Stefan Heym kehrt zurück - als Figur auf der Theaterbühne

Am Puppentheater wird das Verhältnis des Schriftstellers zu seiner Heimatstadt beleuchtet. Sein jugendliches Ich hat ein Wörtchen mitzureden.

Gott ist genervt. Der Schriftsteller Stefan Heym, geboren 1913 in Chemnitz als Helmut Flieg, gibt keine Ruhe. Dauernd mischt er sich selbst im Himmel noch in alles ein. Darum schickt ihn Gott zurück auf die Erde. Nach Chemnitz, denn die Stadt brauche einen Fürsprecher.

So beginnt das neueste Stück am Figurentheater, das am Samstag uraufgeführt wird. "Wenn mich einer fragte ..." heißt es und es soll darin die Beziehung von Stefan Heym zu Chemnitz beleuchtet werden. "Er war einer, der in vielen Systemen seine Klappe aufgerissen hat. Einen wie ihn könnte man heute wieder gut gebrauchen", sagt Regisseur Christoph Werner zur Motivation. Werner ist künstlerischer Leiter des Puppentheaters Halle/Saale und konzipierte das Stück über Heym für die Theater Chemnitz.

Auf seinem Weg zurück auf die Erde begegnet der alte Heym seinem jungen Ich. Es erinnert den Alten daran, wie alles begann. Wie er ein antimilitaristisches Gedicht schrieb, darum vom Gymnasium flog und die Stadt nach Berlin verlassen musste. Jetzt soll es zurück nach Chemnitz gehen? Der Junge ist dagegen. Der alte Heym sieht die Dinge etwas milder. Es entspinnt sich eine Art Streitgespräch zwischen den beiden.

Eindringlich beschreibt der Junge, wie 1933 sein Bruder aus Chemnitz in Berlin vor der Tür stand. Gestern habe man nach ihm gesucht, er müsse das Land verlassen. Er packt seinen Rucksack, nur mit dem Nötigsten. Mit dem Zug fährt er nach Schlesien und marschiert in zu dünner Kleidung und ungeeigneten Schuhen über einen Pass hinauf auf den noch verschneiten Kamm des Riesengebirges, wo die nur mäßig kontrollierte Grenze zur Tschechoslowakei verlief. "Ich wäre gern im Land geblieben", sagt der junge zum alten Heym, und es klingt fast vorwurfsvoll. "Ja", antwortet dieser, "Aber dann wärst du wahrscheinlich als Wölkchen über Auschwitz geendet." Die Worte der zwei Puppen stammen von Heym selbst, sie sind zum Großteil seiner Autobiografie "Nachruf" entnommen. Nichts Aktuelles ist dem Text hinzugefügt. Und trotzdem drängt sich der Vergleich auf zu Fluchtgeschichten von Emigranten, die heute in Chemnitz ankommen.

Auch die Stadt sollte im Stück zu Wort kommen. Eine Möglichkeit dafür sei von Anfang an gewesen, die Puppenspieler selbst zu befragen, da sie ja in der Stadt leben, so Werner. Die Proben begannen am 20. August. "Da war die Welt noch in Ordnung", sagt der Regisseur. Doch dann kam das Stadtfestwochenende, der gewaltsame Tod des jungen Deutschen, für den Flüchtlinge verdächtigt werden, und Demonstrationen, inklusive Hitlergrüßen. Die Ereignisse hätten dazu geführt, dass er sich für die Option entschied, die Spieler selbst zu ihren individuellen Sichten zu befragen, so Werner.

So sieht der Zuschauer die vier Personen, die jeweils zu zweit eine der beiden Puppen bewegen und sprechen, auch auf Bildschirmen, in Alltagskleidung, bei sich zu Hause. So erzählt Karoline Hoffmann, wie es war, am Montag, dem 27. August, zu proben, während über der Innenstadt Hubschrauber kreisten. "Man erfährt etwas über uns in Chemnitz", verdeutlicht Claudia Acker, die seit drei Jahren in der Stadt lebt. "Ungewohnt" sei es für sie gewesen, plötzlich selbst als Person eine Rolle auf der Bühne zu spielen, berichtet Tobias Eisenkrämer. Auch berichten die jungen Spieler davon, wie sie sich Heym angenähert haben. "Für mich war er zum Beispiel nur ein Name", sagt Sarah Wissner, die aus Stuttgart kommt. In den Videos geben die vier auch eine Antwort auf die Frage, die dem Stück zu Grunde liegt: "Glauben wir, gerade eine Situation wie 1933 zu erleben?"

Noch eine Einwanderungsgeschichte verbirgt sich im Stück "Wenn mich einer fragte ...". Denn die Puppen, die Kunstwerke für sich sind, wurden vom Puppenbauer Hagen Tilp gefertigt. Er lebt in Oakland, Kalifornien. Und so wie Heym später kompliziert in die USA auswanderte, überquerten die Puppen den Atlantik im Handgepäck und reisten ganz unkompliziert in Deutschland ein.

"Wenn mich einer fragte ..." wird am Samstag, 6. Oktober, um 20 Uhr im Figurentheater uraufgeführt. Die nächste Vorstellung ist am Sonntag, 7. Oktober, um 18 Uhr.

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