Streit um Sportforum: Behörde lehnt Abriss des Stadionturms ab

Die Stadtverwaltung will das markante Bauwerk abtragen, das Landesamt für Denkmalpflege ist dagegen. Der Turm sei ein historisches Zeugnis, heißt es von dort. Genau das aber sei das Problem, sagt die Oberbürgermeisterin.

Die behördliche Ablehnung traf ein, obwohl noch nicht einmal ein offizieller Antrag existiert: In einem Schreiben hat das Sächsische Landesamt für Denkmalpflege der Stadtverwaltung mitgeteilt, den Abriss des Turms im Hauptstadion keinesfalls zu billigen. Sollte ein solcher Antrag der Kommune in der Landesbehörde in Dresden eingehen, werde er umgehend abgelehnt, sagte Abteilungsleiter Michael Kirsten gestern der "Freien Presse". Der Turm sei ein Kulturdenkmal, begründete er. "Das ist ein historisches Zeugnis, wenngleich aus einer dunkleren Epoche", erklärte er und fügte hinzu: "Aber auch diese Zeugen gehören zur Geschichte."

Für Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) ist aber genau diese Geschichte das Problem. Der Turm war ebenso wie das Stadion in den 1930er-Jahren errichtet worden, die Eröffnung fand statt am 18. September 1938; übrigens ausgerechnet mit dem Fußball-Länderspiel Deutschland gegen Polen - jenes Polen also, dass knapp ein Jahr später von den Deutschen überfallen wurde. Der Stadionturm sei damals, so sagt es die heutige Oberbürgermeisterin, als sogenannter Führerturm konzipiert und gebaut worden. "Ich denke nicht daran, kommunales Geld für den Erhalt eines solchen Bauwerks auszugeben", sagt sie. Zwei Millionen Euro würde die Sanierung kosten; für die heutige Funktionalität des Stadions wird er ohnehin nicht mehr gebraucht.

Allerdings ist die Frage umstritten, ob das Bauwerk während der NS-Zeit tatsächlich als "Führerturm" bezeichnet wurde. In den Veröffentlichungen der Allgemeinen Zeitung aus den 1930er-Jahren ist ausschließlich von einem "Befehlsturm" die Rede. Hitler selbst soll den Turm ohnehin nie betreten haben.

Für Denkmalschützer wie Michael Kirsten ist die Argumentation des Stadtoberhaupts daher eine "verkürzte Wahrnehmung der Geschichte". Geschichte dürfe man nicht unter den Teppich kehren - zumal der Turm vom selben Architekten Fred Otto entworfen wurde, wie das Stadtbad oder das heutige Museum Gunzenhauser. Man müsse wissen, woher man kommt - auch vor diesem Hintergrund sei es wichtig, den Turm zu erhalten, sagt Michael Kirsten.

Nicht weit von Chemnitz entfernt ist man in der Frage des Erhalts eines ganz ähnlichen Bauwerks übrigens deutlich pragmatischer vorgegangen. Die Stadt Zwickau ließ den Turm am Westsachsenstadion einfach sanieren - ohne große Debatte, wie sich Rathaussprecher Mathias Merz erinnert. "Das ist ein Wahrzeichen von Zwickau, ein echter Identifikationspunkt", sagte er gestern der "Freien Presse". Diskussionen um Erhalt oder Abriss habe es in der Muldestadt daher auch nie gegeben.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
10Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 0
    0
    maxmeiner
    08.01.2016

    Sozialistische Geschichtsretusche ala DDR - Abriss und plattmachen. Wäre das von den Russen gebaut worden und hätte früher Stalinturm geheißen, gäbe es eine Mahnwachenlichterkettenpilgerbewegung für den Erhalt und die Stadtkasse würde das Geld hierfür auf Biegen und Brechen aufbringen, so wie für andere sozialistische Errungenschaften wie z.B. Ausgeben fremden Geldes. So etwas Ignorantes und Geschichtsvergessenes als "Bürgermeister-in" braucht seit 1990 kein deutscher Bürger mehr. Viele Städte wären froh, wenn es vor anno '90 weniger grobmotorische Geschichtsbegradigung gegeben hätte.

  • 0
    3
    PeKa
    06.01.2016

    Naja also ein Führerturm passt doch derzeit ganz gut zu Chemnitz, oder ist da jemand anderer Meinung?

