Socken aus dem Erzgebirge: Mit Herzen und Ökosiegel

Einst das Rückgrat der Wirtschaft war die Textil-Branche nach der Wende in der Region angeschlagen. Neue Marktchancen bieten Nischenprodukte.

Dittersdorf.

Fäden in allen Farben laufen von Spulen ab. Die Maschine verstrickt Elasthan und Baumwolle, nach sieben Minuten spuckt sie einen bunt-verknautschten Schlauch in einen Korb: Herzen auf Streifen. Das Stück Stoff wird einmal Bein einer Kinderstrumpfhose sein. Textilien aus dem Erzgebirge waren einst Normalität, heute haben sie Seltenheitswert.

Gegen das Dröhnen, das den Saal erfüllt, schreit Johannes Breitfeld an: "Wir produzieren hier keine Massenware." Der agile Mann mit dem grauen Haar ist Geschäftsführer der Firma Breitex, was für Breitfeld Textilien steht. Und die Herzchen sind bei weitem nicht das ausgefallenste Motiv, das in dem Flachbau an der Dittersdorfer Straße in Amtsberg produziert wird. "Hier stehe ich und kann nicht anders", verkündet eine Socke. Pilgerfußbekleidung mit Luther, Jakob und Moses geht an einen Pfarrer - der vertreibt sie weltweit. Und auch mit Tuba, Akkordeon oder Trompete verzierte Modelle verkauft der Auftraggeber, eine Musikboutique, bis nach Japan.

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Breitex erfüllt Sonderwünsche, auch in Kleinstauflagen. Die Garne kommen aus Deutschland und der EU, sie haben ein Ökosiegel. Kunden mit Bewusstsein - für Produktionsbedingungen, gegen Schadstoffe und Uniformität - sind die Nische der Dittersdorfer, ansonsten hätten sie keine Chance gegen Massenware aus Asien. Und doch: Produzenten stehen am Ende einer Kette aus Zwischenhändlern. Für 80 Cent das Paar verkauft Breitfeld Babysöckchen. Knapp 30 Mitarbeiter beschäftigt er, fast alle Frauen. 8,84 bis 10,50 Euro bekommen sie. Der Preisdruck sei enorm, rechtfertigt der Chef. "Der Mindestlohn hat uns sehr geschadet, wir mussten um Verständnis werben bei den Einkäufern."

Vier bis sechs Wochen dauert es, bis das gewünschte Motiv in Strickmaschen übersetzt, ein Musterexemplar gefertigt, die Ware ausgeliefert ist. Gestrickt ist fix, danach verharren die Stoffschläuche einen Tag, von Nadeln gestrafft. Vom Saal im ersten Stock wandern sie zur Nachverarbeitung ins Erdgeschoss. Ein Zischen durchbricht die Stille: Mit Dampfbügeleisen und auf Formen wird der Schlauch mit den Herzen in Fußform gezwungen. An Tischen sitzen Frauen: Eine schaut nach Fehlern im Muster, eine sortiert zu Paaren, eine verpasst ihnen ein Etikett.

"Wer kocht mir einen Kaffee", fragt Breitfeld in die Runde und erklärt: "Jeder ist mal dran - außer der Chef." Der Bärensteiner ist nicht verheiratet, hat keine Kinder. Er habe sein Leben den Textilien verschrieben, sagt er, einer Branche, die 200 Jahre lang Tausenden in der Region Arbeit gab. Mathestudent Breitfeld hatte sich 1979 in die EDV-Abteilung des Gelenauer Sockenwerks Gelkida verirrt, und blieb dort, als Leiter der Produktion. Nach der Wende brachen mit der Textilindustrie Motor und Rückgrat der Wirtschaft im Erzgebirge zusammen. Das Tal war gerade durchschritten, als Breitfeld und seine alte Kollegin Marion Wenige 1996 den Neustart wagten. Viele der Arbeiterinnen sind Quereinsteigerinnen, waren vorher arbeitslos. Über 50 sind die meisten. Es sei schwer, Nachwuchs mit ebenso viel Leidenschaft fürs Textil zu finden.

Es tut sich was in der alten Heimat der Textilindustrie. Hier und dort haben alte Betriebe überlebt und neue Fuß gefasst, mit Ausgefallenem Nischen erobert. Gerade erst hat Breitfeld von 22 auf mehr als 40 Maschinen aufgestockt, will den Umsatz auf 1,5 Millionen Euro verdoppeln. Die Maschinen hat er zum Teil aus Leukersdorf übernommen, wo Sockenproduzent Epesa keinen Nachfolger fand. Vor diesem Schicksal hat Breitfeld sein Unternehmen vorerst bewahrt: 63 ist er, und will eigentlich in Rente gehen. "Das kann ich meinen Frauen nicht antun." Die Nachfolgersuche hat nun Priorität.

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