So kam Glösa zu einer neuen Hausärztin

Sechs Monate stand die Praxis im alten Bahnhof an der Bornaer Straße leer. Nun ist dort wieder eine Medizinerin eingezogen. Das ist nicht die einzige gute Nachricht.

Glösa-Draisdorf.

Sie hatte sich an ihrem ersten Arbeitstag auf eine lange Schlange von Patienten und leicht unübersichtliche Verhältnisse eingestellt. Doch Tina Krauß, die neue Hausärztin in Glösa-Draisdorf, schaut zwei Wochen später erleichtert auf den 1. August, den ersten Tag in der eigenen Praxis, zurück. "Er war nicht so katastrophal wie befürchtet, eher entspannt", sagt die Allgemeinmedizinerin. Sie führt das auf die Sommerferienzeit zurück. "Nächste Woche, wenn die Schule wieder beginnt und viele aus dem Urlaub zurück sind, wird es sicher voller werden im Wartezimmer."

80 Patienten seien am ersten Tag vormittags und nachmittags in den ehemaligen Bahnhof von Glösa gekommen. Einige wollten einen Termin vereinbaren, andere wurden akut behandelt, doch allen war eines gleich, sagt Tina Krauß: Sie wollten in die Patientenkartei einer Hausärztin aufgenommen werden. "Jeder sagte, dass es schön sei, dass sich in Glösa wieder ein Allgemeinmediziner niederlässt", so die 37-Jährige.

Rund ein halbes Jahr hatte die Praxis von Dr. Steffen Heyne leergestanden, nachdem der Hausarzt Anfang 2019 mit 73 Jahren in den Ruhestand gegangen war. Der Besitzer des Gebäudes, Unternehmer Rick Meisel, hatte anschließend nach einem Nachfolger gesucht: Er schaltete eine Anzeige im Amtsblatt, und die "Freie Presse" berichtete über die Glösaer Arztsuche.

Diesen Artikel habe sie gelesen und Kontakt zu Rick Meisel aufgenommen, sagt Tina Krauß, die aus Burgstädt stammt und dort mit ihrer Familie lebt. Die Bilder, die Meisel im Internet von der Praxis gezeigt hatte, seien "wunderschön" gewesen. Sie habe schon länger mit dem Gedanken gespielt, sich in einer eigenen Praxis niederzulassen und selbstständig zu arbeiten, sagt die Mutter zweier Kinder.

Nach ihrem Studium in Leipzig und der stationären Ausbildung am DRK-Krankenhaus in Rabenstein hatte sie zunächst vier Jahre in einer Gemeinschaftspraxis in Burgstädt gearbeitet. Dort habe sie auch das Management einer Praxis und Mitarbeiterführung gelernt. In ihrer Praxis arbeiten zwei Schwestern. Eine habe sie von ihrer alten Arbeitsstelle mitgebracht, die andere habe schon früher bei Dr. Heyne gearbeitet, sagt Tina Krauß, die über eine Zusatzqualifikation in Notfallmedizin verfügt. Eine weitere ergänzende Ausbildung absolviert die Ärztin derzeit im Bereich Sportmedizin.

In den ersten zwei Wochen habe sie neben vielen chronischen Erkrankungen wie Diabetes besonders viele Zeckenbisse und Rückenschmerzen behandelt, sagt die Medizinerin. "Viele Patienten haben anstrengende Berufe, aus denen sich Verspannungen und chronische Schmerzen im Rücken entwickeln", sagt sie. Krauß empfiehlt vor allem zwei Dinge: die Teilnahme an einer Rückenschule und Sport zum Muskelaufbau. Jüngeren Patienten rate sie zu Besuchen im Fitnessstudio, um den Rücken zu kräftigen, älteren zu Ausdauersportarten wie Radfahren, Schwimmen und Walken, sagt Tina Krauß.

Mit Sport kennt sie sich aus. Ihr Mann ist Triathlet, die Tochter spielt Floorball, der Sohn turnt beim KTV Chemnitz. Sie selbst reitet gern und sucht für ihre drei Pferde nach einem Grundstück. Zurzeit stehen die Tiere noch auf einer Weide bei Nossen, sodass sie ihrem Hobby nur selten nachgehen kann, bedauert die Ärztin.

Doch so viel Zeit für die Freizeit bleibt Tina Krauß auch nicht. Wenn sich die Praxistür hinter dem letzten Patienten schließt, setzt sich die Medizinerin an ihren Schreibtisch. Fünf bis zehn Stunden pro Woche erledigt sie Papierkram, bearbeitet Anfragen von Krankenkassen, Apotheken und Pflegeheimen, sagt sie. Sie könne verstehen, dass sich junge Hausärzte gegen die eigene Praxis und für ein Angestelltenverhältnis in einem Medizinischen Versorgungszentrum entscheiden - aus Frust über Bürokratie, sagt sie. Dennoch - sie habe die Selbstständigkeit bevorzugt. Auch wenn es anstrengend sei, treffe sie nun eigene Entscheidungen in der eigenen Praxis, sagt Tina Krauß.

Ihre noch junge Patientenkartei umfasst derzeit einige hundert Namen. Da sei noch Platz für mehr, erklärt Tina Krauß. Und dann sagt die Allgemeinmedizinerin einen Satz, den viele Chemnitzer auf der Suche nach einem neuen Hausarzt schon lange nicht mehr gehört haben: "Wir nehmen noch Patienten auf."


28 freie Hausarztstellen in Chemnitz

In Chemnitz sind derzeit 159 Hausärzte tätig (Stand 1. Juli 2019). Laut Kassenärztlicher Vereinigung Sachsen (KVS) könnten 28 weitere Allgemeinmediziner ihre Tätigkeit in der Stadt aufnehmen.

Der Zulassungsausschuss der KVS hat kürzlich zwei weitere Hausärzte in Chemnitz zugelassen; in welchem Stadtteil, lässt die KVS offen. Die zwei Mediziner können in den nächsten Monaten ihre Arbeit aufnehmen.

Von den 159 Chemnitzer Hausärzten sind 54 Mediziner 60 Jahre und älter. Sie werden in absehbarer Zeit in den Ruhestand gehen. Wie viele Allgemeinmediziner in Kürze, also in diesem oder im nächsten Jahr, in Rente gehen, lässt sich laut KVS jedoch nicht vorhersagen.

Auch sei unklar, wie viele Hausärzte aus einem anderen Grund ihre Tätigkeit in der Stadt beenden könnten, so die KVS. (hfn)

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