Asyl: Frauen erwünscht - Männer weniger

Die Oberbürgermeisterin hat die Unterbringung männlicher Asylbewerber dezentral in Wohnungen infrage gestellt. Wie sehen das die Anwohner?

Doris Hösel hat ihren Frieden, sagte sie gestern. Seit 41 Jahren wohnt die 62-Jährige in dem Haus an der Mozartstraße im Stadtteil Kapellenberg, in dem Anfang Oktober eine Kontaktperson des Terrorverdächtigen Jaber Albakr festgenommen wurde. Nach wie vor lebt eine Reihe alleinreisender männlicher Asylbewerber hier. "Manchmal ist da jemand angeheitert", ergänzt sie. "Aber die Leute sind vernünftig." Grüßten auch.

Oberbürgermeisterin Barbara Ludwigs (SPD) Idee, alleinreisende männliche Asylbewerber künftig in der Regel nicht mehr in Wohnungen, sondern in Sammelunterkünften unterzubringen, findet Hösel dennoch gut. Ludwig hatte ihn vergangene Woche Freitag auf einer Einwohnerversammlung in Kappel verkündet. "Denn ein ungutes Gefühl bleibt", so Hösel. "Frauen wären besser als Männer", sagte sie angesichts der Aufdeckung von Albakrs Anschlagsplänen und mancher Straftat, die zuletzt durch die Medien ging. Ortswechsel nach Markersdorf an die Straße Am Harthwald: Seit vier Jahren wohnt hier Jean Weißflog, um die 20 Jahre alt. In seinem Haus zeugen einige Klingelschilder von ausländischen Mitbewohnern. Schwierigkeiten gebe es keine. Die Migranten verhielten sich "wie andere Familien auch". Was die Oberbürgermeisterin vorgeschlagen hat, ist für ihn Nebensache. "Das ist nicht mein Thema", sagt er.

Anders Mieterin Olga Nell, die als Russland-Deutsche 1985 aus der Sowjetunion in die DDR kam und elf Jahre später in das Haus zog. Nell findet es richtig, alleinreisende männliche Migranten zentral - statt übers Stadtgebiet verteilt - unterzubringen. Das liegt auch daran, dass die 81-Jährige über die Männer nichts Gutes zu berichten weiß, die bis vor einem Monat im Aufgang gewohnt hätten. Dann seien sie ausgezogen, die Erinnerung aber ist noch frisch: "Ständig lagen im Treppenhaus Zigarettenstummel", sagt sie. Selbst nach 22 Uhr sei es oft laut gewesen. "Die hopsten herum, als würden sie Polka tanzen." Nell ist froh, dass das vorbei ist. Dabei seien ihr die im Haus verbliebenen ausländischen Familien nach wie vor zu laut.

Liane Kuhmann wohnt an der Neefestraße in Kapellenberg. Unter ihren Mitmietern sind ebenfalls Migranten - etwa eine tschetschenische Familie mit drei Kindern, sagt sie. Letztere nennen die 77-Jährige Babuschka. Auch alleinstehende Männer lebten im Haus. "Ich höre selten etwas", sagt sie. Andere Bewohner beschwerten sich indes ab und an über Lärm. Das habe sie mitbekommen. Mitunter gebe es laute Debatten im Treppenhaus. "Ich bin aber ein wenig schwerhörig", sagt sie schmunzelnd. Kuhmann hat als Kind den Krieg erlebt. "Die Kleinsten sind es ja immer, die am meisten leiden", weiß sie aus eigener Erfahrung. Doch auch die Rentnerin findet die Idee der Oberbürgermeisterin gut, ist zudem der Meinung, dass Migranten, die Probleme machen, abgeschoben werden müssen. Freilich: "Auch viele Deutsche haben keinen Anstand", findet sie. Mit denen habe der Staat schon genug zu tun. Dass man nicht alle Asylbewerber über einen Kamm scheren dürfe, findet auch ein 29-Jähriger, der an der Straße Usti nad Labem in Kappel in eben dem Haus wohnt, das vor Wochen Schlagzeilen machte, da hier Jaber Albakr an Bomben gebastelt haben soll. Die zentrale Unterbringung, so der junge Mann in Anspielung auf Oberbürgermeisterin Ludwig, habe Vor- und Nachteile. Wie die dezentrale. Ihn ärgert: "Eine Minderheit zieht alle in den Dreck." Nun sei immerhin wieder Ruhe im Haus eingekehrt. Das gelte auch für das Zusammenleben mit den Ausländern im Haus, von denen manche nicht immer für Eitel-Sonnenschein gesorgt hätten. Vor Monaten sollen einige verbal oft über die Stränge geschlagen, auch den Spiegel eines Autos abgetreten haben. "Ohne Grund", sagt er. Die Anwohner hätten dann selbst auf Ordnung gepocht; nun sei es wieder ruhig.


Kommentar: Probleme nur verlagert

Als vor einem Jahr kein Ende des Flüchtlingszuzugs absehbar war, ließ die Stadt an der Annaberger und der Straßburger Straße zwei neue Gemeinschaftsunterkünfte für Asylbewerber einrichten. Nicht zuletzt mit dem Ziel, die Anwohner in Stadtteilen wie Kappel zu entlasten. Diese und andere Heime stehen laut OB Ludwig derzeit zur Hälfte leer - bei laufenden Kosten. Dass die Stadt die dort nun einmal vorhandenen Kapazitäten auch nutzen möchte, ist nachvollziehbar. Dies als Antwort auf Probleme im Miteinander zu verkaufen, empfiehlt sich indes kaum. Diese Probleme werden bestenfalls verlagert - mit der Gefahr, am neuen Ort in geballter Form zutage zu treten.


Kritik von den Linken - Ludwig verteidigt ihre Pläne

Keine Unterbringung mehr von alleinreisenden männlichen Asylbewerbern in Wohnungen - diese Pläne sorgen nun für Kritik an Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD). Die Ratsfraktion der Linken lehnt das "aufs Entschiedenste ab", heißt es in einer gestern verbreiteten Erklärung von Katrin Pritscha, Sprecherin für Migration und Sozialpolitik. Besuche in Gemeinschaftsunterkünften hätten gezeigt, welchem Stress Menschen in diesen Einrichtungen ausgesetzt sind. "Wir wollen, dass Geflüchtete zur Ruhe kommen, sich neu orientieren und im besten Fall in die Gesellschaft integrieren können", so Pritscha wörtlich. Die Linken würden daher einer Änderung des Unterbringungs- und Betreuungskonzepts nicht zustimmen.

Allerdings ist es fraglich, ob es überhaupt zu einer solchen Abstimmung im Stadtrat kommt. Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig sagte gestern, mit dieser Entscheidung werde das Konzept einer dezentralen Unterbringung nicht in Frage gestellt. Daher sieht sie auch keine Notwendigkeit, dass sich der Stadtrat mit dem Thema beschäftigt. Der Großteil der Asylbewerber bleibe weiterhin in Wohnungen untergebracht - derzeit liegt der Anteil bei rund 90 Prozent. (su)

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