Ankämpfen gegen sexuelle Diskriminierung

Der Verein Different People setzt sich gegen Vorurteile gegenüber Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Lebensweisen ein. Mitglieder berichten, die Arbeit sei in den vergangenen Monaten schwerer geworden.

"Du Homo", "Schwuchtel": Diese und andere Beleidigungen mit sexuellem Kontext stehen in großen Druckbuchstaben auf einem Plakat. Überschrieben ist es mit dem Titel "Tut uns weh". Verwendet haben das Plakat Mitarbeiter von Different People - in einem Projekt an einer Grundschule zum Thema Schimpfwörter.

Different People ist ein 2002 gegründeter Verein, der es sich zum Ziel gesetzt hat, Vorurteile und Diskriminierung gegenüber Menschen abzubauen, die sich in ihrem Sexualleben nicht wie die Mehrheit verhalten. Homosexuelle und bisexuelle Menschen gehören ebenso dazu wie Menschen, deren biologisches Geschlecht nicht dem gefühlten entspricht (transgeschlechtlich) und Personen, deren Genitalien sich nicht einem eindeutigen Geschlecht zuordnen lassen (intergeschlechtlich).

Sie alle erfahren im Vereinsdomizil nahe dem Brühl Unterstützung und Beratung, zum Beispiel im Umgang mit Behörden oder zum Verhalten im Alltag. "Die rechtliche Lage für diese Menschen hat sich verbessert. Aber die gesellschaftliche Akzeptanz hängt hinterher", meint Vereinsmitglied Heiko Weigel. Es komme vor, dass transgeschlechtliche Menschen nach einem Outing vor ihrem Arbeitgeber ihren Job verlieren, berichtet Weigel. Er nennt ein anderes Beispiel: So sei ein Junge, der sich als Mädchen fühlt und deswegen einen anderen Namen angenommen hat, in der Schule weiterhin mit seinem Jungenname angesprochen worden. Das habe ihn belastet. Betroffene fühlten sich oft ausgegrenzt - mit gravierenden Folgen. Statistiken zufolge würde jeder transgeschlechtliche Mensch einmal in seinem Leben über Selbstmord nachdenken, sagt Weigel.

Ein Schwerpunkt der Tätigkeit des Vereins ist die Projektarbeit an Schulen. Mitarbeiter gehen an Bildungseinrichtungen und versuchen Akzeptanz zu vermitteln. In den Klassenstufen eins bis fünf gehe es dabei vor allem um alternative Familienbilder, aber auch um den Kampf gegen festsitzende Stereotypen - und eben Beleidigungen. "Schwul gilt vielen ja immer noch als Schimpfwort", bemerkt Weigel.

Mit Schülern ab 14 Jahre diskutiere man dagegen verstärkt das Thema geschlechtliche Identität und kläre dabei auch über die verschiedenen Lebensweisen auf, erklärt Vereinsmitglied Nicole Macheleidt. "Wir haben festgestellt, dass es großen Redebedarf gibt." Auch deswegen will der Verein seine Arbeit ausbauen. Zum einen soll es noch mehr Workshops mit Grundschülern geben. Der Bedarf sei da, sagt die Projektverantwortliche Eunike Zobel. "Seit etwa 2017 können wir uns vor Anfragen von Schulen kaum retten." Zum anderen wolle man verstärkt gesonderte Schulungen für Lehrer anbieten, so Zobel.

Über 160 Projekte in Chemnitz und umliegenden Kreisen hat sich der Verein für die kommenden drei Jahre vorgenommen. Unterstützung kommt vom Land, das bis 2021 pro Jahr 80.000 Euro Fördermittel zur Verfügung stellt. Die sächsische Ministerin für Gleichstellung und Integration Petra Köpping lobte den Verein bei der Übergabe des Fördermittelbescheids am Mittwoch für seine Arbeit, die dringend notwendig sei. "Meistens wird das Thema Diskriminierung erst interessant, wenn es einen selbst betrifft", so Köpping. Zuletzt sei das Thema wieder akut geworden.

Zobel bereitet die Entwicklung in den vergangenen fünf Monaten Sorge. Seit dem gewaltsamen Tod eines Deutsch-Kubaners am Rande des Stadtfestes Ende August 2018 und anschließender, zum Teil fremdenfeindlicher Proteste habe sich auch das Klima in Chemnitz gegen Menschen mit verschiedenen sexuellen Lebensweisen verändert. "Plötzlich kommen Vorurteile wieder hoch, von denen ich dachte, dass wir sie überwunden haben." Besonders schwierig sei die Lage im ländlichen Raum. Bei Gesprächen mit Erwachsenen habe sie die Frage gestellt, ob man sich dort beispielsweise als homosexuell outen könne, sagt Zobel. "Da hat man mir gesagt: ,Nee, gehen Sie besser in die Stadt.'" Wolle man mit diesen Menschen diskutieren bekomme man nicht selten zur Antwort: "Hört doch auf mit dem Hype um die anderen", sagt Zobel.

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