Pflegekinder: Auf und abseits der Sonnenseite

Simons leibliche Eltern konnten sich nicht um ihn kümmern. Ein neues Zuhause hat er bei Familie Richter gefunden. Aber von Familien wie den Richters gibt es zu wenig. Aus dem Alltag mit einem Pflegekind.

Chemnitz/Freiberg.

Bei Familie Richter klingelt es an der Tür und Simon reagiert sofort. Schnell eilt der 11-Jährige aus seinem Kinderzimmer im oberen Stockwerk die Treppe herunter und hat, wie so oft, als erster die Klinke in der Hand. Es hätte genauso gut das Telefon sein können, das klingelt. Simon, ein zierlicher Junge mit kurz rasierten Haaren, will Bescheid wissen, wer kommt oder anruft. Besuch begrüßt er mit einem kecken Grinsen, bei dem er sich mit den Schneidezähnen auf die Unterlippe beißt. "Die NSA lebt unter uns", scherze die Familie oft, sagt seine Mutter Antje Richter. Denn Simon spioniere auch gern aus. Ein Weg, sein Bedürfnis nach Kontrolle und Stabilität auszudrücken.

Das fehlte Simon in seinen ersten Lebensjahren. Der Junge war zwei, als er zu Familie Richter nach Freiberg kam. Seinen leiblichen Eltern hatte das Jugendamt das Sorgerecht entzogen. Neun Monate lebte er in einem Kinderheim im Chemnitzer Yorckgebiet. Es gehört zum Freundeskreis "Indira Gandhi", ein freier Träger der Jugendhilfe. Etwa 3200 Kinder und Jugendliche leben laut Zahlen des Statistischen Landesamtes Sachsen derzeit in Pflegefamilien. Heike Noack ist beim Verein eine der zwei Beraterinnen für Erziehungsstellen. Erziehungsstellen, mit diesem Wort ist Noack nicht besonders glücklich. "Es klingt sehr technisch. Vielleicht schreckt das ab?" Man könnte es auch professionelle oder sonderpädagogische Pflegefamilie nennen. Erziehungsstellen nehmen Kinder bei sich auf, die verhaltensauffällig oder in ihrer Entwicklung beeinträchtigt sind. Traumatisiert, sagt Noack auch. Was genau das bedeutet? "Das, was Sie aus den Medien kennen: Kinder, die von ihren Eltern vernachlässigt wurden, die Gewalt erfahren haben, sexueller Missbrauch."

Was Simon bei seinen leiblichen Eltern erlebt hat, das weiß niemand genau. Antje Richter beschreibt es so: "Er war äußerlich und innerlich verwahrlost." Täglich 20 bis 30 Wutausbrüche habe er in der Anfangszeit gehabt. Richter setzte ihn dann immer in einen roten Sessel. "Wenn du dich beruhigt hast, kannst du jederzeit zu uns zurückkommen", habe sie zu ihm gesagt. Den roten Sessel gibt es noch, die Wutausbrüche sind viel weniger geworden. Für Aufregung sorgen noch Urlaube. So hatte Simon an der Ostsee beispielsweise große Angst vor Wasser. "Klar", sagt seine Pflegemutter, "Wellen sind unkontrollierbar." Mit spontanen Plänen, die dann vielleicht gar nicht realisiert werden, hält sich die Familie besser zurück. Auch das könnte Simon aufregen.

Vor drei Jahren wurde bei ihm das Asperger-Syndrom diagnostiziert, eine Form von Autismus. Die Betroffenen haben Probleme, Mimik und Gesten zu deuten und auch selbst einzusetzen. Ihre Sprachentwicklung ist ansonsten normal. Simon ist kontaktfreudig und redet viel, oft auch Quatsch, sagt Antje Richter. "Sprechdurchfall" nennt sie das. Als Simon noch klein war, sei das süß gewesen, heute eher peinlich. Simon eckt an. Zum Beispiel in der Schule: Im Februar ist ein Streit mit einem Mitschüler ausgeartet. Simon habe den Jungen so sehr gebissen, dass dieser verarztet werden musste, die Lehrerinnen habe er angeschrien. Mit ihm reden, könne man in solchen Momenten nicht, sagt seine Pflegemutter. "Er ist dann wie in einem Wahn."

