Pro und Kontra: Ist die Stadtfest-Absage richtig?

Unkalkulierbare Sicherheitsrisiken und fehlende neue Sponsoren - ein Jahr nach der tödlichen Messerattacke auf den 35-jährigen Daniel H. findet in diesem Jahr in Chemnitz kein Stadtfest statt. Das hat am Mittwoch Sören Uhle, Geschäftsführer der Chemnitzer Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft (CWE) bekanntgegeben.

Pro: Die Entscheidung war richtig.

Es wäre undenkbar, das Stadtfest wie in den Vorjahren auszurichten und die Ereignisse von 2018 auszublenden, sagt Redakteurin Galina Pönitz.


Keine Frage: Es ist schade, dass das Stadtfest ausfällt. Ja, es war immer ein Fest, das viele Tausende Chemnitzer und insbesondere auch junge Menschen aus dem Umland angelockt hat. So war das auch 2018. Sicher wird sich mancher Besucher noch an seine Fahrten mit dem Riesenrad erinnern, an den einen oder anderen Künstler, der auftrat, an Bier, Bratwurst und Zuckerwatte. Vor allem aber bleibt die Ursache für das Ende dieses Festes in Erinnerung - und an das, was das Tötungsdelikt an Daniel H. ausgelöst hat. Und daran erinnern sich längst nicht nur Chemnitzer. Erst nach einer Art Schockstarre angesichts der Ereignisse gab es Ansätze, dem Missbrauch des Todes eines jungen Mannes etwas entgegenzusetzen. Ich meine, über diese Ansätze ist die Stadt noch nicht hinausgekommen. Es ist zu früh für ein Stadtfest, das über 20 Jahre das Synonym für ausgelassene Partystimmung war. Wie groß wären die Chancen gewesen, dass das in diesem Jahr wieder so wird? Man hätte es niemandem verübeln können, aus einem Gefühl der Unsicherheit heraus auf den Stadtfestbummel verzichten zu wollen. Natürlich gibt es da die vielen, die dem Rummel die Treue gehalten hätten. Aber wäre ein Stadtfest womöglich mit Taschenkontrollen an bewachten Zugängen und mit einer deutlich erhöhten Anzahl von Sicherheitskräften noch das Stadtfest, wie man es von Chemnitz bis 2018 kannte? Die Absage für das diesjährige Fest ist keine Katastrophe, sondern eine Chance - für neue Inhalte.

Kontra: Die Entscheidung war falsch.

Die Stadt beraubt sich selbst der Chance zu zeigen, wie viel Initiative und Potenzial in ihr steckt, sagt Reporterin Saskia Patermann.

Als Hamburgerin weiß ich, wie es sich anfühlt, wenn sich die Augen der Republik auf die Straßen richten, die Zuhause sind. Und wie es sich anfühlt, wenn man dann mit dem Wohlbekannten fremdelt. Das Zuhause im Fokus negativer Berichterstattung - das schmerzt. Hamburg ist aber eine Metropole, die abseits von G-20-Krawallen bekannt ist. Chemnitz hat diesen Luxus nicht. Und gerade hat sich die Stadt selbst ein Bein gestellt, indem sie sich einer Chance beraubt hat zu zeigen, wer sie künftig sein kann und will. Ein neukonzipiertes Stadtfest, das aus den Wunden des August 2018 heraus Ansätze für Dialog und Miteinander gezogen hätte, wäre eine Möglichkeit dazu gewesen. Ein Fest, das ein Zeichen setzt für das Aufstehen nach dem Hinfallenund dem Bunten der Stadt eine Plattform bietet. Die Aufmerksamkeit der Medien hätte dafür genutzt werden können zu präsentieren, wie viel Initiative die Chemnitzer in den zurückliegenden Monaten gezeigt haben - man denke nur an die Aktion "Chemnitz ist weder grau noch braun". Mit der Absage parodiert die Stadt sich selbst: Es hatte geheißen, man wolle nicht einknicken gegenüber Hass und Hetze - und doch ist genau das geschehen. Chemnitz möchte weltoffen sein, traut sich aber nicht mehr zu, ein Fest für die eigenen Bürger stattfinden zu lassen. "Jetzt erst recht", lautet die Kampfansage nach rechts, wenn es um die Bewerbung zur Kulturhauptstadt geht. Den Veranstaltern des Stadtfestes hat dieser Mut gefehlt.

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3Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    3
    HHCL
    21.03.2019

    Ja, wahrscheinlich. Aber der Umgang mit solchen Katastrophen (G20) ist eben ein anderer. Hier sucht man Schuldige dort Lösungen. Hier wird gejammert, dort werden die Ärmel hochgekrempelt. Hier liebt man Karl-Marx-Stadt oder das ganz alte Chemnitz, dort eben auch das Hamburg des Jahres 2019.

  • 1
    5
    osgar
    20.03.2019

    Vielleicht gibt’s ja in Hamburg auch mehr Linksautonome als Rechte.
    G20 lässt grüßen.

  • 14
    11
    HHCL
    20.03.2019

    Ich finde es schon bezeichnend, dass das pro "aus Hamburg" und nicht aus Chemnitz kommt. Wenn man beide Städte und ihre Bewohner vergleicht, weiß man auch warum.



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