Spuren des NSU in Chemnitz

Im Prozess gegen Beate Zschäpe und vier Mitan- geklagte fällt das Urteil. Abgeschlossen ist der Prozess der Aufarbeitung aber noch nicht, findet eine Initiative. Sie zeichnet nach, wo die Rechtsterroristen in der Stadt aktiv waren.

Ein Haus in weißer Farbe, ein Schriftzug in Blau - das sind die Symbole, die auf ein dunkles Kapitel aufmerksam machen sollen: die Aktionen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Am Mittwoch ergeht in dem Prozess gegen fünf Unterstützer der rechtsextremen Terrorzelle das Urteil. Damit ende zwar der Prozess, die Aufarbeitung müsse aber fortgesetzt werden, fordert ein Bündnis unter der Führung der Gruppe Grass Lifter & Team Unentdeckte Nachbarn. Sie hat in der Vergangenheit unter anderem mit einem Theatertreffen die Verbrechen des NSU aufgearbeitet.

Es gelte noch viele Fragen zu beantworten, beispielsweise zur Verantwortlichkeit des NSU-Unterstützernetzwerks, sagt Jane Viola Felber. Sie hat mit Hilfe von Studenten der TU Chemnitz recherchiert, wo das Trio in der Region aktiv gewesen ist, dabei unter anderem Untersuchungsausschuss-Berichte und Zeitungsartikel zurate gezogen.

Die Ergebnisse des Projektes "Offener Prozess" sind am Dienstag vorgestellt worden. Die Initiative markierte mithilfe von Graffiti auf Fußwegen Stationen in Chemnitz, die in Zusammenhang mit dem NSU stehen, darunter Wohn- und Überfallorte. Einige der Häuser wurden allerdings mittlerweile abgerissen. Ziel sei es, Aufmerksamkeit auf den Prozess zu lenken und die Aufarbeitung fortzusetzen. Die Rechtsterroristen seien nicht zufällig in der Stadt gelandet, sagt Projektleiterin Felber. "Sie hatten ja offenbar viele Unterstützer. Die drei haben schließlich nicht im Untergrund gelebt, sondern mitten unter uns als Nachbarn." In Chemnitz erbeuteten sie außerdem bei Überfällen Bargeld und gelangten in Besitz der Waffe, mit der neun Morde begangen wurden. Die "Freie Presse" dokumentiert ausgewählte Orte, an denen sich Spuren des NSU finden lassen.

1. Wohnort: 1998 tauchten Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt ab. Unterschlupf fanden sie Ende Januar in einer Wohnung in der Friedrich-Viertel-Straße 85. In der blieben sie für zwei Wochen.

2. Wohnort: Im Februar 1998 musste sich das Trio eine neue Bleibe suchen. In der Limbacher Straße 96 kamen sie bei einem Unterstützer unter. Die Wohnung verließ das NSU-Trio etwa im August desselben Jahres wieder.

3. Wohnort: Von September 1998 bis März 1999 hielt sich das Trio mutmaßlich in der Altchemnitzer Straße 12 auf. Auch diese Wohnung wurde nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamtes (BKA) wohl nicht durch Zschäpe, Böhnhardt oder Mundlos, sondern durch einen Unterstützer angemietet. Die Miete wurde demnach bar bei Banken eingezahlt.

4. Überfall: Neben den Morden sollen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt insgesamt 15 bewaffnete Überfälle begangen haben, einen davon auf den Edeka-Markt an der Irkutsker Straße. Am Abend des 18. Dezember 1998 bedrohten die Täter die Hauptkassiererin mit einer Schusswaffe und erbeuteten die Tageseinnahmen in Höhe von etwa 30.000 D-Mark. Auf der Flucht zu Fuß schossen sie gezielt auf Kopf und Brust eines Jugendlichen, der sie verfolgte. Er brach daraufhin die Verfolgung ab.

5. Wohnort: Die letzte bekannte Bleibe in Chemnitz befand sich in der Wolgograder Allee 76. Angemietet wurde sie laut BKA von André E., einem der fünf Angeklagten im NSU-Prozess. Das Mietverhältnis endete zum 31. August 2000.

6. Überfall: Zehn Monate nach dem Überfall auf den Edeka-Markt raubten Mundlos und Böhnhardt die Postfiliale in der Barbarossastraße 71 aus und erbeuteten 5700 D-Mark. Bei der Tat am 6. Oktober 1999 gaben sie aus einer Schreckschusspistole einen Schuss ab.

7. Überfall: Ganz in der Nähe ihres zweiten Wohnortes in Chemnitz - nämlich in der Limbacher Straße 148 - liegt die Postfiliale, die die beiden NSU-Männer am 27. Oktober 1999 überfielen. Sie bedrohten die Angestellten mit vorgehaltener Waffe und entkamen mit knapp 63.000 D-Mark.

8. Waffenübergabe: Die Morde an den Migranten wurden mit einer Waffe des Fabrikats Ceska verübt. Die Pistole sollen Ralf Wohlleben und Carsten S. beschafft haben, die in München ebenfalls auf der Anklagebank sitzen. Nach Erkenntnissen der Behörden hat Carsten S. die Waffe nach Chemnitz transportiert und sich mit Mundlos und Böhnhardt am Hauptbahnhof Chemnitz getroffen - irgendwann im Laufe des Jahres 2000. Die Pistole soll er den beiden in einem nahegelegenen Abbruchhaus übergeben haben.

9. Überfall: Am 20. November 2000 überfielen Böhnhardt und Mundlos die Postfiliale in der Johannes-Dick-Straße 4. Sie bedrohten die Angestellten mit einer Waffe und entkamen mit 38.900 D-Mark.

10. Überfall: Die Sparkasse in der Paul-Bertz-Straße 14 war das Ziel der Terroristen am 23. September 2003. Mit vorgehaltenen Waffen erbeuteten sie 435 Euro aus der Kassenschublade. Einer der beiden Täter schlug einer Angestellten mit der Pistole auf den Kopf und verlangte die Öffnung des Tresors. Wegen eines Zeitschlosses blieb der Tresor aber verschlossen.

11. Überfall: Brutal gingen Böhnhardt und Mundlos auch bei einem Überfall auf die Sparkassenfiliale in der Albert-Schweitzer-Straße 62 vor. Am 14. Mai 2004 erzwangen sie die Öffnung des Tresors und erbeuteten Bargeld in Höhe von 33.000 Euro. Einer der Täter schlug einer Angestellten einen Gewehrkolben ins Gesicht.

12. Überfall: Gleich zweimal suchten die Terroristen die Sparkassenfiliale in der Sandstraße 37 heim. Beim Überfall am 18. Mai 2004 entkamen sie mit 74.000 Euro. Eineinhalb Jahre später, am 22. November 2005, gingen sie wegen eines Zeitschlosses am Tresor leer aus.

13. Propaganda: Das Bekleidungsgeschäft Backstreet Noise und der Musikvertrieb PC-Records - beide haben die Adresse Dr.-Salvador-Allende Straße 110 - gehören zu den wichtigsten Läden der rechten Szene in Chemnitz. 2010 veröffentlichte PC-Records eine CD mit einem Stück namens "Döner-Killer" - knapp ein Jahr, bevor die Mordserie der NSU-Terrorzelle öffentlich bekannt wurde.

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