Tatrabahnen: Noch im Liniendienst und schon im Museum

50 Jahren Tatra-Wagen in Karl-Marx-Stadt und Chemnitz widmet das Straßenbahnmuseum eine neue Sonderausstellung. Das Hauptexponat kam nicht auf Schienen.

Kappel.

Der Tatra-Triebwagen mit der Nummer 402 hatte am 21. Dezember 1968 zu den ersten vier Fahrzeugen des Typs T3D gehört, die per Eisenbahntransport im damaligen Karl-Marx-Stadt ankamen. Per Seilwinde wurde er im Bahnhof Zwönitzbrücke vom Waggon gezogen und anschließend mittels Lastwagen auf ein Anschlussgleis auf der Schneeberger Straße geschoben. Reichlich 50 Jahre später waren wieder ein Tieflader und ein Kran erforderlich, um den in Elfenbein und Rot lackierten Wagen an seinen neuen Bestimmungsort zu bringen: ins Straßenbahnmuseum an der Zwickauer Straße. Denn zu dem ehemaligen Straßenbahndepot, auf dessen Gelände nur Schmalspurgleise verlegt sind, führen schon lange keine Schienen mehr.

In einer neuen Sonderausstellung anlässlich 50 Jahre Tatra-Wagen in Karl-Marx-Stadt und Chemnitz hat das Original-Geburtstagskind mit der Centrum-Warenhaus-Werbung von Anfang der 1990er-Jahre und der Fahrtrichtungs-Angabe "Linie 5 - Wohngebiet Fritz Heckert" auf einem Behelfsgleis Platz gefunden. In der am Dienstag mit geladenen Gästen feierlich eröffneten Schau können sich Besucher ab dem morgigen Donnerstag in den Kunststoff-Sitzschalen, die seit den 90er-Jahren allerdings mit Polstern überzogen sind, an das Fahrgefühl von damals erinnern und in der Fahrerkabine des Triebwagens Platz nehmen, der bis 2002 im Linienbetrieb eingesetzt war.


Auch wer schon immer wissen wollte, wie eigentlich der seinerzeit neuartige, per Fußpedal bediente Beschleunigungsregler der Tatra-Triebwagen funktioniert, kann das an einem Funktionsmodell ausprobieren. Zu sehen ist außerdem der elektrisch betätigte Schalter, Hauptschütz genannt, der beim Abschalten des Fahrstroms ein typisches lautes "Klack"-Geräusch erzeugte.

Neben einem Schreibtisch mit Kopien technischer Zeichnungen vom Ende der 1960er-Jahre stehen Staffeleien mit Abbildungen von Tatra-Wagen in vier unterschiedlichen Farbvarianten: komplett Rot, Elfenbein mit blauen Streifen, Elfenbein mit silbernen Zierleisten und eben Rot mit Elfenbein, das von den Verantwortlichen in Karl-Marx-Stadt ebenso bevorzugt wurde wie von denen in Dresden und anderen Städten. Doch dafür waren die hiesigen Tatra-Wagen, von denen jeder 276.000 Mark der Deutschen Notenbank kostete, wegen der größeren Spurweite mit 2,50 Meter um genau 30 Zentimeter breiter als die in den meisten anderen Einsatzorten.

Neben Vitrinen mit Kleinteilen, wie Blink- und Rückleuchten, erzählen annähernd 20 Schautafeln in Deutsch und Tschechisch die Geschichte des Prager Straßenbahnherstellers CKD und der Tatra-Bahnen, die ursprünglich auf einer Lizenz zum Nachbau US-amerikanischer Entwicklungen aus den 1930er-Jahren beruhen. Dokumentiert sind zudem die Auswahl, die Lieferung und der bis heute andauernde Einsatz der Fahrzeuge in Karl-Marx-Stadt und Chemnitz. Eigentlich will der städtische Nahverkehrsbetrieb CVAG bis Ende dieses Jahres 14 neue Skoda-Züge in den Linienbetrieb übernehmen und alle derzeit noch 20 einsatzbereiten, zuletzt 1992/93 im Waggonbau Bautzen modernisierten Tatra-Triebwagen aufs Abstellgleis schicken. Doch die zwei bisher gelieferten Skoda-Züge absolvieren immer noch Probefahrten.

