Industriebrache wird zum Spielplatz für Künstler

Viele der Mitwirkenden des Festivals Ibug sind weit gereist. Sie kommen nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Kanada, Mexiko und Brasilien. Sie wollen sich ausdrücken, aber keinesfalls den Wert des Gebäudes steigern.

So viele Menschen hat die ehemalige Nadel- und Platinenfabrik an der Waplerstraße lange nicht gesehen. Auf allen vier Etagen des Gebäudes, das seit 1998 leer steht, wird gemalt, gesprüht oder geklebt. Gesprochen wird gar nicht so viel, denn am Nachmittag sind die Künstler schwer beschäftigt, viele hören Musik zum Arbeiten, was in einer Mischung aus Techno, Hip-Hop, mexikanischem Pop und Michael Jackson mündet.

Rund 80 Künstler und Kollektive- zusammen sind es rund 130 Personen - bevölkern derzeit gemeinsam mit 40 Helfern die Industriebrache. Sie bereiten die 13. Auflage der Ibug vor, einem Festival für urbane Kunst. Die Abkürzung steht für Industriebrachen-Umgestaltung. Am Freitag ist die Eröffnung. Im vergangenen Jahr fand das Festival in einer Brache an der Lerchenstraße statt. "Nach zwei Jahren in Chemnitz wollen wir dann nächstes Jahr wieder in eine kleinere Stadt", kündigt Projektleiter Thomas Dietze an. Das Objekt für dieses Jahr sei wirklich riesig und biete kleine und große Räume, sodass sich die Künstler wirklich austoben können. Von detailverliebter Malerei bis großen Installationen ist alles möglich. Beworben haben sich rund 300 Künstler, sagt Dietze. Zu den am weitesten gereisten Teilnehmern gehören in diesem Jahr zwei Kollektive aus Mexiko sowie Künstler aus Brasilien, Kanada und Russland.

Einer der Künstler aus Mexiko ist Eduardo Rios. Das dreiköpfige Team, zu dem er gehört, heißt Axolotl Collective und gestaltet ein Bild, das sich über drei Wände zieht. Es zeigt einen Mann, einen einfachen mexikanischen Arbeiter. Die schwere Arbeit auf dem Feld steht ihm ins faltige Gesicht geschrieben. Er trägt ein weißes Hemd und ein rotes Halstuch. "Er soll noch einen traditionellen Hut bekommen", sagt Rios, die Spraydose in der Hand haltend. Wie sie von der Ibug erfahren haben? Natürlich übers Internet.

Auch Helen Ulbrecht ist noch beschäftigt. Sie hat Tausende Bleche zu Blättern geschnitten und klebt sie zu einem Kunstwerk zusammen. Am Ende wird es aussehen, als speie eine glitzernde Maske die Blätter aus, aus denen wiederum glitzernde Wesen aufsteigen. Ulbrecht, die aus Leipzig kommt, bedient sich für ihre Arbeit nur an Müll aus anderen Industriebrachen. Was bei ihr zählt, ist der schöne Schein - eine Kritik am Überfluss unserer Zeit.

Dass es die alte Fabrik an der Waplerstraße noch gibt, ist für die Ibug-Macher ein Glücksfall. Denn seit 2014 war ein Abriss der Brache im Gespräch. Doch die Stadtverwaltung teilte mit, vor einem Abriss würden die Möglichkeiten für den Erhalt geprüft. Man bemühe sich zu erfahren, welche Absichten die Eigentümerin des Gebäudes hat. Einen Vorteil aus der Ibug soll sie jedenfalls nicht haben. Wenn klar sei, dass Gebäude nach dem Festival verkauft würden, "dann schwärzen wir die Kunst", sagt Thomas Dietze, "denn wir wollen nicht zur Wertsteigerung beitragen".


Kriegsgefangenenlager - Nadelfabrik - Abrisskandidat

Das Fabrikgelände wurde 1924 als Zweigniederlassung einer Kölner Bekleidungsfabrik gebaut. 1938 wurde der Komplex durch die Astra-Werke AG für die Produktion von Rüstungsmaschinen aufgekauft. Der Hof diente zeitweise als Kriegsgefangenenlager. Ab 1944 arbeiteten auch KZ-Häftlinge in dem Werk.

1945 erfolgte die Demontage durch die sowjetische Militäradministration. 1951 wurde der VEB Sächsische Nadel- und Platinenfabrik gegründet und 1978 unter dem Namen Naplafa dem Kombinat Textima zugeordnet. 1990 fand die Umfirmierung in eine GmbH sowie 1998 die Übernahme durch eine Schweizer Firma statt. Die Naplafa existiert nach wie vor, an der Mauersberger Straße in Chemnitz. Seit 2014 sollte der Komplex an der Waplerstraße abgerissen werden.

Die Ibug ist am Freitag von 15 bis 22 Uhr, Samstag von 10 bis 22 Uhr und Sonntag von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Beim zweiten Festival-Wochenende vom 31. August bis 2. September gelten dieselben Öffnungszeiten. Freitags und samstags ist das Gelände mit Biergarten bis Mitternacht offen.

Der Eintritt kostet 9, ermäßigt 5Euro. Erstmals gibt es auch Tickets im Vorverkauf online. Sie gelten gleichzeitig als Fahrkarte im Verbundraum des VMS, weil es vor Ort nur wenige Parkplätze gibt.

Ein Rahmenprogramm gibt es auch. Dazu gehören Filme, Führungen, Diskussionen, Workshops und ein Kunstmarkt. Am 25. August startet ab 23Uhr eine Ibug-Party im Club Transit im Südbahnhof. Programm und Tickets unter www.ibug-art.de (jpe)

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