Manche würden Simon vielleicht anstrengend oder schwierig nennen. Antje Richter sagt besonders und meint das nicht als Euphemismus. In einem Entwicklungsbericht für das Jugendamt und die leiblichen Eltern schreiben sie und ihr Mann bewusst gleich zu Beginn von Simons positiven Eigenschaften: Hilfsbereit und freigiebig sei er, ein guter Beobachter und Leser, habe oft gute Laune und Lust zu lernen, möchte ein guter Freund sein. Kurz: Für sie ein besonderes Kind mit besonderen Fähigkeiten und Bedürfnissen. "Das sollten wir zuerst im Blick haben, trotz aller Schwierigkeiten im Alltag", so Antje Richter.

Richter ist eine warmherzige Frau, die viel Ruhe ausstrahlt. "Schon mit 16, 17 Jahren wollte ich mich später mal für Kinder einsetzen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen." Ihr Mann und sie waren lange in der Jugendarbeit aktiv. Als Erziehungsstelle braucht zumindest ein Elternteil eine pädagogische Ausbildung, die bringen beide mit. Antje Richter hat aufgehört zu arbeiten, als Simon in die Familie kam. Sich um ihn zu kümmern, ihn in der Woche zu zwei bis drei Therapieterminen nach Chemnitz zu fahren und dann noch ein Job, das hätte sie nicht geschafft. Sie sagt das auch wegen des Vorwurfs, sich des Geldes wegen für ein Pflegekind zu entscheiden.

Die Sätze für das monatliche Pflegegeld variieren je nach Alter des Kindes und werden in Sachsen vom Landesjugendamt festgesetzt. Bis sechs Jahre sind es derzeit rund 760 Euro, ab sechs Jahre gut 830 Euro und ab 12 Jahre etwas über 900 Euro, teilt das Sozialministerium in Dresden mit. Die Pflegeeltern sollen in der Lage sein, sagt Sprecher Jörg Förster, dem Pflegekind den gleichen Lebensstandard wie den leiblichen Kindern zu bieten. Familien mit beeinträchtigten Kindern erhalten zusätzliche Unterstützung.

Heike Noack ist der Meinung, dass Pflegefamilien besser gestellt werden sollten - angesichts dessen, was sie leisten. Und sie würde sich mehr Familien wie die Richters wünschen. Die zu finden, sei sehr schwierig. Sie und ihre Kollegin versuchen es online, über Plakate und Flyer, direkte Ansprachen. Zu einer beworbenen Infoveranstaltung des Vereins im Juni kam niemand.

Bevor ein Kind in eine Pflegefamilie zieht, gibt es eine Reihe von Gesprächen mit allen Personen, die im Haus oder in der Wohnung leben. So sprach Noack auch mit Antje Richters vier leiblichen Kindern. Die älteste Tochter machte zu dem Zeitpunkt ihr Abitur, der Jüngste war sechs und wurde gerade eingeschult. In der Regel sollten die Geschwister älter als das Pflegekind sein, erklärt Noack. So könnten sie sich besser schützen. Das Pflegekind sollte unter zehn Jahren sein, damit es noch eine Bindung aufbauen kann. Durch Simon habe die Familie gelernt, an einem Strang zu ziehen, um ihm Sicherheit zu vermitteln, sagt Antje Richter. "Bezeichnend ist auch, dass die sozialen Kompetenzen unserer leiblichen Kinder so gestärkt wurden und es für sie selbstverständlich wurde, sich für andere Menschen zu engagieren." Zwei von ihnen haben sich für ein pädagogisches Studium entschieden.