Viele der in der Ausstellung gezeigten Exponate und Abbildungen stammen von befreundeten Vereinen in Dresden und dem tschechischen Liberec sowie vom Straßenbahnmuseum in Prag. Etwa ein Jahr lang haben Thomas Laube, der Archivar des Museums, und seine Mitstreiter vom Verein Chemnitzer Straßenbahnfreunde Archive und Museumsdepots in Deutschland und Tschechien durchstöbert. Teile der Ausstellung, die größtenteils mit EU-Fördergeld aus dem Fonds für die Euroregion Erzgebirge finanziert wird, sollen später auch in Liberec gezeigt werden.

Nach zwei ausgebuchten Jubiläums- und Abschieds-Rundfahrten mit Tatra-Zügen im März will das Straßenbahnmuseum während der Sonderausstellung drei weitere solcher Erlebnisfahrten mit Fotostopps für Fans anbieten. Die Termine stehen allerdings noch nicht fest.

Tatra-Sonderausstellung "Ich werde 50" vom 9. Mai bis 15. Dezember 2019 im Straßenbahnmuseum Chemnitz, Zwickauer Straße 164. Geöffnet ist bis September donnerstags von 10 bis 16 Uhr und samstags von 10 bis 18 Uhr, ab Oktober nur samstags von 10 bis 16 Uhr. Eintritt für Erwachsene 3 Euro, für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre frei.

Bewertung des Artikels: Ø 4.2 Sterne bei 5 Bewertungen
4Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    5
    Interessierte
    09.05.2019

    Das Straßenbahnmuseum ist ja` sehr schön und sehr interessant gemacht ; aber ich habe mich hier schon manchmal gefragt , ob nicht auch das Umfeld ´von der Stadt` mal bißchen ´schöner` gestaltet werden mußte , bißchen ´westlicher` , so wie eben im Westen ?

  • 6
    0
    711282
    08.05.2019

    @ H1D2M18 es ist im Artikel wirklich etwas zweideutig formuliert. Es gibt natürlich ein Anschlußgleis plus Abstellhalle für die Regelspurfahrzeuge (1435mm) im Gelände. In der Museumshalle und im Vorfeld liegen jedoch ausschließlich Schmalspurgleise mit 925 mm Spurweite. Ebenso gibt es zwischen zwei Museumshallen ein Außengleis (925mm), welches z.B. am kommenden Samstag zur Museumsnacht für Fahretn mit historischen Schmalspurwagen genutzt wird.
    Das meinte der Herr Brandenburg sicherlich.

  • 11
    0
    Zeitungss
    08.05.2019

    @H1D..:Das Museum ist eine sehr schöne und gepflegte Einrichtung, meinen Resepkt. Die Fahrzeughalle und das Vorfeld sind schmalspurig und haben kein Streckennetz mehr. Auf der Rückseite gibt es einen normalspurigen Anschluß (1435mm), eingebunden in die Strecke nach Schönau und es gibt auch einzelne Abstellmöglichkeiten.
    Ein besonderes Schmankerl ist die Stromversorgung im Schmalspurteil, diese wurde vom Hauptnetz getrennt, um Schäden an historischen Fahrzeugen durch Überspannung bei Rückspeisung der modernen Fahrzeuge im Normalspurnetz, auf dem kurzen Probegleis zu vermeiden.
    Meine Hochachtung den Schaffern dieser Anlage und weiterhin eine glückliche Hand.

  • 6
    0
    H1D2M18
    08.05.2019

    Hallo
    Ist das richtig das es im Tram Depot dem heutigen Straßenbahnuseum Chemnitz keine Gleise in Regelspur gibt ?

    http://www.strassenbahn-chemnitz.de/sonderfahrtenbahn.html
    Es finden doch Sonderfahrten mit historischen Fahrzeugen ab dem Depot über das Straßenbahnnetz der CVAG statt.

    Es ist bestimmt gemeint das es nicht ausreichend "Abstellplätze" im Freien bzw in der Halle in Regelspur gibt oder ?



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