Tatra-Bahnen fahren im Jubiläumsjahr aufs Abstellgleis

Vor genau 50 Jahren haben die tschechischen Trams ihren Dienst im damaligen Karl-Marx-Stadt angetreten. Jetzt steht ihre Ablösung bevor.

Viele, vor allem ältere Fahrgäste können es kaum erwarten: Im kommenden Frühjahr will der städtische Nahverkehrsbetrieb CVAG den ersten neuen Skoda-Straßenbahnzug in den Linienverkehr übernehmen und damit die endgültige Außerdienstsetzung der Tatra-Bahnen einläuten. Der erste Skoda-Zug durchläuft derzeit noch umfangreiche Tests, sagt CVAG-Sprecher Stefan Tschök. Momentan werde gerade die Heizung unter winterlichen Bedingungen geprüft. Ziel sei es, bis zum Jahresende alle insgesamt 14 bestellten Skoda-Züge in Betrieb zu nehmen und gleichzeitig alle derzeit noch 20 einsatzbereiten Tatra-Triebwagen, die wegen ihres nicht barrierefreien Ein- und Ausstiegs unbeliebt geworden sind, aufs Abstellgleis zu schicken.

Der geplante Abschied von den Tatra-Bahnen fällt genau mit einem Jubiläum dieser Fahrzeuge zusammen: Denn vor genau 50 Jahren, im Winter 1968/69, trafen die ersten Tatra-Züge im damaligen Karl-Marx-Stadt ein und wurden nach mehrmonatiger Erprobungsphase eingesetzt. Heiner Matthes, langjähriger Mitarbeiter des städtischen Nahverkehrsbetriebes, war beim Entladen der ersten vier Triebwagen am 21. Dezember 1968 dabei: "Sie wurden vom Güterbahnhof Zwönitzbrücke zum Betriebshof Altchemnitz überführt." Am 25. Februar 1969 nahmen diese Wagen auf der Berufsverkehrslinie 51 zwischen Scheffelstraße und Hauptbahnhof den Betrieb auf.

Mit knapp 30 Sitz- und mehr als 100 Stehplätzen waren sie wesentlich geräumiger als ihre Vorgänger aus Gotha. Doch die im Prager CKD-Werk auf Basis einer Lizenz zum Nachbau von 1935 in den USA eingeführten sogenannten PCC-Wagen entwickelten Fahrzeuge, die im Unterschied zu den bisher verwendeten Modellen nur mit Fußpedalen gefahren und gebremst wurden, erwiesen sich als sehr störanfällig. "Fahrer münzten die Typ-Bezeichnung T3D in ,Steh3D' um", erinnert sich Matthes. Hauptproblem sei die Fahrsteuerung gewesen, unter anderem, weil die DDR im Unterschied zu allen anderen Einsatzländern mehrere Tatra-Triebwagen zusammenkoppeln wollte. "Monteure aus Prag waren fast ständig vor Ort", so Matthes. Erst 1973 wurden die ersten, eigens für die DDR entwickelten antriebslosen Anhänger, in der Fachsprache Beiwagen, geliefert.

Bei der ersten Hauptuntersuchung 1977 hätten Schlosser und Elektriker einen T3D komplett auseinandergenommen und wieder zusammengebaut, um alle Fehler auszumerzen. "Das dauerte ein Jahr, seitdem waren die Tatra-Züge absolut zuverlässig", berichtet der Experte. Bis 1987 wuchs der Karl-Marx-Städter Tatra-Bestand auf 132 Triebwagen und 62 Beiwagen. 36 Triebwagen und 14 Beiwagen wurden 1992/93 im Waggonbau Bautzen modernisiert. Seitdem wurden 82 Triebwagen und sechs Beiwagen nach Russland und Kasachstan verkauft und viele weitere verschrottet.

Von den letzten Tatra-Bahnen will die CVAG einige als Notfall-Reserve behalten, falls modernere Straßenbahnen beispielsweise durch Unfälle ausfallen. Ein kompletter Zug mit zwei Trieb- und einem Beiwagen bleibe zudem im Originalzustand erhalten. Eine vom Verein Straßenbahnfreunde Chemnitz veranstaltete Tatra-Abschiedsfahrt am 10. März ist bereits ausgebucht.

Dass nur die Tatra-Züge im Unterschied zu den moderneren Niederflur-Bahnen bei höherem Schnee nicht stecken bleiben, sei übrigens ein sich hartnäckig haltendes Gerücht, sagt Stefan Tschök: "Wir hatten in den vergangenen Tagen mit allen vorhandenen Zügen keine Probleme." Die CVAG benötige auch insgesamt 26 Züge, um den Linienverkehr abzusichern. Die Tatra-Bahnen allein würden dafür gar nicht ausreichen. Zuletzt habe der Verkehrsbetrieb im Winter 2010/11 verstärkt Tatras einsetzen müssen, weil sich bei strengem Frost sogenannte Eindeckplatten an Gleis-Überfahrten gehoben hatten, an denen Niederflur-Bahnen hängen bleiben konnten.

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4Kommentare
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  • 1
    0
    HHCL
    14.01.2019

    Dass nur die Tatra-Züge im Unterschied zu den moderneren Niederflur-Bahnen bei höherem Schnee nicht stecken bleiben, sei übrigens ein sich hartnäckig haltendes Gerücht, sagt Stefan Tschök: "Wir hatten in den vergangenen Tagen mit allen vorhandenen Zügen keine Probleme."

    Zuletzt habe der Verkehrsbetrieb im Winter 2010/11 verstärkt Tatras einsetzen müssen, weil sich bei strengem Frost sogenannte Eindeckplatten an Gleis-Überfahrten gehoben hatten, an denen Niederflur-Bahnen hängen bleiben konnten."

    Ja was denn nun? Das Gerücht war also 2010/11 durchaus zutreffend, wenn ich den letzten Satz richtig verstehe. Auch wenn es nicht direkt am Schnee sondern am Frost lag, den es im Winter eben auch gibt.

    Trotz allem: Es wird Zeit! Der hohe Einstieg ist vor allem für die vielen alten Fahrgäste eine Zumutung. In Leipzig hatte man schon vor Jahren Abhilfe mit Niederfluranhängern geschaffen.

  • 7
    1
    Freigeist14
    14.01.2019

    Die Tatra-Bahnen waren 1968 topmodern und weltmarktfähig. Die Gotha-Großraum -Wagen waren zum Beispiel dem starken Anstieg nach Dresden -Bühlau nicht gewachsen ,weshalb man froh war diese starken Triebwagen in Dienst stellen zu können .

  • 10
    0
    acals
    14.01.2019

    Danke Herr Haecker! Bestaetigt mir, dass es einen sehr erfrischenden Humor in und um Chemnitz herum gibt.

  • 9
    3
    Haecker
    14.01.2019

    Diese Triebwagen (2.Bild) nannte man damals "Walter-Ulbricht-Bahn": außen rot, innen hohl und ohne Anhänger. Eine andere Bezeichnung war "Dubceks letzte Rache" (die Bahn fuhr ungewohnt straff an und deshalb stand im Deckenbereich "Bitte festhalten").



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