Heike Noack kommt regelmäßig zu Hausbesuchen vorbei, derzeit betreut sie gemeinsam mit ihrer Kollegin 14 Familien. Häufig leben mehrere Pflegekinder - ob befristet, unbefristet oder als Erziehungsstelle - in einer. Häufig sind es immer wieder dieselben Familien. Seit knapp zwei Jahren ist auch Simon nicht mehr das einzige Pflegekind bei Familie Richter. Antje Richter sollte sich eigentlich nur vorübergehend um den kleinen Tim kümmern, doch seine leibliche Mutter meldete sich kurze Zeit später wieder bei ihr, sie schaffe es nicht. Beim Blättern durchs Fotoalbum zeigt Simon stolz seine Geschwister, insgesamt neun. Seine leibliche Mutter hat noch vier weitere Kinder. Nach seinem kleinen Bruder Tim fragt Simon als erstes, als er nachmittags von der Schule kommt. Beim Umgang mit ihm muss ihn Mutter Antje aber manchmal bremsen.

Neben Heike Noack kommen auch Vertreter des Jugendamtes regelmäßig vorbei. Denn in der Regel sind Pflegeeltern nicht die Adoptiveltern des Kindes. Sie müssen sich also mit den leiblichen Eltern auseinandersetzen. In Simons Fall hat das Jugendamt die Vormundschaft, der leibliche Vater die Vermögenssorge. Der Vater wohnt hunderte Kilometer entfernt, sieht seinen Sohn aber regelmäßig. Und: "Simons Vater möchte mehr", sagt Heike Noack. Antje Richter möchte nicht, dass Simon in einen Loyalitätskonflikt gerät. Doch der Kontakt zum leiblichen Vater sei zeitweise schwierig gewesen. Ins Detail geht sie nicht, nur dass sie und ihr Mann in solchen Momenten froh waren, das Angebot für eine Supervision wahrnehmen zu können. Solche Beratungen gehören zu den Angeboten für Erziehungsstellen. Auch für Simon seien die Treffen aufwühlend gewesen. Früher habe Antje Richter in den Tagen darauf fest damit rechnen können, dass Simon ins Bett macht.

Einen Ausgleich findet Richter zum Beispiel beim Joggen, wenn Simon in der Schule ist. Jeden Tag wird er per Taxi abgeholt und gebracht. Der Fahrer ist immer derselbe, eine Konstante für Simon. Seine Pflegemutter hat auch wieder angefangen zu arbeiten, ein paar Stunden in der Woche unterstützt sie die Flüchtlingshilfe. Kraft gibt außerdem die örtliche Kirchgemeinde. Hier könne auch Simon so sein, wie er ist. Bis er groß und mit der Schule fertig ist, werde er bei ihnen bleiben. Eine andere Möglichkeit wäre auch eine betreute Wohngruppe.

Und dann sind da auch die besonders schönen Momente. Simon war mit seiner Klasse in einer Schokoladenmanufaktur, wo jedes Kind seine eigene Tafel herstellen durfte. Eine brachte Simon mit nach Hause, für einen leidenschaftlichen Schoko-Liebhaber wie ihn etwas ganz Besonderes, sagt Antje Richter. Im Mai zum Muttertag zog er dann noch eine zweite Tafel hervor, mit einem selbstgemalten Etikett: "Für Mama". "Das fand ich sehr bemerkenswert, dass er ein so wertschätzendes Geschenk für mich gemacht hat", sagt Antje Richter. Selbstverständlich ist hingegen, dass Simon zu seinen Pflegeeltern Mama und Papa sagt. Zwar hatten sie ihm beigebracht, sie mit Vornamen anzusprechen. Simon entschied sich aber anders.

Im echten Leben heißen Simon und seine Pflegemutter Antje Richter anders. Die Pflegeeltern haben sich dafür entschieden, anonym zu bleiben, um ihren Pflegesohn zu schützen. Die Autorin kennt die richtigen Namen.

Für weitere Informationen zu Erziehungsstellen können Sie sich bei Heike Noack unter 0371 56070241 oder noack@freundeskreis-kinderheim.de melden.

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