Der dritte Mann: Wer ist der flüchtige Verdächtige der Bluttat von Chemnitz?

Nach dem tödlichen Messerangriff von Chemnitz fahndet die Polizei noch immer nach einem 22-jährigen Iraker. Der Tatverdächtige benutzt womöglich eine falsche Identität, wurde mehrfach straffällig und hätte abgeschoben werden können.

Chemnitz.

Er trägt ein T-Shirt der auch bei Rechten beliebten Modemarke Yakuza, um den Hals eine Kette mit Kurdistan-Anhänger, und sitzt an einem Bistrotisch. F. K.* nennt sich der junge Mann auf seinem Facebook-Profil. Das Foto, das am 6. August 2018 hochgeladen wurde, entstand in der Brückenstraße in Chemnitz, gegenüber dem Archäologiemuseum Smac. Nur wenige Meter entfernt starb drei Wochen später der 35-jährige Deutschkubaner Daniel H. an fünf Messerstichen in den Oberkörper.

Noch am Tattag verhaftete die Polizei zwei junge Männer, die in den Akten als Yousif A. (22) aus dem Nordirak und Alaa S. (23) aus Syrien geführt werden. Vor gut einer Woche gab sie die Öffentlichkeitsfahndung nach einem dritten Tatverdächtigen heraus. Farhad Ramazan Ahmad soll er heißen, 22 Jahre alt, ebenfalls irakischer Staatsangehöriger. Doch seither, so scheint es, treten die Ermittlungen auf der Stelle. Es ist nach wie vor unklar, wie es zu der Tat kam, warum Daniel H. starb. Und der dritte Tatverdächtige ist weiter auf freiem Fuß.

Wer ist dieser Mann?

Am Dienstag vergangener Woche - die Meldung über die Öffentlichkeitsfahndung war gerade erst online - meldete sich ein Leser bei der "Freien Presse": Er habe den gesuchten Tatverdächtigen schon einmal gesehen, vor einigen Monaten in einem Barbershop in Chemnitz. Bei Facebook trete der Mann jedoch unter dem Namen mit den Initialen F. K. auf. Klickt man sich durch das Profil mit öffentlich zugänglichen Fotos des Mannes, so stellt man fest: Bei ihm und Farhad Ramazan Ahmad handelt es sich augenscheinlich um ein und dieselbe Person.

Die Polizei in Chemnitz kennt dieses Facebookprofil ebenfalls seit vergangenem Dienstag. Sie fahndet nach dem dritten Tatverdächtigen aber weiter mit einem Foto aus dem Jahr 2016 - versehen mit dem Hinweis: "aktuell die Haare an den Seiten kurz, oben länger". Genauso wie auf dem Facebookprofil. Ist Farhad Ramazan Ahmad der Mann mit den Initialen F. K.? "Ob er auch unter anderen Personalien aufgetreten ist, ist noch Gegenstand der Prüfung", hieß es gestern von der Staatsanwaltschaft Chemnitz. Für das vorliegende Ermittlungsverfahren wegen Totschlags sei das jedoch nicht von vorrangiger Bedeutung.

Es gibt Indizien, dass der bei Facebook verwendete Name echt sein könnte. Unter diesem Namen bzw. unter einer Variante mit Buchstabendreher wurden bereits im Februar und März 2015 Profile in sozialen Netzwerken eingerichtet, auf denen augenscheinlich ebenfalls Farhad Ramazan Ahmad abgebildet ist. Auf F. K.'s Facebookseite schrieb eine Person mit demselben Nachnamen unter dessen Foto: "Sehr schön meine Cousin." Und ein Kurdistan-Kenner, dem die "Freie Presse" den vollständigen Nachnamen vorlegte, erklärte, dieser sei bei Kurden durchaus gebräuchlich. Er sei eher in der Türkei verbreitet, komme aber auch in anderen kurdischen Gebieten vor.

Es gibt im Internet auch ein Foto, auf dem F. K. gemeinsam mit den beiden anderen Tatverdächtigen Yousif A. und Alaa S. abgebildet ist, die beide zeitweise in dem erwähnten Barbershop arbeiteten, wie der Inhaber der "Freien Presse" bestätigte. Und zu Yousif A. gaben die Behörden bereits bekannt: Seine Ausweispapiere waren gefälscht.

Wie kam Farhad Ramazan Ahmad nach Deutschland und wie verlief sein Asylverfahren?

Die "Freie Presse" schickte dazu eine Reihe von Fragen an das zuständige Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in Nürnberg. Die Antwort: "Das Bundesamt nimmt seine Verantwortung gegenüber den Schutzsuchenden sehr ernst. Aus datenschutzrechtlichen Gründen können wir Ihnen keine Auskunft zu Einzelfällen und Details aus dem Asylverfahren erteilen."

Das Verwaltungsgericht Chemnitz indes teilte auf Anfrage mit, Farhad Ramazan Ahmad habe in Deutschland bereits zweimal einen Asylantrag gestellt. Das erste Verfahren endete demnach bereits am 31. Mai 2016 mit einem unanfechtbaren Negativbescheid. Danach hätte der Mann abgeschoben werden können. Am 22. Juli 2016 stellte er jedoch einen zweiten Asylantrag - über einen Vormund, er galt damals also noch als minderjährig. Das passt mit der aktuellen Angabe der Polizei, der Mann sei heute 22 Jahre alt, nicht zusammen. Auch der zweite Asylantrag wurde vom Bamf abgelehnt und eine Abschiebung in den Irak angedroht. Gegen die Entscheidung reichte Farhad Ramazan Ahmad am 8. Februar 2017 Klage beim Verwaltungsgericht Chemnitz ein. Über diese Klage ist noch nicht entschieden. Und es ist unklar, warum das Bamf überhaupt einen zweiten Asylantrag annahm. Dafür müsse es eine neue Sachlage und neue Beweise geben, erläuterte ein Sprecher des Verwaltungsgerichts.

