Aufwind und Stagnation: Pläne und Sorgen in Bernsdorf

Stadtteil-Report: Wie entwickeln sich die einzelnen Chemnitzer Gebiete? Welche Projekte sind geplant? Wo gibt es Sorgen? "Freie Presse" nimmt die Stadtteile unter die Lupe. Erste Folge: Bernsdorf.

Bernsdorf.

Wenn Stephan Hunkel über Bernsdorf spricht, dann spricht er vor allem über die Entwicklungsmöglichkeiten des Stadtteils. Über das, was entstehen sollte. Jugendclubs, Lokale, ein Zentrum beispielsweise. Der Stadtteilmanager hat dabei die Bevölkerungsentwicklung im Blick. Immer mehr Menschen ziehen nach Bernsdorf, das vom Nahverkehr mit Bussen und Bahnen gut erschlossen ist. Zwischen 2008 und 2017 stieg die Anzahl der dort lebenden Menschen um 14,1 Prozent - der dritthöchste Wert in der Stadt. Vor allem junge Familien suchen ein Zuhause in Bernsdorf, sagt Hunkel. Ende 2017 gab es 950 Haushalte mit Kindern, 2009 waren es noch 900.

Doch Angebote für ältere Kinder gebe es neben dem Jugendclub B-Plan, der sich an der Grenze des Stadtteils zu Reichenhain befindet, kaum, sagt Hunkel. Wenn die Kinder älter werden, benötigten sie aber einen Anlaufpunkt in ihrer Nähe, sagt Hunkel, der in Bernsdorf aufgewachsen ist. Deshalb müsse es künftig mehr Jugendclubs in den Wohnumfeldern der Kinder geben.

Ein Anziehungspunkt nicht nur für die Jugend ist das ebenfalls am Rand des Stadtteils gelegene Freibad Bernsdorf mit einer der sehr seltenen 100-Meter-Bahnen. Diese Attraktion würden selbst in Chemnitz viel zu wenige kennen, sagt Hunkel. Wolle man das Freibad in Zukunft erhalten, müsse die 100-Meter-Bahn bekannter werden. Ziel sei deshalb, die Bahn als Denkmal zu widmen, so Hunkel, der in Bernsdorf ein Geschäft führt. Schon jetzt wird im Freibadareal jährlich das eintrittsfreie Stadtteilfest für Bernsdorf gefeiert. Auf dem Gelände des Frei- bades beginnt nach der Badesaison der Bau einer neuen Schwimmhalle. Lange sei darum gerungen wurden, auch die ersatzlose Streichung sei diskutiert worden, erinnert sich der Stadtteilmanager. Die neue Halle ist Ersatz für die alte Einrichtung an der Bernsdorfer Straße, die 2017 wegen baulicher Mängel geschlossen werden musste. Generationen von Bernsdorfern hätten dort schwimmen gelernt, erklärt der 47-Jährige. Er sei aber froh, dass es eine neue Halle geben wird, auch wenn die dezentrale Lage nicht optimal sei.

Dass das alte Schwimmhallen- gebäude im Zentrum von Bernsdorf derweil ungenutzt herumsteht, bereite ihm und der Stadtteilrunde Kopfzerbrechen. "Wir wollen das Gebäude erhalten", stellt Hunkel klar. Ihm schwebe eine Umnutzung vor. "Da Gastronomie reinzubekommen, wäre mein Wunsch", sagt er. Damit würden gleich zwei Probleme gelöst: eine neue Nutzung für die alte Halle und eine Wiederbelebung der Gastro-Szene. "In Bernsdorf fehlen Lokale und Kneipen", so der Stadtteilmanager. Es sei wichtig, Orte der Begegnung zu schaffen, wo Leute zusammenkommen können, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Ein Vorbild dafür sei die Eisdiele "Frollein Sommer". "Hier ist im Sommer immer was los", so Hunkel. Die Eisdiele mit Mini-Park, kleinem Spielplatz, einer Bühne und vielen Sitzgelegenheiten locke viele Menschen an und sei nicht zuletzt ein Modell, das übernommen werden könne, um ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu schaffen. Nahe des Eisladens, im Bereich der Straßenbahnhaltestelle Gutenbergstraße an der Bernsdorfer Straße, wo die alte Schwimmhalle und zwei Einkaufsmärkte stehen und es Freiflächen gibt, will Hunkel einen Stadtteilkern entwickeln. "Möglichst mit einem Platz für einen Wochenmarkt und einen Weihnachtsmarkt."

Zusammen etwas auf die Beine stellen, das würde Stephan Hunkel auch gern mit der Technischen Universität, der größten Einrichtung in Bernsdorf. Doch für Hunkels Geschmack "macht die Uni zu wenig im Stadtteil". Zum Beispiel beteilige sie sich nicht am Stadtteilfest. Auch die Kulturszene im Uni-Viertel habe stark abgebaut, viele Studentenkneipen hätten dicht gemacht. Ein Lichtblick sei der Pub Imagine am Südbahnhof, der die Jahre überlebt habe, sagt Hunkel.

Dennoch setzt er in die Uni auch Hoffnung. Sie und die Stadt müssten Hand in Hand arbeiten, damit an der Fraunhoferstraße unweit des Campus "etwas entsteht". Die Grundstücke zu beiden Seiten der Straße, die erst 2017 fertiggestellt wurde, seien laut Hunkel "die Filetstücke von Bernsdorf". Die Stadt will dort Firmen ansiedeln, die Uni hat andere Pläne.


Das ist Bernsdorf

Ende 2018 wohnten in Bernsdorf auf 5,9 Quadratkilometern rund 14.300 Menschen. Ende 2008 lebten etwa 12.700 Personen in Bernsdorf.

Der Stadtteil ist einer der größten in Chemnitz. Er erstreckt sich zwischen der Zschopauer Straße im Osten und der Fraunhoferstraße im Westen. Im Süden markiert das Sportforum die Grenze, im Norden der Südbahnhof.

Die größte Einrichtung in Bernsdorf ist die Technische Universität. Im benachbarten Technopark haben sich Fraunhofer-Institute und Firmen angesiedelt.

Zwei entscheidende Schritte für die Entwicklung der Infrastruktur erfolgten 2017: Zunächst wurde im Sommer die neu gebaute Fraunhoferstraße für den Verkehr freigegeben. Sie verbindet die Innenstadt mit dem Südring. Ende 2017 zog der Nahverkehr nach: Straßenbahnen rollen seitdem zwischen Campus und Hauptbahnhof sowie dem Chemnitzer Umland. (hfn)

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2Kommentare
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  • 3
    1
    bmy
    12.02.2019

    Kennt Herr Hunkel die Studentenclubs auf dem Campus nicht, oder warum behauptet er, die Kulturszene hätte wegen Schließung von Studentenkneipen, die es in Bernsdorf in den letzten 20 Jahren, abgesehen vom Imagine, ohnehin nicht gegeben hat, stark abgebaut?

  • 0
    7
    Interessierte
    12.02.2019

    Dass das alte Schwimmhallen- gebäude im Zentrum von Bernsdorf derweil ungenutzt herumsteht … etc.

    Das wäre auch eine gute Idee …
    Aber genau so könnte man doch das Bad auch in aller Ruhe sanieren …



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