"Vorhandenen Straßenraum umverteilen" 

Chemnitz diskutiert: Auf Einladung der "Freien Presse" haben 17 Chemnitzerinnen und Chemnitzer an drei Tischen über den Verkehr und die Mobilität in der Stadt debattiert. Hier der Gesprächsverlauf an Tisch Nummer eins. 

Der Moderator und Lokalchef der "Freien Presse" Chemnitz, Swen Uhlig, möchte zunächst von den Diskutanten wissen, was sie im Straßenverkehr in der Stadt am meisten stört.

Sebastian Arndt: Ich als Radfahrer mag die Ellbogengesellschaft der Autofahrer nicht. Sie fahren mit Vollgas auf die rote Ampel zu und drehen ihren Motor laut auf, wenn sie Radfahrer überholen.


Nino Micklich: Da sind wir beim Thema sichere Fahrradwege.

Sebastian Arndt: Ich fühle mich mit dem Rad sicher auf der Straße. Ich rechne mit Fehlern der anderen.

Maria Greif: Junge Leute haben ja auch schnellere Reaktionen. In Chemnitz ist mir kein Beispiel bekannt, wo ein durchgängiger Radweg gebaut wird, es geht immer nur stückchenweise voran, wie an der Bernsdorfer Straße. Dort verläuft der Radweg teilweise auf dem Gehweg, manchmal gibt es gar keinen Radweg. Einen sehr guten Radweg gibt es an der Uferstraße in Gablenz, nur im Bereich der Geibelstraße geht es gefährlich zu. Ich vermisse zudem an vielen Haltestellen Raum zum Abstellen für Fahrräder und Autos.

Nino Micklich: In der Stadtverwaltung gibt es nur eine halbe Stelle für die Planung von Radwegen. Das erklärt stark den Ist-Zustand der Wege. Das Thema hat nirgends Priorität.

Wolfgang Reiter: Ich bin für den Schutz der Radfahrer und für Radwege. Aber 90 Prozent der Radler fahren auf dem Fußweg. Wer schützt die Älteren, die dort unterwegs sind? Junge Leute mit Handy in der Hand gehen bei Rot über die Fußgängerampel. Wenn man was sagt, wird man angeschnauzt. Über den Markt fahren die Radfahrer und steigen nicht ab. Es gibt für all das keine Kontrolle, aber die Disziplin wird runtergefahren. Wir müssen gegenseitig Rücksicht nehmen.

Bert Hippmann: Ich kann nachvollziehen, was Sie sagen, das ist aber zu abstrakt. Es gibt auch ältere Leute, die im Bus rabiat auftreten. Ich nehme in Chemnitz im Vergleich zu anderen Großstädten eine gewisse Unentspanntheit wahr, das trifft auch auf den Verkehr zu. Gut finde ich den Ringbus - eine feine Sache. Der fehlende Fernbahnanschluss wertet die Stadt dagegen ab.

In die Gesprächsrunde kommt Experte Thomas Lörinczy vom Fahrradclub ADFC.

Thomas Lörinczy: Dass so viele Radfahrer Fußwege in Chemnitz nutzen liegt vielleicht daran, dass sie sich auf den Straßen nicht wohlfühlen. Wenn dort kein Weg für sie reserviert ist, weichen sie auf Fußwege aus. Der ADFC sagt nicht, dass sie das tun sollen. Er appelliert an den Mut der Radfahrer und hat eine Botschaft an die Autofahrer: Geht vom Gas! In Chemnitz ist es sehr viel einfacher mit dem Auto zu fahren als in Dresden. Das ist eine Radfahrerstadt. Deshalb raten wir den Chemnitzer Radlern, auch für kleine Strecken das Rad zu nehmen, damit der Anteil der Radfahrer steigt.

Jetzt kommt auch Experte Helmut Büschke vom ADAC an den Tisch. Er erklärt, warum Chemnitz als Autofahrerstadt gilt.

Helmut Büschke: Das Straßennetz in der Stadt ist historisch gewachsen. Als der Wohlstand wuchs, haben sich viele ein Auto angeschafft. Hinzu kommt ein hoher Anteil Älterer, die bestimmte Strecken nur mit dem Auto zurücklegen können. Dann gibt es viele Gegenden, wo kaum ein Bus fährt und ein Auto für die Teilhabe am kulturellen Leben nötig ist. Außerdem gibt es in Chemnitz auch Steigungen, was den geringen Radfahreranteil erklärt. Die Beliebtheit des Autos wird bleiben. Die E-Bikes sind unfallträchtig aufgrund der Geschwindigkeiten, die man mit ihnen erreicht.

