Aus der Familie ins Heim: Wenn Kinder Hilfe brauchen

Die Kosten für die Inobhutnahme von Minderjährigen im Landkreis Zwickau steigen. Nicht immer werden dabei die Behörden als erstes aktiv.

Zwickau.

Monatlich hat der Landkreis Zwickau im Vorjahr durchschnittlich rund 4400 Euro für ein Heimkind ausgegeben. Das sind rund 200 Euro mehr als 2017. Zurückzuführen sei das vor allem auf gestiegene Personalkosten, erklärt Sozialdezernent Frank Schubert. Die Anzahl der Heimkinder blieb mit durchschnittlich 376 pro Monat relativ konstant. 2017 war es nur ein Kind weniger, besagt der Jahresbericht "Hilfen zur Erziehung" des Landkreises 2018. Allerdings waren die Heime damit voll.

In der Gesamtschau aller Fälle, auch jener Kinder, die ambulant, in einer Tagesgruppe oder etwa in einem Schulverweigererprojekt betreut werden, ist laut Jugendamt erstmals seit Jahren keine Erhöhung der Fallzahlen zu verzeichnen. Auffällig im Jahresbericht des Landkreises: In den Inobhutnahmestellen, den Auffangorten für Kinder in einer Krise, hat sich die Aufenthaltsdauer im Vergleich zu 2017 um durchschnittlich zehn auf 42 Tage verlängert. Die 18 Plätze waren auf dem Papier jeden Monat mit durchschnittlich 29 Kindern belegt. Privatleute und Bereitschaftspflege-stellen halfen bei Überbelegung aus. Dass es zur längeren Verweildauer in dieser als Zwischenstation geplanten Unterkunft kam, begründet das Jugendamt vor allem mit der längeren Suche nach geeigneten Einrichtungen (in fast 60 Prozent der Fälle). Denn es handelte sich dabei oft um Kinder mit einem erhöhten intensivpädagogischen sowie therapeutischen Hilfebedarf. Zudem passiert es häufiger, im Vorjahr in 17 Prozent der Fälle, dass erst eine Entscheidung des Familiengerichtes abgewartet werden muss.


Die häufigsten Anlässe, warum ein Kind in Obhut des Landkreises genommen wird, sind seit Jahren gleich: Bei 23 Prozent sind die Eltern überfordert, bei 22 Prozent gibt es Beziehungsprobleme. Einen deutlichen Anstieg gibt es bei jungen Leuten, die straffällig geworden sind. Zehn Prozent wurden in Obhut genommen, weil sie Grenzen und Normen nicht kennen oder akzeptieren. Fünf bis sechs Prozent der insgesamt 390 Kinder wurden wegen Vernachlässigung in Obhut genommen, hatten Anzeichen körperlicher Misshandlungen oder süchtige Eltern. Bei drei Prozent stellten die Jugendamtsmitarbeiter seelische Misshandlungen fest. Anzeichen für sexuellen Missbrauch gab es im Vorjahr bei keinem Kind. 52,4 Prozent der in Obhut genommenen Minderjährigen sind männlich.

Mehr als in den Vorjahren bitten die Kinder und Jugendlichen selbst um Hilfe (jeder Vierte). Das erklärt auch das Alter vieler Betroffener: 24 Prozent waren 16 bis 18Jahre, 21 Prozent 14 bis 16 Jahre alt. Auch der Anteil der Eltern, die von sich aus um Hilfe baten, ist im Vergleich zum Vorjahr gestiegen (22Prozent). Ebenso häufig veranlassten Sozialarbeiter die Inobhutnahme. Weitere 13 Prozent der Kinder schickte die Polizei. Erneut gestiegen im rund 30 Millionen Euro schweren "Hilfen zur Erziehung"-Budget des Landkreises sind die Ausgaben für sozialpädagogische Familienhilfe. Das war jedoch gewollt. Der Landkreis hatte die Kapazitäten aufgestockt, in der Hoffnung, teure Heimaufenthalte durch frühere Hilfe in den Familien vermeiden zu können. Pro Familie zahlte der Kreis dafür monatlich 962Euro. In einem Monat betreuten die Helfer durchschnittlich 224 Familien. Zum Vergleich: 2015 waren es im Monatsdurchschnitt 200. Der Erfolg: 74Prozent aller Fälle konnten getreu dem Planziel beendet werden. Wie schon 2017 hat der Kreis auch 2018 mehr Geld für die Betreuung junger Volljähriger ausgegeben. Im Durchschnitt betraf das jeden Monat 74 Teenager. Zum Vergleich: Im Jahr 2014 standen 52 junge Menschen auf der Nachbetreuungsliste. Insgesamt nahmen 161 junge Volljährige Hilfe in Anspruch, Ein Grund dafür sind vermehrt auch Reifeverzögerungen.


Daten und Fakten zu Betreuung und Hilfe

54.600 Kinder und Jugendliche im Alter bis 21 Jahre waren 2018 im Landkreis Zwickau gemeldet. Die meisten Kinder, die ambulante Hilfen in Anspruch nahmen, lebten in der Stadt Zwickau. Dort gab es 322 Fälle. Die Werdauer Region rangiert mit 90 Fällen auf Rang 2. Die drittmeisten Fälle ereigneten sich im Raum Limbach-Oberfrohna. Im Raum Glauchau (mit Dennheritz, Remse, Waldenburg und Oberwiera) gab es neun Fälle.

401 Heimplätze stehen nach einer Kapazitätserweiterung 2017 im Landkreis zur Verfügung. Die Auslastung der Plätze liegt bei 90Prozent. Von den 538 Kindernund Jugendlichen, die im Vorjahr längere oder kürzere Heimaufenthalte hatten, wurden 191 außerhalb des Landkreises untergebracht. 2017 waren es 177 Kinder, 2014 insgesamt 125 Mädchen und Jungen. Hauptgründe sind fehlende Kapazitäten oder spezielle Angebote im Landkreis. Laut Sozialdezernent Frank Schubert fällt auf, dass bei den 163 Neuankömmlingen im Vorjahr nahezu jeder zweite psychisch krank oder süchtig war. (upa)

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