Union-Beschäftigte fürchten den Ausverkauf des Unternehmens

Die Situation um den vom Aus bedrohten Werkzeugmaschinenhersteller spitzt sich zu. Gewerkschafter werfen den Eigentümern vor, das Betriebsvermögen beiseiteschaffen zu wollen. Zugleich gibt es Hoffnung, das Traditionsunternehmen in der Stadt zu halten.

Geht es nach den derzeitigen Eigentümern, darf der älteste Werkzeugmaschinenhersteller der Stadt noch acht Wochen existieren. Die Geschäftsführung der zur Siegener Herkules-Gruppe gehörenden Union hatte im Sommer angekündigt, den Betrieb des an der Autobahn 72 ansässigen Unternehmens am 30. November 2019 einzustellen. Der Termin sei nach wie vor aktuell, sagt Union-Betriebsrats-Chef Uwe Friemel. Allerdings glaube er nicht, fügt er hinzu, dass er tatsächlich auch zu halten sein wird - allein schon wegen der Kündigungsfristen für die Mitarbeiter.

Bislang laufen nämlich noch immer Verhandlungen zwischen Gewerkschaft, Belegschaftsvertretern und Geschäftsführung. Dabei geht es um einen Sozialplan für die annähernd 130 Beschäftigten und einen Interessenausgleich. In der Zeit der Verhandlungen dürfe das Betriebsvermögen der Union auch nicht geschmälert werden. Genau das aber geschehe derzeit, sagt Betriebsrats-Chef Friemel. In der vergangenen Woche war eine sogenannte Hartgesteinsplatte aus Chemnitz weggebracht worden, ein komplexes Messinstrument, das für die Produktion von Bohrwerken unerlässlich ist. Union-Mitarbeiter hatten noch versucht, den Abtransport der Anlage zu verhindern - vergeblich. Laut Betriebsrats-Chef habe die Geschäftsführung erklärt, das Messgerät werde nicht veräußert, sondern sei lediglich verliehen worden.


Dennoch wirft die Chemnitzer IG Metall der Union-Geschäftsführung und den Verantwortlichen der Konzernmutter vor, Fakten schaffen zu wollen. "Damit soll ein Neuanfang der Union erschwert werden", sagt IG-Metall-Chef Mario John. Die Union produziert Horizontal-Bohr- und -Fräsmaschinen für die Bearbeitung von Werkstücken bis zu 40 Metern Länge, zehn Metern Höhe und 250 Tonnen Gewicht. Diese Produktion soll ins thüringische Meuselwitz verlagert werden, wo die im nordrhein-westfälischen Siegen ansässige Herkules-Gruppe einen weiteren Standort betreibt.

Ungeachtet der Pläne der Muttergesellschaft arbeiten IG Metall und Betriebsrat derzeit an einem Konzept, die Union zu erhalten. Dabei setzt man auf die Produktion von kleineren Bohrwerken. IG-Metall-Chef John fürchtet, bei Herkules betrachte man die geplante Betriebsschließung der Union auch als Marktbereinigung - man wolle verhindern, dass mit dem Fortbestand des Chemnitzer Traditionsbetriebes eine neue Konkurrenz heranwächst.

Bis es so weit ist, wäre ohnehin ein Geldgeber nötig, heißt es bei IG Metall und Betriebsrat. Das könnte ein strategischer Investor sein, der aus der Maschinenbaubranche kommt, möglich wäre aber auch ein Risikokapitalgeber. An eine Fortführung der Union aus sich selbst heraus wie in den 1990er-Jahren glauben John und Friemel nicht. Damals war der Mutterkonzern der Union in die Insolvenz geraten, und der Betrieb drohte im Abwärtsstrudel unterzugehen. Um das zu verhindern, kaufte die Belegschaft das Unternehmen kurzerhand selbst.

Damals waren die Mitarbeiter von der Angst getrieben, keinen neuen Job zu finden - die Abwicklungspolitik der Treuhand hatte zu der Zeit dafür gesorgt, dass tausende Facharbeiter auf der Straße standen. Heute ist die Situation eine andere: Fachkräfte sind gesucht, und einige der Union-Beschäftigten haben nach Betriebsratsangaben bereits gekündigt, weil sie ein gutes Angebot von einem anderen Unternehmen erhalten haben. Der Großteil der Belegschaft, so sagt es Betriebsrats-Chef Friemel, halte der Union bisher aber noch die Treue. "Wir sind arbeitsfähig, auch wenn Herkules einiges dafür getan hat, dass wir nicht mehr viel zu tun haben", sagt er.

Ideal wäre, da sind sich Betriebsrat und IG Metall einig, wenn die Verantwortlichen der Konzernmutter Herkules dazu bereit wären, Maschinen und Know-how in der Union zu belassen. "Bohrwerke kann man nach wie vor verkaufen, und der Standort Chemnitz bietet genügend Potenzial", so IG-Metall-Chef Mario John.

Doch wird Herkules dabei mitspielen? Fragen der "Freien Presse" sowohl an die Geschäftsführung der Union in Chemnitz als auch an die Konzernmutter in Siegen blieben bis zum gestrigen Tag unbeantwortet. Die Verantwortlichen äußerten sich weder zu den Vorwürfen von Gewerkschaftsseite zum befürchteten Ausverkauf noch dazu, ob man bereit wäre, dem traditionsreichen Chemnitzer Werkzeugmaschinenhersteller nach 167 Jahren der Existenz auch eine Zukunft zu ermöglichen.

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1Kommentare
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  • 10
    5
    701726
    09.10.2019

    Der Osten wurde nach 1945 demontiert , dann haben wir 40 Jahre Reparationen
    bezahlt, dann wurde unsere Wirtschaft durch die Treuhand für 1,00 Euro verkauft und seit der Wende bereichern sich immer noch sogenannte Investoren.



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