Schöffenamt erfordert starke Nerven und dickes Fell

Ein Lichtenauer ist als ehrenamtlicher Richter in Chemnitz tätig. Zwei Fälle mit Todesopfern haben sich dem 41-Jährigen besonders eingeprägt.

Lichtenau/Chemnitz.

Vor Marko Goschin liegt ein dicker Ordner mit gesammelten Unterlagen, Mitschriften und Dokumenten. "Das ist nur eine Auswahl", sagt er. "In den letzten Jahren ist einiges zusammengekommen." Marko Goschin spricht über sein Ehrenamt als Richter, seit 2014 ist der Lichtenauer am Landgericht Chemnitz Schöffe - als einer von etwa 33o0 Schöffen in ganz Sachsen. Dass sich der 41-Jährige für diese Aufgabe entschieden hat, kommt nicht von ungefähr. Schlüsselerlebnis sei ein Verkehrsunfall gewesen, bei dem Marko Goschin als Zeuge vor Gericht aussagen sollte. "Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass neben dem Richter ganz normale Bürger mitentscheiden können. Das fand ich spannend."

Inzwischen ist Goschin für seine zweite Amtsperiode wiedergewählt. Viele interessante Verfahren habe er in den letzten Jahren erleben dürfen, sagt er. Ein Fall, den er am Landgericht Chemnitz in zweiter Instanz mitentschied, hat den Lichtenauer besonders bewegt. 2014 überfuhr ein alkoholisierter Mann in Niederbobritzsch bei Freiberg nach einer Weihnachtsfeier einen 54-jährigen Fußgänger und verletzte ihn tödlich. Ein Gutachten ergab einen Blutalkoholwert von 2,8 Promille. Wegen Trunkenheit am Steuer war der Unfallfahrer mehrfach auffällig geworden, hatte seinen Führerschein schon einmal abgeben müssen.

Das Amtsgericht Freiberg verurteilte den 32-Jährigen Mann zu einer Bewährungsstrafe. Staatsanwaltschaft und Nebenklage legten Berufung ein, der Fall landete am Landgericht Chemnitz. "Damals haben wir Schöffen uns mit dem Berufsrichter lange beraten, und es ist uns nicht leicht gefallen. Aber durch seine Vorgeschichte wusste der Fahrer, was unter Alkoholeinfluss passieren kann. Das Tragische war: Er hätte nur einen kurzen Fußweg nach Hause gehabt", so Goschin. Der Mann wurde schließlich zu zwei Jahren und vier Monaten Haft verurteilt - ohne Bewährung.

Auch das Verfahren eines jungen Mittweidaers, der mehrfach auf seine Ex-Freundin einstach, habe ihn sehr beschäftigt, sagt Goschin. Im Oktober 2018 besuchte der 32-jährige Mann die Frau in deren Geringswalder Wohnung. Er wollte das Ende der Beziehung nicht akzeptieren. Es kam zum Streit, der junge Mann stach 18-mal auf die Frau ein, die an den Verletzungen starb. Das Landgericht Chemnitz verurteilte den Mittweidaer zu elf Jahren Haft. Für solche Verhandlungen seien starke Nerven nötig, erklärt Marko Goschin. "Um ein gutes Urteil zu fällen, muss man sich natürlich alle Gutachten und das Bildmaterial von Tatort und Opfer anschauen. Man braucht zum Teil ein dickes Fell, um das auszuhalten", so der Lichtenauer. "Aber Mord und Totschlag sind in Mittelsachsen glücklicherweise die große Ausnahme." Häufiger müsse er sich als Schöffe mit Wirtschaftskriminalität und dem Fahren ohne Führerschein befassen.

Aber es sei auch ein Lernprozess, die Fälle nicht zu nah an sich heranzulassen, erklärt der Schöffe. Auch die eigenen Vorurteile auszublenden, habe er in seinen Jahren als ehrenamtlicher Richter gelernt. "Je sorgfältiger ein Verfahren geführt wird, umso besser das Urteil." Durchschnittlich zwölf Tage pro Jahr ist Marko Goschin im Gericht. Mit 24 Gerichtstagen sei 2017 das umfangreichste Jahr gewesen. Sein Arbeitgeber, das Finanzamt Mittweida, muss ihn dafür freistellen, der Freistaat zahlt den Lohnausfall.

Um Schöffe zu werden, braucht es nicht viel, sagt Goschin, der seit 2017 auch stellvertretender Vorsitzender der Vereinigung der ehrenamtlichen Richterinnen und Richter in Mitteldeutschland ist. Bewerben kann sich jeder im Alter zwischen 25 und 69 Jahren bei seiner jeweiligen Gemeinde- oder Stadtverwaltung. Über die Ernennung bestimme dann ein Ausschuss. Der berufliche Hintergrund spielt keine Rolle. "Ehrenamtliche Richter sollen ja einen Querschnitt der Bevölkerung abbilden. Daher ist es gut, wenn die Schöffen aus ganz verschiedenen Schichten der Gesellschaft kommen."

Der 41-Jährige möchte es nicht mehr missen, sich aktiv an der Rechtsprechung und damit an der Demokratie zu beteiligen. Die freiwillige Beschäftigung mit Kriminalität hat Marko Goschin nicht kritischer mit der Welt werden lassen, wie er sagt. "Im Gegenteil. Ich glaube, die Welt ist sehr komplex und vielschichtig, und jede Medaille hat zwei Seiten."

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