Neubürger plädieren für mehr Begegnungen

Hunderte Chemnitzer mit ausländischen Wurzeln haben in den zurückliegenden Jahren einen deutschen Pass erhalten. Auf die jüngsten Ereignisse in ihrer Heimatstadt haben sie einen ganz besonderen Blick.

Es ist in Chemnitz längst Tradition, dass neu eingebürgerte Einwohner der Stadt zu einer gemeinsamen Willkommensrunde mit der Oberbürgermeisterin eingeladen werden. Doch die diesjährige Einbürgerungsfeier war eine besondere, stand sie doch ganz unter dem Eindruck der Ereignisse der vergangenen Wochen. Wie willkommen dürfen sich die neuen deutschen Staatsbürger in Chemnitz wirklich fühlen? Diese Frage, das wurde bei Kaffee und Kuchen schnell deutlich, treibt nicht wenige der Neubürger um.

Insgesamt 170 Menschen wurden allein im vergangenen Jahr durch die Ausländerbehörde der Stadt eingebürgert und erhielten einen deutschen Pass - Männer, Frauen und Kinder aus Afghanistan, Kasachstan, der Ukraine, Algerien, Syrien, Kirgisistan, Nigeria, Großbritannien, der Türkei, der Republik Moldau und Aserbaidschan. Knapp zwei Dutzend von ihnen waren nun der Einladung ins Rathaus gefolgt, berichteten von ihrem Weg nach Deutschland, ihren Erfahrungen mit der Lebenssituation in Chemnitz, aber auch von ihrem Blick auf die jüngsten Ereignisse in der Stadt.

Ob Hausfrau, Schichtarbeiter oder Wissenschaftler an der Uni: Die meisten von ihnen schätzen Chemnitz noch immer als eine eher ruhige und sichere Stadt. Doch seit 2015 habe sich das Klima auch für sie spürbar verändert, heißt es immer wieder. "Man wird häufiger komisch angeschaut, so etwas gab es früher nicht", erzählt eine junge Frau aus Syrien. Aber was dagegen tun? Der Mann ihr gegenüber plädiert energisch für mehr Begegnungen. "So wie vor kurzem beim Firmenlauf: Tausende Menschen, egal woher, verfolgen miteinander ein gemeinsames Ziel. Sie kommen ins Gespräch, Vorurteile verschwinden." Doch er zeigt sich auch als Realist: "Die kriminelle Ader bei manchen von denen, die in der Stadt herumlungern, wird davon nicht verschwinden. Aber das Bild, das die Leute von uns haben, wird sich ändern."

Die Anzahl der Einbürgerungen im vergangenen Jahr lag etwas über dem Wert von 2016. Damals erhielten knapp 150 Chemnitzer mit ausländischen Wurzeln die deutsche Staatsbürgerschaft. Mit Abstand häufigstes Herkunftsland war die Ukraine, gefolgt von Vietnam, Polen und dem Iran. Einbürgern lassen kann sich im Allgemeinen nur, wer seit mindestens acht Jahren rechtmäßig und straffrei in Deutschland lebt und eine Reihe von Voraussetzungen erfüllt. Dazu zählen neben ausreichenden Deutschkenntnissen das unbefristete Aufenthaltsrecht, ein bestandener Einbürgerungstest, die eigenständige Sicherung des Lebensunterhalts, das Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Das Verfahren kostet 255Euro, für Kinder 51 Euro.


Die Familie, die Liebe, der Brexit: So wurden diese Chemnitzer zu deutschen Staatsbürgern

Ilhama Guliyeva (45) stammt ursprünglich aus Aserbaidschan, einer der früheren Sowjetrepubliken in Vorderasien. Im Zuge einer Familienzusammenführung kam sie Mitte der 1990er-Jahre nach Deutschland. Seither lebt sie in Chemnitz. Hier arbeitet Ilhama Guliyeva in einer Betreuungseinrichtung für Menschen mit Demenz als Pflegehelferin. Von sich selbst sagt sie: "Ich fühle mich als echte Chemnitzerin."

Hayes Dikeogu (34) ist in Nigeria aufgewachsen, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas. Er kam vor 15 Jahren nach Deutschland, um hier mit seiner Freundin zusammen zu leben. Seit 2008 lebt er in Chemnitz, arbeitet in einem Lager eines großen Logistikunternehmens. Für seine Zukunft als Deutscher wünscht er sich vor allem eines - "ein ruhiges und glückliches Leben".

Caroline Laxon (60) hätte sich nie träumen lassen, einmal deutsche Staatsbürgerin zu werden. Doch der Britin, die an der Technischen Universität als Englisch-Lehrerin arbeitet, drohte wegen des geplanten Austritts Großbritanniens aus der Europäische Union nach 36 Jahren in Deutschland, davon zwölf in Chemnitz, mittelfristig ein Status als illegale Einwanderin. Ihre Zukunft sieht sie nun definitiv hier.

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