Virtuos bis in die Zehenspitzen

Der Hornist Felix Klieser begeisterte beim 9. Sinfoniekonzert der Robert-Schumann-Philharmonie, das spannungsreich Klassik und Moderne verband.

Felix Klieser ist ein Ausnahme-Hornist. Der ohne Arme geborene Musiker spielt sein auf einem Gestell befestigtes Instrument mit den Füßen. Im 9. Sinfoniekonzert der Robert-Schumann-Philharmonie am Mittwoch und Donnerstag im Großen Saal der Stadthalle brillierte Klieser gefühlvoll mit dem Konzert für Horn und Orchester Nr. 1 Es-Dur op. 11, das Richard Strauss als junger Mann für seinen Vater, einen der führenden Hornisten seiner Zeit, geschrieben hatte. Es gilt als eines der Referenzkonzerte für Hornisten. Und Felix Klieser überzeugte mit weichen, gebundenen, verhaltenen Passagen und im harmonischen Zusammenspiel mit dem vom estnischen Dirigenten Olari Elts schnörkellos, aber bestimmt geführten Orchester. Neben der wunderbaren Musik war dieser Teil des sehr gut besuchten, aber nicht ganz ausverkauften Konzertes auch ermutigendes Zeichen für eine Welt der Möglichkeiten, in der Menschen (fast) alles erreichen können, wenn sie es wollen und die richtigen Lehrer und Förderer haben.

Doch das Sinfoniekonzert schlug mit seinem kontrastreichen Programm auch einen Bogen von der Welt der Möglichkeiten zur gefährdeten Welt von heute. Felix Schrekers (1878 bis 1934) Vorspiel zu dem "Drama für großes Orchester" nach dem Stück "Die Gezeichneten" von Frank Wedekind eröffnete den Abend mit einem ganz anderen Künstlerbild. Hauptfigur ist der "hässliche", missgebildete Künstler Alviano, der auf einer Insel seinen Gelüsten nachgeht, dennoch die wahre Liebe kennenlernt, am Ende aber tötet und wahnsinnig wird. Das Vorspiel zum Drama nimmt alle Konflikte vorweg. In seiner von vielen symbolistischen Kontrasten geprägten Dynamik, von innehaltender Besonnenheit bis zum ekstatischen Aufschrei, zeichnet die Komposition das Bild einer verkommenen Welt, durch die Olari Elts das Orchester mit gebremstem Pathos führt. Eine Stimmung, die auf ganz andere Art auch das Prèlude für großes Orchester "Photoptosis" (griechisch: Lichteinfall) von Bernd Alois Zimmermann (1918 bis 1970) aufnimmt. Inspiriert von einer monochromen blauen Wand, die Yves Klein für ein Theater in Gelsenkirchen gestaltet hatte, lässt Zimmermann in seinem Werk, in dem er viele musikalische Zitate - unter anderem von Tschaikowsky, Wagner und Skrjabin - verarbeitet, das Licht "klingen". Eine Herausforderung für das Orchester, die es hervorragend meistert. Von der schwebenden Romantik eines Sonnenaufgangs bis zur alles zerstörenden Explosion eines Feuerballs, vom punktgenauen Schlagwerk bis zum dissonanten Minimalismus drängt sich in wenigen Minuten eine ganze Welt. Die wird mit der abschließenden Sinfonie Nr. 40 g-Moll von Wolfgang Amadeus Mozart wieder versöhnt, auch wenn sie etwas hastig dem Ende zueilt und fast unscheinbar ausklingt. Bleibt eben noch alles offen in der Welt - es gab viel Applaus.


Musiker bei Kindern im Terra-Nova-Campus zu Gast

Nach den Auftritten am Mittwoch und Donnerstag besuchte Felix Klieser gestern Vormittag den Terra-Nova-Campus der Körperbehindertenschule an der Heinrich-Schütz-Straße und gab ein persönliches Konzert für die Schüler. Auf seinem Instrument spielte er die Horn-Sonate von Beethoven und beantwortete anschließend zahlreiche Fragen der Kinder und Jugendlichen. Sie wollten unter anderem wissen, ob er mit seiner Musik schon viele Preise gewonnen hat, wie lange er üben musste, um so gut zu spielen und wie lang ein ausgerolltes Horn wäre.

Bei der Musik gehe es, anders als im Sport, nicht darum, der Beste zu sein, antwortete Klieser auf die erste Frage. Dennoch trainiere er so oft und intensiv wie ein Profifußballer: Mehrere Stunden jeden Tag, und das seit er vier Jahre alt ist. Und ein Horn komme in ganzer Länge auf satte 4,50 Meter. Wieso Klieser keine Arme hat, wollte ein anderer Schüler unverblümt wissen. "Eine Laune der Natur", lautete die Antwort. "Manche Menschen sind groß, andere klein, und ich habe eben keine Arme." Zum Abschluss unterschrieb Klieser Autogrammkarten - mit dem Fuß. (schab)

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