  • 1
    0
    SRMobile
    06.01.2016

    Also ich kann da keine eindeutige Meinung finden, mir ist ehrlich gesagt das Stadion wichtiger. Nur wenn sich jetzt um den Turm gestritten wird, kann sich die Sanierung des Stadions noch länger hinziehen. Man muss auch bedenken, dass Stadion soll bis auf 4000 Zuschauerplätze zurückgebaut werden. Somit würde der Turm rechts und links in einem Erdwall stehen ohne Zuschauerränge. Ich kann mir auch gut vorstellen das der Turm in einem kleineren Stadion zu "groß" wirkt. Fakt ist aber, für die Sportler ist er nicht notwendig sieht aber als Bauwerk nicht schlecht aus und hat Tradition.
    Wenn das Denkmalamt in DD den Abriss ablehnt, so kann es doch die Sanierung bezahlen, da hätte auch die OB nichts dagegen.
    Ausserdem haben doch die Ämter in Dresden die Sanierung des Stadions ( inkl. Turm ) in den 90 Jahren auch schon abgelehnt. Hätten die damals nur Zugestimmt, so wäre die Frage heute nicht notwendig, da muss das Denkmalamt halt auch mit einem Abriss leben.
    Nur eines ist sicher, dass Hauptstadion muss dringend mit oder ohne Turm saniert werden.

  • 2
    1
    dwt
    06.01.2016

    ERHALTEN!!!!

  • 3
    0
    Argusauge
    06.01.2016

    Ich wusste noch gar nicht, dass Frau OB an einer Stadtgeschichte schreibt ... oder besser gesagt, diese umschreibt.
    Vielleicht sollte sie mal ihr hiesiges Archiv mit einem Besuch beehren - dort würde sie aufgeklärt werden.

    @Ballfreund liegt völlig richtig: Der Turm hat in der Nazizeit nicht "Führerturm" geheißen. Ich besitze neun Ansichtskarten aus der Zeit davon; viermal ist der Turm bezeichnet, und zwar viermal als "Befehlsturm".

    Der Denkmalschützer hat recht - man kann doch unter Denkmalschutz stehende Gebäude nicht selektiv erhalten, nur weil sie aus einer bestimmten Epoche stammen. Warum stehen sie denn dann überhaupt unter Schutz?

    (Sarkastischer) Tipp an Frau Ludwig: Wenn Sie den Turm abreißen lassen wollen, dann doch auch gleich die Säulen an den beiden Eingängen mit, denn die trugen auch den Reichsadler und Hakenkreuze.

  • 3
    0
    Pixelghost
    06.01.2016

    @Interessierte, 1. ich bin nicht aus dem ganz hohen Norden sondern aus Berlin(OST), das mal dazu.
    2. Meine Freundin holte mich damals in Karl-Marx-Stadt vom Bahnhof ab und dann fuhren wir weiter in ein Dorf ins Erzgebirge. Daher auch meine detaillierten Kenntnisse über die Lebensart der Leute da.

    3. Der Jargon war Polizistenjargon (Revier Mitte-Nord) in den 80ziger Jahren. Die mussten dort nämlich Wache stehen. Die haben das alle gehasst. Ich habe in diesem Revier Dienst geschoben. Ich werd's wohl wissen.

    Sie kennen sich überhaupt nicht aus, kennen mich nicht und reimen sich irgendwas zusammen.

    Eine schöne Restwoche wünsch ich...

  • 0
    2
    Interessierte
    06.01.2016

    Pixelghost: , ich weiß zwar nicht , was Ihr Beitrag hier in dem Artikel zu suchen hat ....................
    Aber wenn ich mich nicht ganz irre , Sie sind doch der , der aus dem ganz hohen Norden zu uns gekommen ist und diese verkehrte Sprache spricht ...

    Nun weiß ich nicht , aus welchem familiären Milieu Sie kommen , jedenfalls hatte Ihre Familie Sie am Bahnhof empfangen und dann gemeint : Das ist der Nischel

    Ich persönlich hatte in dem´totalitären und diktatorischen` Staat nichts von einem Nischel und auch nichts von einer Nischelgasse gehört …
    In ´meinem` Umfeld wurde sich ´nicht` in diesem Jargon unterhalten .

    Aber ich hatte mich mal mit einem Wessi unterhalten :
    Ihr sagt doch zu dem Karl Marx = Nischel
    Nö , Kopf
    Natürlich sagt ihr Nischel
    Nein , wir sagen Kopf
    Aber natürlich sagt ihr Nischel dazu
    Neiiiiiin - wir haben schon immer Kopf gesagt
    Aber sicher habt ihr Nischel dazu gesagt !!!!!!

