Unbekannte beschmieren Gedenkstein

Entsetzen bei den Teilnehmern einer Veranstaltung zu Ehren ermordeter Antifaschisten in Neukirchen: Wenige Stunden zuvor wurde das Mahnmal am Ort der Feierstunde beschädigt.

Neukirchen.

Die Täter hatten den Zeitpunkt offenbar bewusst gewählt: Wenige Stunden vor einer Gedenkveranstaltung am Mahnmal am Hutholz in Neukirchen ist die Anlage von Unbekannten beschmiert worden. Wie die Polizei am Donnerstagmorgen mitteilte, war einem Anwohner aufgefallen, dass Unbekannte den Gedenkstein mit einer asphaltähnlichen Flüssigkeit verunstaltet hatten. Wegen der schwarzen Farbe war die Inschrift nicht mehr lesbar. Das Mahnmal erinnert an sieben Gegner des Nazi-Regimes, die am 27. März 1945, kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, an der Grenze zwischen Chemnitz und Neukirchen durch SS- und Gestapo-Bedienstete erschossen wurden.

Vielen der etwa 40 Teilnehmer der Gedenkveranstaltung am Donnerstagnachmittag war die Aufregung anzusehen - sie hatten schon am Vormittag von der Tat gehört, die sie unisono verurteilten. "Wer das tut, bekundet eine unerhörte Intoleranz Andersdenkenden gegenüber und missachtet das Lebenswerk aufrechter Bürger", stellte Raimon Brete fest. Der Chemnitzer ist Mitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und hielt eine Ansprache. Ähnlich äußerte sich der Neukirchener Gemeinderat Jürgen Rupf (Die Linke): "Der oder die Täter haben nicht begriffen, dass wir unser heutiges Leben in einer Demokratie auch Menschen wie den Ermordeten verdanken." Offensichtlich hätten sich diese Leute nie mit der Geschichte befasst und keine Vorstellung, was Krieg bedeute, fügte der 73-jährige hinzu.

Die ehemalige Neukirchner Lehrerin Carla May ärgerte sich über die "furchtbare Schweinerei". Sie vermutete, dass Leute mit rechter Gesinnung auf diese Weise Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen. "Das ist Vandalismus und eine Straftat", empörte sich der Chemnitzer Hubert Ginschel. Der Vorfall zeige, wie wichtig es sei, die Stimme zu erheben, um als Antifaschist Greueltaten wie das Geschehen am Hutholz vor 71 Jahren vor dem Vergessen zu bewahren.

Die Anwesenden zeigten sich erfreut, dass die Gedenkveranstaltung trotz des Vorfalls in einem würdigen Rahmen stattfinden konnte. Denn von der schwarzen Farbe war am Nachmittag nichts mehr zu sehen. Bereits am Vormittag waren Mitarbeiter des Neukirchener Bauhofs zum Tatort geeilt, mussten aber angesichts der klebrigen Flüssigkeit kapitulieren. Einer Spezialfirma gelang es dann aber, mit Hochdruckreinigern die Schmiererei zu entfernen. Beim Adorfer Johannes Schmidt überwog trotzdem der Ärger: "Damit haben die Übeltäter auch Kosten verursacht. Das Geld fehlt an anderer Stelle in der Gemeinde."

Margit Tabbert kann sich noch an den 27. März 1945 erinnern. Als Zwölfjährige habe sie mit ihrem ein Jahr jüngeren Cousin vom nahegelegenen Grundstück in Neukirchen aus gesehen, wie die uniformierten Bewacher mit den Gefangenen zum Hutholz gingen. "Die Schüsse haben wir nicht gehört. Ich bin sicher, dass uns die Eltern abgelenkt haben", berichtet sie.

Später erlebte sie mit, wie ihre Mutter und andere Einwohner des Ortes ein kleines Ehrenmahl für die Ermordeten pflegten. Als die Gedenktafel im Laufe der Jahre drohte, unleserlich zu werden, setzte auch sie sich für die Sanierung ein, die vor einem Jahr abgeschlossen wurde. Auch für Margit Tabberts Tochter Angela, die für Die Linke im Neukirchner Gemeinderat sitzt, hat das Mahnmal große Bedeutung. "Es zeugt von wenig Bildung, wenn jemand ein solches Denkmal beschmiert."

Die Ermittlungen hat der Staatsschutz übernommen. Hinweise von Zeugen zur Beschädigung des Denkmals werden unter der Nummer 0371 387-495808 entgegengenommen.

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