Ein Nachruf auf den Chemnitzer Knut Dietz

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Vergangene Woche ist Knut Dietz gestorben - über Jahrzehnte gehörte er zur subkulturellen Szene in Chemnitz. Ein ganz persönlicher Nachruf.

Lieber Knut, vielleicht ist es anmaßend, dass ich Dir schreibe - so gut kannten wir uns nicht - und doch kannten wir uns, weil Du fast jede und jeden kanntest, die oder der aktiv oder passiv in der Chemnitzer Subkultur unterwegs war. Kaum eine Ausstellungseröffnung, kaum ein Konzert oder eine Veranstaltung im Weltecho, im Lokomov oder einem der vielen anderen kleinen Klubs und in Galerien in Chemnitz, wo Du nicht irgendwann am Abend auftauchtest.

Im klassischen Anzug, mit einem Glas Rotwein in der Hand, aufmerksam zuhörend, zuschauend, manchmal still in Dich hineinlächelnd. Und immer hattest Du eine Meinung zu dem, was Du gesehen, gehört, erlebt hast. Du hast gern und lange darüber mit anderen diskutiert - kompromisslos, immer gemessen an den Maßstäben für die Freiheit des Einzelnen als Teil einer solidarischen Gesellschaft etwa eines Johann Most, des Anarchisten, der auch in Chemnitz seine Spuren hinterließ und doch in der Stadt kaum gewürdigt wird.

Einen Teil der Chemnitzer Subkultur hast Du selbst mitgestaltet. Sehr viel weiß ich nicht von Dir: Geboren 1965, gelernter Kinotechniker, hast Du Anfang der 1990er- Jahre die Medienwerkstatt im Alternativen Jugendzentrum mit aufgebaut, Du hast selbst gefilmt, viele Veranstaltungen so für die Nachwelt festgehalten.

Du warst belesen, klug, Deine Buchempfehlungen waren immer eine Bereicherung, wie die Diskussionen über Kunst, Literatur, Philosophie mit Dir für die, die sich darauf eingelassen haben, ein Gewinn waren, selbst wenn wir nicht auf einen Nenner kamen.

Du kanntest auch die Berichte in der "Freien Presse" über die städtische Subkultur, obwohl Du sicher nie das Geld hattest, die Zeitung zu kaufen oder gar zu abonnieren. Du hast sie öfter kritisiert als gelobt - sie war Dir zu brav, oft zu wenig kritisch, die kulturelle Berichterstattung überhaupt zu schmal. Aber Du hast auch anerkannt, wenn uns etwas in Deinen Augen Gutes gelungen war. Es war nicht immer leicht, mit Dir zu diskutieren, manchmal sehnte man sich nach einer Pause - aber es war immer anregend, führte dazu, dass man sich selbst hinterfragte, den eigenen Standpunkt überprüfte, mutiger oder auch demütiger wurde. Mit Deiner kompromisslosen Unbedingtheit warst Du ein Enkel der klassischen Anarchisten, einer, an dem man sich reiben konnte. Es würde Stadtgesellschaften guttun, Menschen wie Dich in die Diskussionen über ihre Zukunft einzubeziehen, auch wenn dies zu Konflikten führt. Aber wenn solche Konflikte ausgetragen und nicht unter den Teppich gekehrt werden, dann kann am Ende für alle etwas Besseres entstehen.

Länger als ein Jahr schon fehlten wegen der Corona-Pandemie die Gelegenheiten sich zu treffen. Sicher hat Dich das auch belastet, denn die Begegnungen mit anderen Menschen gehörten zu Deinem Leben wie die Luft zum Atmen. Du hast als Außenseiter gelebt und bist wohl auch vergangene Woche als Außenseiter gestorben. Dass Du vielen Menschen etwas bedeutet hast, zeigt auch, wie schnell die traurige Nachricht die Runde machte. Viele vermissen Dich, und wir werden Dich noch mehr vermissen, wenn dann wieder Veranstaltungen möglich sind und die Ecke etwas weiter hinten leer bleibt, wo Du gestanden hättest, im Anzug, mit einem Glas Rotwein in der Hand ... Ruhe in Frieden, lieber Knut. Wir sehen uns wieder, und dann können wir die unterbrochenen Diskussionen fortsetzen.

Matthias Zwarg berichtet seit vielen Jahren von Kulturveranstaltungen und ist Knut Dietz dabei häufig begegnet.

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11 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 6
    2
    cartell2017
    24.04.2021

    Danke Matthias für diesen Nachruf. Du sprichst mir und vielen anderen sicher auch aus dem Herzen. Knut wird mir fehlen, er wird dieser Stadt fehlen.