Geschlossene Praxen - Jetzt werden Hausärzte mit Geld gelockt

Die Lage spitzt sich zu: In Chemnitz gibt es zu wenig Allgemeinmediziner. Sechs Stellen werden deshalb mit je 60.000 Euro gefördert. Aber reicht das?

Es ist die eine Zahl, die alarmiert: Knapp 40 Prozent aller 150 Hausärzte in Chemnitz sind 60 Jahre und älter. Sie gehen in absehbarer Zeit in den Ruhestand. Medizinischer Nachwuchs rückt kaum nach - im Gegenteil. Erst im Frühjahr kündigte eine Allgemeinmedizinerin im Zentrum ihre Stelle. Patienten finden nur schwer eine neue Praxis. "Es heißt überall, dass keine Patienten mehr angenommen werden", klagt eine Frau, die ihren Hausarzt verloren hat. Ein Arzt behandelt im Quartal im Durchschnitt 1000 Patienten.

Um die 250.000 Chemnitzer angemessen hausärztlich zu versorgen, fehlen im Stadtgebiet 24 Mediziner, geht aus der jüngsten Statistik der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KVS) hervor. Sie ist für die Sicherstellung der ärztlichen Versorgung zuständig. Um die größte Not zu lindern, lockt die KVS nun mit Geld. Sechs neue Hausarztstellen werden mit jeweils 60.000 Euro unterstützt. Damit reagiert die KVS auf eine drohende Unterversorgung mit Hausärzten in der Stadt, sagt Sprecherin Katharina Bachmann-Bux.

Dr. Rainer Arnhold ist einer von drei Hausärzten, die von der Unterstützung bereits profitiert haben. Anfang 2018 übernahm der 40-Jährige die Praxis einer Ärztin, die in Rente gegangen ist. "Die 60.000 Euro haben geholfen", sagt er. Denn die Einrichtung einer Praxis koste etwa das Doppelte. Im Gegenzug verpflichtete er sich, wöchentlich mindestens 25 Sprechstunden anzubieten und fünf Jahre in Chemnitz zu praktizieren. Beides sei kein Problem. "Wenn ich eine Praxis aufmache, dann nicht kurzfristig", so der Arzt, der seine Praxis auf dem Kaßberg betreibt. Er stammt aus Dresden, arbeitete am Bodensee. Da seine Partnerin aus Chemnitz stammt, entschied sich das Paar für die Stadt. Zwar habe die Förderpauschale Chemnitz interessant gemacht, Arnhold hätte sich aber auch ohne das Geld hier niedergelassen. "Ich bin gern Hausarzt", sagt er. Den Mangel an Allgemeinmedizinern hat er schon zu spüren bekommen; allein im Juli habe er 45 neue Patienten angenommen. Ein Grund für den Doktor-Mangel ist in seinen Augen das Fehlen einer Medizinischen Fakultät in Chemnitz. Angehende Ärzte studieren in Dresden und Leipzig. "Und viele bleiben in den Städten."

Zwei weitere Hausärzte nehmen den Zuschuss der KVS in Kürze in Anspruch. Sie wollen ab Herbst bzw. ab Anfang 2019 in Chemnitz praktizieren, so die Sprecherin. Die Förderpauschale kann für jene Hausärzte fließen, die eine Praxis gründen, eine bestehende übernehmen oder einen Arzt anstellen. Der Mediziner darf in den vergangenen fünf Jahren nicht in Chemnitz tätig gewesen sein. Grundsätzlich gilt die Förderung als einmaliger Zuschuss. Sie müsse nur zurückgezahlt werden, wenn Bedingungen nicht eingehalten werden, so die Sprecherin.

Doch reicht die Förderung von sechs Stellen, wenn zehnmal so viele Hausärzte demnächst in Ruhestand gehen? Die absehbare Verschärfung des Ärztemangels macht der KVS Sorgen. "Das Alter der Ärzte ist ein wunder Punkt", sagt Sprecherin Bachmann-Bux. Die KVS hat neben der Kopfprämie sachsenweit weitere Förderprogramme aufgelegt, etwa ein Hausarztstipendium. Doch das gilt nicht für die Großstädte Dresden, Leipzig und Chemnitz. Um als Arbeitsort attraktiv zu sein, brauche es auch ein entsprechendes Umfeld, so die Sprecherin. Dazu gehörten etwa Schulen, Freizeitangebote und ein Job für den Partner. Das sei Aufgabe der Kommunen, so Bachmann-Bux. Um Ärzte nach Chemnitz zu locken, ist laut städtischer Wirtschaftsförderung CWE, die sich um die Ansiedlung von Medizinern kümmert, ein langer Atem nötig: "60 Hausarztstellen nachzubesetzen, ist nur mit einem langfristigen Konzept möglich. Die Lösung wird Jahre dauern", so Geschäftsführer Sören Uhle. Dafür arbeite die CWE mit Kliniken, Ärztekammer und KVS zusammen. Im November soll es erstmals ein Treffen junger Ärzte und Medizinstudenten aus Leipzig, Dresden und Jena in Chemnitz geben. Ziel sei es, die "lebenswerte Stadt" sowie Gleichgesinnte kennen zu lernen. Denn noch, so Uhle, sei der Gesundheitsstandort Chemnitz ein "Geheimtipp".

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