Seit sechs Jahren spurlos verschwunden

Am 8. Juni 2013 hat eine Seniorin das Pflegeheim verlassen, in dem sie wohnte. Mit Rollator, in Hausschuhen und ohne Jacke. Bis heute ist unklar, was mit ihr geschah.

Chemnitz.

Abstand hat Gabriele Blei nicht gewonnen. Ihre Mutter ist heute vor sechs Jahren verschwunden. Und noch immer wühlt es sie auf, von den Ereignissen damals zu sprechen. "Wir haben nichts, keinen Anhaltspunkt", sagt sie erregt. Sie kann einfach nicht verstehen, wie ihre Mutter spurlos verschwinden konnte, dass nicht einmal der Rollator gefunden wurde. Wenn sie spricht, klingt sie genauso fassungslos wie vor sechs Jahren.

Am 8. Juni 2013 war Johanna Tuchscherer zu früh zum Frühstück im Pflegeheim an der Erzbergerstraße erschienen. Anstelle auf ihr Zimmer zurückzukehren, ging sie mit ihrem Rollator, an dem der Schlüssel zu ihrem Zimmer hing, nach draußen. Bekleidet war sie mit einer Seidenbluse, einer Jogginghose und offenen Hausschuhen - zu dünn für diesen kühlen Tag, an dem es später in Strömen regnete. Heute denkt Gabriele Blei, dass ihre Mutter, die nur leicht dement gewesen sei, vielleicht eingeschnappt war, dass man sie wieder vom Frühstück weggeschickt hatte. Dass sie das Heim verließ, könnte eine Trotzreaktion gewesen sein, vermutet die Tochter. Zwei Stunden lang wurde im Haus und in der Nähe gesucht, dann die Polizei eingeschaltet, die mit Hunden und einem Hubschrauber suchte. Ohne Erfolg.


Gabriele Blei war damals mit ihrer Schwester, die in Berlin lebt, im Urlaub an der Ostsee. Bleis Tochter informierte sie und half selbst bei der Suche. Die Schwestern brachen den Urlaub ab. Je mehr Stunden vergingen, desto unruhiger wurden sie, beschreibt Blei. Zurück in Chemnitz, beteiligte sich die ganze Familie an der Suche. Es lässt sich rekonstruieren, dass Tuchscherer auf der Limbacher Straße gegen 8 Uhr gesehen wurde. Eine Stunde später stieg sie an der Barbarossastraße in einen Bus. Darin fragte sie einen Fahrgast, ob der zum Brühl fahre. Dort hatte die Frau, die dieses Jahr 94 Jahre alt würde, lange gewohnt. Da der Mann verneinte, stieg Tuchscherer an der Kanzlerstraße wieder aus. Dort setzte die Polizei einen Fährtenhund ein. Der verfolgte eine Spur bis zum Falkeplatz. Ein weiterer Zeuge will die Seniorin am nächsten Tag abends an der Oberfrohnaer Straße in Siegmar gesehen haben. Im strömenden Regen habe sie auf dem Parkplatz eines Supermarktes im Müll gewühlt. Die Polizei ging mit Spürhunden allen Hinweisen nach, eine Fährte führte bis zum Gleis im Bahnhof Siegmar. Gabriele Blei war dabei, als der Hund zweimal, mit einer einstündigen Pause, bis dorthin lief. Jedoch gibt es niemanden, der die Frau in einem Zug gesehen hat. Ihr Bruder habe die Theorie, dass nicht die Mutter, sondern nur ihr Rollator am Bahnhof Siegmar war, sagt Blei.

Bis in den September hinein wurde mit Hunden gesucht. Polizeitaucher durchkämmten den Pleißenbach und dessen Mündung in den Schloßteich. "Freie Presse" berichtete mehrmals ausführlich und im Fernsehen bei "Kripo live" wurden Zeugen gesucht. "Alle Ermittlungsansätze sind ausgeschöpft, sodass weitere zielgerichtete Nachsuchen nach der Vermissten bislang nicht möglich waren", sagte ein Polizeisprecher jetzt. Relevante Vermisstenfälle gebe es in Chemnitz derzeit nicht, so der Sprecher weiter. Das Skelett eines Mannes, der seit 2011 vermisst war und aus einem anderen Seniorenheim in Altendorf verschwunden war, wurde später im Jahr 2013 in einer Brache gefunden.

Für toterklärt ist Johanna Tuchscherer nicht. Zwar habe man ihr erst gesagt, sie müsse das nach fünf Jahren erledigen, sagt Blei. Doch als sie dann beim Gericht war, habe man ihr gesagt, das sei nicht zwingend nötig. Also entschied sich Blei dagegen. Nur für die Rentenversicherung gelte ihre Mutter seit dem Tag des Verschwindens als tot.

"Ein schlechtes Gefühl" wird auch Johanna Tuchscherers Sohn Bernd heute begleiten. Er sei viel mit dem Fahrrad unterwegs und schaue "auch nach all der Zeit noch in jede Ecke", sagt er. "Davon habe ich schon einen ganz schiefen Hals." Er habe wenig Hoffnung, dass seine Mutter noch gefunden wird. Er fürchte, die Unwissenheit selbst noch mit ins Grab zu nehmen, sagt der 70-Jährige. Erst neulich habe er eine Frau mit Rollator gesehen. "Sie sah aus wie meine Muttl. Ich dachte, ich sehe einen Geist." Immer wieder grübele er über das Rätsel, wie seine Mutter verschwunden ist. Wurde sie angefahren? Hat sie jemand ins Auto gezerrt? Wurde sie überfallen? Auch seine Schwester fragt sich das immer wieder. Man höre und lese ja so Einiges, was älteren Menschen passieren kann. Jedes Mal, wenn sie von solchen Schauergeschichten hört, frage sie sich, ob das auch ihrer Mutter zugestoßen sein könnte.

Johanna Tuchscherers Familie hofft auf einen Zufall. Damit sie abschließen kann.

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