"Das zeigt uns: Wir stehen in der Not nicht allein"

Ruth Röcher, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, über Antisemitismus, Geschichtsunterricht und Solidarität

Als Ruth Röcher, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Chemnitz, in den 1990er-Jahren als junge Frau aus Israel nach Deutschland kam, da sei sie überzeugt gewesen: Deutschland ist das sicherste Land für Juden außerhalb Israels. Mittlerweile, so sagt sie, werde sie von einstigen Wegbegleitern gefragt, ob sie noch immer dieser Meinung sei.

"Als Pädagogin stelle ich mir die Frage, was in unserer Gesellschaft schiefgeraten ist", sagte Röcher am Freitag vor mehreren hundert Menschen anlässlich eines öffentlichen Gedenkens an die Opfer der antijüdischen Pogrome 1938 am Stephanplatz, dem früheren Standort der Synagoge. In der Pflicht sehe sie vor allem die Schulen. Angesichts neuer Bedrohungen durch Antisemitismus und Rassismus - geschürt nicht zuletzt durch AfD-Politiker und deren Forderungen nach einer "erinnerungspolitischen Kehrtwende" -, dürfe der Geschichtsunterricht keinesfalls gekürzt und die Behandlung der Geschichte der Juden in Deutschland nicht auf die Zeit des Nationalsozialismus beschränkt werden, betonte sie. Jüdische Geschichte in Deutschland beginne nicht mit der Vernichtung der Juden, sondern umfasse gut 1700 Jahre. Die Jüdische Gemeinde in Chemnitz sei für jede Schulklasse offen, die die Synagoge besuchen und ein Gespräch über das Judentum führen möchte, so Röcher.

Doch wenn es zu solchen Besuchen kommt, dann teilten ihr Lehrer mitunter mit, dass nicht alle Schüler mitgekommen seien. Einigen hätten die Eltern den Besuch der Synagoge nicht erlaubt, heiße es. Woher dies komme? Röcher verweist auf Studien, wonach jeder vierte Deutsche antisemitische Gedanken hege - egal, ob er oder sie Juden persönlich kenne.

Ja, sie halte Deutschland weiterhin für ein sicheres Land für Juden, so Röcher - solange alle staatlichen Stellen, vom Staatsanwalt bis zum Lehrer im hintersten Winkel des Landes, ihrer Verantwortung gerecht würden. Die Gemeinde in Chemnitz bestärkten zudem die zahlreichen Solidaritätsbekundungen, die sie in den zurückliegenden Wochen erreichten. "Das zeigt uns: Wir stehen in der Not nicht allein."

Heute beginnt um 16 Uhr auf dem Kaßberg, Heinrich-Beck-Straße47, eine Gedenkdemonstration entlang sogenannter Stolpersteine für jüdische Opfer der NS-Zeit. Ziel ist das Kaßberggefängnis, wo 17.15 Uhr die Lichterwege in Erinnerung an die Ereignisse 1938 und die Friedliche Revolution 1989 beginnen. Für 14 und für 20.15 Uhr sind am Marx-Monument Kundgebungen "Gemeinsam erinnern, gemeinsam Zeichen setzen" geplant.

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