    ( von einer Nischelgasse schien er noch nichts gehört zu haben , sonst hätte der Besserwessi noch weiter mit mir gestritten !

    Und von einer Bewachung habe ich auch noch nichts gehört , dem hatte keiner etwas getan , der ´Kopf` stand dort und es war gut !
    Erst seit dem Kapitalismus muß man ´hinterherrennen` , damit der nicht weg kommt oder in irgendeiner Weise niederträchtig geschmückt oder anderweitig benutzt wird .

  • 1
    3
    Interessierte
    06.01.2016

    Das ist ja mal eine gute Nachricht zum Jahresbeginn ...
    Da lebt man gleich wieder bißchen auf ...

    Ich hatte mir schon überlegt , mich abzumelden , damit ich nicht mehr auf diese Katastrophennachrichten aus dieser Stadt , diesem Staat und dieser gesamten Welt reagieren - kann !!!

    Auf die Dauer ist das nämlich gar nicht mehr zu verkraften , was hier Tag für Tag los ist ; jeden Tag neue Hiobsbotschaften , da arbeitet man den ganzen Tag dran und nimmt es schließlich mit ins Bett .
    Und dazu werden noch die vielen verdrehten Lügen verbreitet , das ist auch ganz nett .

    Früher bist du früh auf Arbeit gegangen , hast deine Arbeit gemacht und danach warst du fertig ...
    Dann konntest du am Abend umschalten und abschalten und dich auf dein Privatleben konzentrieren ...

    Heute wirst du täglich neu vollgestopft mit Problemen , welche andere aus lauter Machtgier verursachen oder aus lauter Unfähigkeit für die Macht nicht lösen können .
    Und dazu noch die , die andere Mentalitäten nicht verstehen ...
    ( ausgenommen die der Flüchtlinge , für die sich rührend einsetzen und dafür aufgehn ...

    Ich bin ja wohl auch die einzige , die diese Stadt interessiert ( neben dem kauzvonhier)
    Alle anderen haben ja nichts besseres zu tun , als unsere Heimatstadt und deren Geschichte und damit auch die Chemnitzer selbst und auch die Sachsen in den Dreck zu treten …
    Alternativ könnte man dazu den bürgerlichen , spießigen Mief der Adenauerzeit in den Dreck ziehen , wo alle auf der Straße waren ...

    Wobei man sich jetzt eben fragen kann , ob die , die Stadt derart ´runter putzen , ob das - überhaupt deren Heimatstadt ist ???
    Vielleicht haben sich da welche zur Aufgabe gemacht , hier im Osten alles aus DDR-Zeiten in den Dreck zu ziehen oder sind sogar dazu beauftragt worden ...
    Da gibt es ja genügend , die einen Tag nach der Maueröffnung hier waren und mit ihrem Gebaren nur auf „Haß + Hetze + Erniedrigung“ aufgelegt waren und somit ´gezielt` auf Machtanspruch und somit auf bevormunden und vordiktieren ausgelegt waren ...

    Ich kenne nämlich niemanden , der auf unsere Stadt schimpft !!!
    Ich kenne nur die , die auf diese haarsträubenden Entscheidungen in dieser Stadt und in diesem Staat schimpfen !!!

  • 4
    1
    Ballfreund
    06.01.2016

    Was für eine alberne und geschichtlich falsche Aussage der OB! Schaut man auf die alten Ansichtskarten aus der Zeit der Eröffnung, steht dort immer "Befehlsturm", aber nie der von der OB gebrauchte Begriff! Klingt nach einer feinen Ausrede, um ja kein Geld für den Turm anfassen zu müssen. Im Übrigen wurde auch der Rathausbalkon 1911 dafür errichtet, um "zum Volk sprechen" zu können. Soll der demnächst nicht schon wieder saniert werden? Dann sollte Frau Ludwig dies lassen, denn das erinnert auch an dunkle, kaiserlich-deutsche Zeiten! :-)

  • 4
    1
    Pixelghost
    06.01.2016

    Aber das Wahrzeichen eines totalitären und diktatorischen Staates wird sogar als Touristenattraktion hofiert. Dieses Teil war den DDR-Oberen sogar so wichtig, dass es rund um die Uhr bewacht werden musste.

    Und was war erst los, als man einen der Bewacher "Ich muss zur Nischelgasse" sagen hörte...



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...