Fahrhad Ramadan Ahmad ist in Deutschland auch mehrfach straffällig geworden. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Chemnitz gab es 2017 zunächst zwei Strafbefehle des Amtsgerichts Aue wegen Hausfriedensbruchs und Diebstahls. Im November 2017 folgte dann in Aue eine Verurteilung wegen Drogenhandels zu vier Monaten Haft auf Bewährung sowie im Februar 2018 eine Verurteilung wegen vorsätzlicher Körperverletzung, Sachbeschädigung und Beleidigung zu sieben Monaten Haft auf Bewährung, bei der die Vorstrafe einbezogen wurde.

Oberstaatsanwältin Ingrid Burghart berichtet zu dieser Tat, der Mann habe "einem Mitreisenden im Zug ins Gesicht gespuckt und mit der Faust ins Gesicht geschlagen; hierbei wurde der Geschädigte verletzt und die Brille wurde beschädigt". Ferner, so Burghart, sei gegen Farhad Ramazan Ahmad eine weitere Anklage wegen Körperverletzung und Bedrohung (Tatzeiten im August und Dezember 2017) am Amtsgericht Chemnitz anhängig.

 

* Vor- und Nachname wurden aus rechtlichen Gründen abgekürzt.

Bewertung des Artikels: Ø 3.9 Sterne bei 9 Bewertungen
9Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 1
    0
    aussaugerges
    15.09.2018

    So haben wenigstens Anwälte und Sozialarbeiter zu tun.
    Die arbeitsamen und fleisigen beachtet keiner.

  • 7
    1
    Tokru
    13.09.2018

    Ja, der Artikel fällt positiv auf. Ich habe es auch so empfunden. Aber man fragt sich dann schon, wie muß es um die deutsche Presselandschaft bestellt sein, wenn man im Kommentarbereicht auf diesen Aspekt hinweisen muß. Objektive, gut recherchierte Berichterstattungen sollte eine Selbstverständlichkeit sein und keine Ausnahme.

  • 5
    6
    Hinterfragt
    13.09.2018

    @cn3boj00; "...denn genau das bedeutet die Überseztzung...."
    Sie interpretieren schon wieder hinein, da gibt es nichts zu übersetzen.

    Es zeigt ganz klar auf, dass es KEINE rechten Modemarken gibt.

  • 11
    3
    cn3boj00
    13.09.2018

    @Hinterfragt: was wollen Sie uns eigentlich sagen? Wer Kleidung dieses Labels trägt hat entweder keine Ahnung oder sympathisiert mit gewalttätigen Gruppen, denn genau das bedeutet die Überseztzung.

  • 5
    8
    Hinterfragt
    13.09.2018

    3. Versuch!

    Das Bild im Artikel widerlegt beeindruckend die Mär der angeblich rechten Szenekleidung.
    Man schaue sich das Shirt des Gesuchten an.

    "...Nicht nur durch ihr martialisches Design fügt sich „Yakuza“ in die Palette der Lifestyle-Klamotten, zwischen dem Cottbusser „Label 23“, „Thor Steinar“ und „Brachial“ aus Zwickau. Das Bautzner Label und deren Vertriebsstruktur weist ebenso erkennbare Bezüge in neonazistische Kreise auf..."
    (Quelle: Antifa-Internetseite)

  • 16
    0
    rothwolf
    13.09.2018

    Der deutsche Behörden" Michel" ist nicht mit Geld zu bezahlen, da fehlt wahrscheinlich Durchsetzungvermögen. Der Bericht ist sachlich und korrekt.

  • 33
    0
    cn3boj00
    13.09.2018

    Zwei Anmerkungen: Der Bericht fällt positiv auf, wie so mancher der letzten Tage. Die Ereignisse haben wohl ein Umdenken in der Redaktion bewirkt: Berichte werden sachlicher, und man recherchiert mehr. Danke!
    Und richtig: der Bericht sollte nachdenklich machen, vor allem über die Unfähigkeit des Innenministers, auch Heimat-Horst genannt. Statt dauernd rumzuzetern und neue Gesetze zu fordern (die dann auch nicht umgesetzt werden), sollte er endlich dafür sorgen, dass sein BAMF auf Vordermann gebracht wird und die bestehenden Gesetze auch umsetzt. Wir werden wohl noch oft hören müssen, dass Täter eigentlich hätten gar nicht hier sein dürfen, aber die Behörden zu lasch sind. Auch das Verwaltungsgericht ist hier zu kritisieren, wobei sich die Frage stellt, wieso abgelehnte kriminelle Asylbewerber überhaupt deutsche Gerichte bemühen dürfen.

  • 34
    0
    Slash140786
    13.09.2018

    Guter Beitrag. Eine sachliche Zusammenfassung die bei einigen Lesern allerdings als Nebenwirkung Kopfschütteln auslösen könnte.

  • 36
    0
    Steuerzahler
    13.09.2018

    Der vorstehende Artikel belegt beeindruckend die lasche Sanktionsweise unserer Justiz und den daraus resultierenden fehlenden Schutz vor einer Wiederholungsgefahr.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...