den Erlebnissen der letzten Stunden berichteten, nahm Oma geistesgegenwärtig noch zwei Gläser aus der Vitrine und füllte auch die mit Eierlikör. Gleich darauf ging draußen die Knallerei los, und wir stießen alle Fünf auf das neue Jahr an. Prost! Carmen Viehweger

Es war die Zeit der Berufsausbildung mit Abi im I-Werk. Wir waren im Lehrlingswohnheim an der Guerickestraße untergebracht und kamen kurz nach den Feiertagen dort wieder zusammen. Für mich als Johanngeorgenstädter war es eine große Freude, ganz normale heimische Schneeverhältnisse endlich auch in Chemnitz anzutreffen - hier als Katastrophe wahrgenommen. Unsere Unterkünfte in den Baracken waren ofenbeheizt, zum Glück. Die gefrorene Kohle loszubrechen, war recht einfach, so hatten wir es zumindest warm, aber noch nichts zu trinken, denn die Wasserversorgung funktionierte nicht mehr. Einer von uns kam auf die Idee, Schnee zu schmelzen. Wir nahmen einen großen Topf und waren zunächst überrascht, wie viel Schnee erforderlich war, um ein paar Liter Wasser zu erhalten. Darauf folgte die Ernüchterung. Es hatte sich eine deutliche Öl- und Schmutzschicht gebildet. Selbst unseren Kummer gewohnten Grünpflanzen wollten wir dies nicht zumuten. Statt der Ausbildung war Hilfe angesagt, bei der Schneeräumung und in der Heizung. Das gemeinsame Anpacken und Meistern der Situation hatte gut getan, den Zusammenhalt verstärkt und ungeahnte Fähigkeiten freigesetzt. Christian Köhler

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