Kirchenmann mit Humor verlässt die Kanzel

Nach 22 Jahren ist Superintendent Andreas Conzendorf verabschiedet worden. Die Besucher der Schloßkirche erlebten den 64-jährigen Theologen noch einmal in Bestform.

Die Überraschung war Barbara Ludwig geglückt. Als zwei Mitarbeiter der Oberbürgermeisterin im Anschluss an den anderthalbstündigen Gottesdienst plötzlich einen Tisch mit dem Goldenen Buch der Stadt vor die Kanzel rollten, war selbst Andreas Conzendorf perplex - für einen kurzen Moment. Mit dem Stift in der Hand hatte er sich wieder gefangen und auf die ihm eigene, typische Art reagiert. ,,Noch besser wäre es, wenn ich irgendwann im Buch des Lebens stehe."

Wie ein roter Faden zog sich der Humor des ehemaligen Superintendenten, der in wenigen Tagen zurück in die heimatliche Lausitz ziehen wird, durch die Veranstaltung. "Ich weiß nicht, wie oft ich auf seine jährlichen Aprilscherze hereingefallen bin", räumte Oberlandeskirchenrat Burkart Pilz ein, der die Predigt hielt. In diesem Jahr habe Conzendorf schriftlich und mit gespieltem Ernst um den Aufschub seines Ruhestandes gebeten. "Auch das habe ich einen Augenblick für bare Münze genommen." Pilz zufolge tue man dem 64-Jährigen allerdings unrecht, wenn man ihn nur auf diese Eigenschaft seines Charakters reduziere. "Sein Humor kommt aus einer tiefen Nachdenklichkeit heraus."

Auch Ludwig hob die ernsthaften Seiten des Kirchenmannes hervor. Dafür, dass er von der Einwohnerversammlung bis zur Diskussions-runde zum Thema Flüchtlinge immer wieder Kirchenräume für Veranstaltungen der Stadt zur Verfügung gestellt habe, sei sie sehr dankbar. Zudem habe er sich nicht gescheut, auf Grenzen hinzuweisen, etwa was die Bedeutung des Karfreitags als "stillen Feiertag" betreffe. Als die Chemnitzer Band "Kraftklub" am Karfreitag 2012 am Marx-Kopf ein spontanes Konzert veranstaltete, gehörte Conzendorf zu den vehementesten Kritikern - nach außen als auch mit Post an die Oberbürgermeisterin persönlich. "Die Briefe fehlen mir am meisten. Ich kenne keinen besseren Briefeschreiber als Andreas Conzendorf", sagte Ludwig.

Bei vielen der 700 Besucher des Festgottesdienstes war Wehmut zu spüren. "Das ist ein großer Verlust für Chemnitz", sagte Jörg Hahn. Conzendorf sei ein Original, gleichzeitig aber absolut bodenständig gewesen", so der Limbacher. Auch Sieglinde Stübner bedauerte den Abschied. "Er hat mich zum Nachdenken gebracht. In fast jeder Sonntagspredigt gab es einen Gedanken, den man gut mit in die Woche nehmen konnte", sagte die Rentnerin.

Und Conzendorf selbst? Der kokettierte ein wenig mit seiner Rolle. "Ich will nicht so eitel sein und alles Lob zurückweisen. Aber ich weiß, dass Übertreibungen in solchen Situationen absolut üblich sind." Seine Arbeit sei nicht besser gewesen als die jeder Krankenschwester, betonte er. Zu den Dingen, die er künftig vermissen werde, zählt er seine Volleyballmannschaft, die Schloßkirche als "das schönste Gotteshaus, in dem ich gepredigt habe", und seinen "Angelsteinbruch" in Wittgensdorf. Allzu schwer fällt ihm das Loslassen dennoch nicht, wie er am Sonntag noch einmal betonte: "Obama ist in Rente, Klitschko k.o. Auch für mich wird es also Zeit."

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