"Revolution Chemnitz" wollte Aufruhr wie bei G-20-Gipfel

Vor dem US-Geheimdienst CIA fühlten die Terror-Verdächtigen sich sicher. Mit dem Zugriff deutscher Behörden auf ihre Handys hatten sie nicht gerechnet.

Dresden.

Von all dem haben wir nichts gewusst! Die deutscheste aller Erklärungen ist auch in Gerichtsverfahren gegen Mitglieder der Neonazi-Szene eine oft gehörte Schutzbehauptung. Im Prozess zur ebenfalls nationalsozialistisch gesinnten mutmaßlichen Terrorgruppe "Revolution Chemnitz" indes verfängt sie nicht wirklich. Immerhin liegt den Richtern am Oberlandesgericht Dresden Wort für Wort vor, was die acht Chemnitzer "Revolutionäre" von den bürgerkriegsartigen Plänen der Gruppe gewusst, wie sie sich in die Diskussion über Anschläge eingebracht hatten.

Nach Aussage von Sten E. hatte man den Messenger-Dienst "Telegram" zwar als Plattform gewählt, weil laut Rädelsführer Christian K. selbst der amerikanische Geheimdienst CIA keinen Zugang zu diesem bekomme. Allerdings bedachten die Mitglieder nicht, was passieren könnte, sollten ihre Handys mal Ermittlern in die Hände fallen.

So wie sie es am 14. September 2018 taten - nach jenem "Probelauf" auf der Insel im Chemnitzer Schloßteich, als sich Teile der Gruppe als Bürgerwehr aufspielten. Aufgeputscht durch die asylfeindlichen Demonstrationen der rechtsextremen Vereinigung Pro Chemnitz, griffen sie Ausländer und grillende junge Leute an. Ihre beschlagnahmten Handys lieferten den Ermittlern der Bundesanwaltschaft zig Seiten an Chat-Protokollen samt Plänen fürs Losschlagen am 3. Oktober, wo mit Schusswaffen und kalkulierten Todesopfern der revolutionäre Stein ins Rollen gebracht werden sollte.

Die "Nichts gewusst"-Erklärung passé - liefert der Prozess am Oberlandesgericht Dresden derzeit ein breites Spektrum zumindest an Relativierungen. Der inzwischen 29-jährige Sten E. will sich "still" aus der Gruppe "verabschiedet" haben, als ihm die Chats "zu heftig" wurden. Er habe "nicht glauben können", dass Rädelsführer Christian K. es ernst meine mit dem "gewaltsamen Umbruch" samt "Todesopfern", argumentierte Hardy Christopher W. gegenüber der Polizei. "Nur aus Neugier" sei er in der Gruppe geblieben.

Am Dienstag kam eine weitere Erklärung hinzu. "Die Sache" sei ihm "zu heiß" gewesen, deshalb habe er nicht am "Probelauf" auf der Schloßteichinsel teilnehmen wollen. So gab Polizist Matthias R. die Worte des Angeklagten Max V. (29) aus dessen Polizeivernehmung wieder. Er habe nicht gewollt, "dass Unschuldige zu Schaden kommen".

Erstmals warf der Zeuge am Dienstag auch Licht auf die Mechanismen, auf die die Gruppe bei ihren für den Tag der Deutschen Einheit 2018 geplanten Aktionen setzen wollte. Ein "Aufruhr wie beim G-20-Gipfel" schwebte ihnen vor. Immerhin galten dem Rädelsführer Christian K. alle Gruppenmitglieder in ihrer jeweiligen Szene als vernetzt und so für Massenmobilisierung gut geeignet. Die schnell zusammengebrachte Massenbeteiligung für die Demonstrationen von Chemnitz im letzten Sommer mochten geholfen haben, solche Zuversicht ins eigene Mobilisierungsvermögen zu versprühen.

Gezielte Anschläge habe man geplant, berichtete Max V., mit denen die "Gesetze außer Kraft" gesetzt, ein "Bürgerkrieg angezettelt" und die Polizei auf die eigene Seite gezogen werden sollte. Letzteres, indem man die Anschläge geschickt Linken in die Schuhe zu schieben gedachte. So gab der Polizist am Dienstag die Aussagen des mutmaßlichen Terroristen wieder. Beteuert habe Max V., ihm sei "klar gewesen, dass das kein Spaziergang werden würde". Ein "mulmiges Gefühl" habe er gehabt, gab Max V. zu Protokoll. Nur zum Austreten aus der Chatgruppe hatte auch ihn das nicht veranlasst. Der Prozess wird fortgesetzt.

1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    10
    gelöschter Nutzer
    29.10.2019

    Den gab's ja nun von links zu genüge



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