Raubserie in Chemnitz: Prozess nach Ermittlungserfolg der Polizei

Über Wochen hinweg waren immer wieder älteren Damen im Vorbeifahren die Taschen entrissen worden. Bis Zivilfahnder auf einen 20-Jährigen mit gestohlenem Rad trafen.

Die Masche war immer dieselbe: Ein junger Mann rollt mit dem Fahrrad von hinten an seine Opfer heran und entreißt ihnen im Vorbeifahren plötzlich die Handtasche. Mindestens 14 solcher Vorfälle innerhalb von gut drei Wochen registrierte die Polizei im Sommer des vergangenen Jahres, in erster Linie auf dem Kaßberg. An einigen Tagen hatte der unbekannte Täter gleich mehrfach zugeschlagen. Verunsicherung machte sich in der Stadt zunehmend breit.

Die Opfer: durchweg Frauen, zwischen 59 und 81 Jahre alt. Mehrere zogen sich Verletzungen zu, weil sie infolge des unerwarteten Angriffs gestürzt waren. Mit ihren Handtaschen verloren sie Handys, Bargeld, Geldkarten, Wohnungsschlüssel, Einkäufe. Der Schaden geht in die Tausende.

Heute nun soll sich ein junger Mann in Chemnitz vor Gericht verantworten, von dem Ermittler annehmen, dass er für die Taten verantwortlich ist. Er war Mitte August 2015 in ihr Visier gerückt, als er nach Angaben der Polizei versuchte, sich auf dem Kaßberg einer Kontrolle durch Zivilfahnder zu entziehen. Bei der Durchsuchung des damals 20 Jahre alten Deutschen hätten sie ein Handy gefunden, das knapp einen Monat zuvor in der Henriettenstraße bei einem der ersten Vorfälle einer Frau gewaltsam weg- genommen worden sei. Das Fahrrad, mit dem der junge Mann unterwegs war, sei am selben Tag in Bernsdorf gestohlen worden.

Die Ermittler waren sich schon seinerzeit ziemlich sicher, den ominösen Räuber mit dem Rad erwischt zu haben, gleichwohl der alles abstritt. Die Staatsanwaltschaft beantragte einen Haftbefehl, doch der zuständige Haftrichter lehnte zunächst ab.

Also wurde mit einigem Aufwand weiterermittelt. Dabei kam nach Polizeiangaben heraus, dass der Tatverdächtige zwei weitere Handys, die bei ähnlichen Raub- Attacken auf dem Kaßberg gestohlen worden waren, später selbst genutzt hatte. Auf mehreren der geraubten Handtaschen, die nach den Straftaten schließlich irgendwo gefunden worden waren, konnten Kriminaltechniker zudem DNA-Spuren feststellen. In zwei Fällen, so die Ermittler, hätten diese dem damals 20-Jährigen zugeordnet werden können.

Die neuen Ermittlungsergebnisse überzeugten nun offenbar den Richter. Er erließ Haftbefehl, doch der Tatverdächtigte hatte sich mittlerweile aus dem Staub gemacht. Erst Ende Mai dieses Jahres konnte er festgenommen werden - in Niedersachsen, wo er bei einem Verwandten untergekommen war. Trotzdem kam der junge Mann bald wieder auf freien Fuß. Wegen zu geringer Fluchtgefahr wurde der Haftbefehl von einem Gericht gegen Auflagen außer Vollzug gesetzt.

Bei der nun anstehenden Verhandlung muss sich der Angeklagte allerdings nicht wegen der gesamten Serie verantworten, sondern - neben vier Betrugsfällen, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und einer falschen Verdächtigung - nur wegen dreier Raubstraftaten und einem Diebstahl. Allein bei diesen Taten, so heißt es, erscheine die Beweislage den Juristen als hinreichend sicher. Weitere Fälle aus der Serie hingegen hätten nicht mit der für eine Anklageerhebung notwendigen Sicherheit dem Beschuldigten zugerechnet werden können - gleichwohl die Begehungsweise, die jeweilige Beschreibung des Täters durch Zeugen, die Tatorte und der Zeitraum, in denen die Vorfälle stattfanden, durchaus dafür sprächen, dass auch sie auf das Konto des Mannes gehen könnten.

Da der Angeklagte zum Zeitpunkt der Raubserie noch keine 21Jahre alt war, wird der Fall vor einem Jugendschöffengericht verhandelt. Das muss dann entscheiden, ob der junge Mann im Falle eines Schuldspruchs nach Erwachsenen- oder nach Jugendstrafrecht zu verurteilen ist. (mit dy, jpe)

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3Kommentare
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  • 1
    0
    Mabel
    04.11.2016

    Die Tränchen sind nicht geflossen, weil ES dem Täter leid tat, sondern weil ER sich leid tat. Mehr als ein Dutzend traumatisierte Opfer spielen keine Rolle. Wichtig ist nur, dass der arme Täter sich jetzt auf dem Weg der Läuterung befindet. Tut er das? Ich möchte erst erleben, dass er Schulabschluß und Berufsausbildung wirklich erfolgreich schafft. Er saß da mit zitternden Händen. War es Angst vor der Strafe oder hatte das Zittern eine andere Ursache? Und jetzt kommt moch das Jugendstrafrecht hinzu. Ich möchte darauf hinweisen, dass man in Deutschland das passive Wahlrecht auf kommunaler und auf Bundesebene genießt. Man kann also im Bundestag Politik machen, aber man ist noch nicht reif genug, strafbare Handlungen als solche zu erkennen?
    Ich hätte einen anderen Vorschlag: Solange der junge Mann noch keine Schule besucht bzw keinen Beruf erlernt, solange kann er auch eine kleine Gastrolle im Knast spielen. Man könnte ihm für den Schulbesuch Freigang gewähren. Ich kann mir auch Schule im Strafvollzug vorstellen. Aber im vorliegenden Fall läuft das Leben wie in einem Ballerspiel. Einmal abgeschossen ist nicht schlimm, man hat ja noch drei weitere Leben.

  • 4
    0
    Interessierte
    03.11.2016

    Bei der Durchsuchung des damals 20 Jahre alten Deutschen ....
    Nunja , da fragt man sich , was ihn dazu bewegt hat und welche Schulbildung und Erziehung er in den letzten 20 Jahren genossen hat ...

    Da der Angeklagte zum Zeitpunkt der Raubserie noch keine 21Jahre alt war, wird der Fall vor einem Jugendschöffengericht verhandelt ...
    ( und warum endet die ´Jugend` nicht mit der Volljährigkeit mit 18 Jahren ?

  • 2
    4
    aussaugerges
    03.11.2016

    Da haben Rechtsverdreher und Richter immer gut zu tun.
    Und es wird sehr viel Geld vom Steuerzahler gebraucht.



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