Franzose leiht Erzgebirge seine Schätze

Claude Bernard über seine Sammelleidenschaft und Recherchen zur Geschichte des Spielschiffbaus

Mit seiner Sommerschau widmet sich das Pohl-Ströher-Depot in Gelenau nicht nur einem sehr jungfräulichen Sammlungsthema. Es hat sich dazu auch einen gebürtigen Franzosen ins Boot geholt: Claude Bernard. Er besitzt die größte Sammlung von Spielschiffen in Europa. Mit ihm hat sich Gabi Thieme unterhalten.

"Freie Presse": Wie verschlägt es einen Franzosen mit 150 Schiffen ausgerechnet nach Gelenau, in ein Dorf, das nicht mal in Sachsen jeder kennt?


Claude Bernard: Das ist eine lange Geschichte. 2017 gab es im Kinderwagenmuseum in Zeitz eine Sonderausstellung mit historischen Kindertretautos. Bei den Exponaten handelte es sich um Leihgaben des Depots in Gelenau und des hier tätigen Restaurators Eckart Holler. Mein Freund Wolfgang Schröder lebt in Zeitz und wurde auf die Autoschau aufmerksam. Wir beide leiten den Verein "Freunde der Spielschiffe". Wir nahmen an der Eröffnung der Sonderschau in Zeitz teil und lernten dort Depotleiter Michael Schuster aus dem Erzgebirge kennen.

Und weil der ständig auf der Suche nach neuen Themen für seine Sonderschauen ist, kamen Sie ins Geschäft, oder?

Ja, so kann man das sagen. Die eigentliche Vorbereitung dauerte dann etwa ein Jahr.

Wie kommt ein gestandener 63-Jähriger dazu, schwimmfähige Spielschiffe für Kinder zu sammeln?

Ich habe schon immer Boote und das Meer geliebt, obwohl ich aus Lothringen stamme, also nicht am Meer aufgewachsen bin. Aber ich und auch viele meiner Freunde haben bei jeder Gelegenheit Rindenboote geschnitzt und sie dann zu Wasser gelassen. Später hatte ich dann mal irgendwoher zwei alte Schiffsmodelle, die einfach nur schön aussahen. Das dritte Schiff, das vor etwa 40 Jahren dazukam, war schwimmfähig und der Beginn meiner Sammlung. Mich hat schon immer fasziniert, dass das ein Spielzeug ist, das wie das reale Vorbild funktioniert.

Wie umfangreich ist Ihre Sammlung inzwischen?

Ich besitze jetzt etwa 1500 Spielschiffe, etwa zwei Drittel davon erstand ich in den vergangenen 15 Jahren.

Und wieso leben Sie jetzt in Sachsen und planen hier ein Museum für Spielschiffe?

Als Unternehmensberater lernte ich Anfang der 2000er-Jahre auf einem Seminar in Frankreich meine heutige Frau kennen. Sie führt in Grimma ein Küchenstudio und ein Einrichtungshaus. 2002 zog ich zu ihr. 2004 heirateten wir. Und so kam auch meine Sammlung mit auf unser Grundstück in Mutzschen nahe Grimma, wo unser Verein Ende 2020 ein Museum eröffnen will, das erste dieser Art überhaupt. Der erste Bauabschnitt ist gerade in Arbeit.

Ihre Frau teilt demnach Ihre Sammelleidenschaft?

Inzwischen ja. Aber das dauerte. Ich bin zum Beispiel in Paris extra mit ihr in den Jardin du Luxembourg gegangen, damit sie sich mal ein Bild machen kann, wie gern Kinder und auch Erwachsene sich mit Spielschiffen beschäftigen. Dort finden sich jeden Tag hunderte Menschen ein, um ihre Schiffe mit unterschiedlichen Antrieben zu Wasser zu lassen.

Ihre Frau ist mittlerweile auch Mitglied im Verein "Freunde der Spielschiffe"?

Ja, den haben wir zusammen 2017 gegründet. Heute sind wir sieben Mitglieder und jedes ist auch im Vorstand.

Sie haben sich mit der Geschichte der Spielschiffe befasst und ein Buch zu diesem Thema verfasst.

Ja, es gab bis dahin kaum Quellen dazu. Auf die Idee kam ich, als ich 2008 in Sonneberg in Thüringen im dortigen Spielzeugmuseum auf einige Schiffe aus Thüringer Produktion stieß. Deutschland, speziell Thüringen, war einmal das Land, das weltweit die meisten Spielschiffe baute. Die Direktorin gab mir die Adresse eines namhaften Herstellers in Steinach oder besser gesagt des Nachfahren von Alexander Greiner. Und von dem erfuhr ich dann unheimlich viel - auch für weitere Recherchen.

Sie schildern in Ihrem Buch, dass im Nachbarort von Steinach, in Mengersgereuth-Hämmern, das ganze Dorf früher vom Spielschiffbau lebte.

Ja, so war das. Weil der Bergbau zum Erliegen gekommen war, die Wälder aber genug Holz lieferten, entstand um 1850 ein neuer Erwerbszweig. Mitte der 1920er-Jahre gab es in Steinach bereits sechs und in Mengersgereuth-Hämmern 13 Unternehmen sowie hunderte direkt und indirekt beteiligte Schnitzer und Zulieferer. Viel Zubehör wurde auch in Heimarbeit von den Frauen hergestellt. Schon damals wurden 60 Prozent der Waren exportiert. Das Kuriose ist, dass so mancher Hersteller starb, ohne je das Meer gesehen zu haben.

Gibt es heute noch Hersteller von Spielschiffen in Deutschland?

Ja, noch zwei: einen in Eggenfelden in Bayern und einen in Steinach, der seit 1994 die Tradition der Holzschiffherstellung in Thüringen weiterführt. Das Aus für die Thüringer Produzenten wurde mit deren Zwangsverstaatlichung bis 1972 besiegelt. Sie wurden alle in Volkseigene Betriebe überführt, die die Schiffsherstellung zugunsten anderer Spielsachen dann aber immer mehr zurückfuhren.

Sie haben nicht nur Schiffe nach Gelenau gebracht.

Wir haben hier auch den Arbeitsplatz einer alten Werkstatt aufgebaut, mit originalen Werkzeugen und Spänen aus Thüringen. Und wir erläutern auch die einzelnen Arbeitsschritte.

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