Nino Micklich: Das ist eine sehr einseitige Darstellung. Was sagt der ADAC denn zur fahrradfreundlichen Stadt Chemnitz?

Helmut Büschke: Die Radwege müssten attraktiver gemacht werden. Auf Straßen eine Fahrspur wegzunehmen - damit wäre ich vorsichtig. Viele Autofahrer sind beruflich mit ihrem Wagen unterwegs und kurbeln die Wirtschaft an. Und der Radfahreranteil in Chemnitz liegt bei nur vier Prozent.

Wolfgang Reiter: Es gibt breite Fußwege. Die könnte man für Radfahrer teilen. Die Stadt sollte sich Gedanken machen, welche Bürgersteige dafür in Frage kommen.

Sebastian Arndt: Es ist wichtig, den Leuten beizubringen, wie man ordentlich Rad fährt: Offensiv, um Autofahrern zeigen, dass man gleichberechtigt ist, aber defensiv in der Einstellung. Als Radfahrer sollte man sich auf der Straße Platz nehmen, nicht nah am Bordstein fahren.

Maria Greif: Das ist gefährlich. Ich fahre gern auf der Straße, nur dort nicht, wo Autos parken.

Wilfried Rudolph: Chemnitz ist keine Radfahrerstadt, aber man bemüht sich mit dem Anlegen von Radstreifen und -wegen. Mich stört vielmehr, wenn Leute nicht blinken.

Bert Hippmann: Mich stören die hohen Preise im überregionalen Nahverkehr. Da nehme ich dann lieber das Auto. Im Chemnitzer Nahverkehr sind die Preise in Ordnung, das kann also kein Grund sein, Bus und Bahn nicht zu nutzen. Als Stadtbewohner finde ich das ÖPNV-Angebot in Ordnung. Ich kann aber nicht sagen, wie das etwa am Stadtrand in Euba ist.

Maria Greif: Adelsberg wurde bei der Anbindung mit Bussen fast vergessen. Es gibt eine Linie, da macht man fast eine Stadtrundfahrt. Und bei der anderen Linie muss man in Bernsdorf umsteigen, um in die Stadt zu fahren. Die Leute dort nehmen Autos. Andererseits ist Rabenstein sehr gut angebunden, Kleinolbersdorf-Altenhain dagegen wiederum schlecht. Ganz besonders schlimm sieht es im unteren Adelsberg aus. Dort fährt auch kein Ringbus. Man könnte das Gebiet jedoch an die Straßenbahn anbinden, indem man die Bahn durch das in der Nähe befindliche Betriebsgelände der CVAG führt und eine Haltestelle am oberen Ende errichtet.

Zur Diskussionsrunde stößt Expertin Marlen Gabriele Arnold von der TU Chemnitz.

Marlen Gabriele Arnold: Ein besserer Takt im Nahverkehr und gute Umsteigemöglichkeiten führen nicht zwingend dazu, dass mehr Menschen Bus und Bahn nutzen. Das geschieht eher durch Brüche im Leben: ein neuer Beruf, Änderungen in der Familie, finanzielle Aspekte wie der Verzicht auf ein Auto. Auf diese Dinge haben Entscheider wie eine Stadtverwaltung keinen Einfluss. Auf andere Dinge jedoch. Wenn es an der Kita oder der Grundschule keine Autoparkplätze aber Abstellmöglichkeiten für Fahrräder gibt, kommen die Eltern nicht mehr mit dem Auto, sondern nehmen das Rad oder den ÖPNV. Es müssen also Anreize geschaffen werden, das Auto stehen zu lassen. Man kann den Parkraum künstlich verteuern und die Parkplätze reduzieren.

Sebastian Arndt: Das deckt sich mit einer Studie, nach der in Chemnitz gern mit dem Auto gefahren wird, weil die Infrastruktur dafür da ist. Würde man dagegen Radwege schaffen, würde der Radfahreranteil steigen. Deshalb bin ich dafür, den vorhandenen Straßenraum umzuverteilen und etwa eine Fahrspur wegzunehmen. Auf der Annaberger Straße sieht man, wie das geht.

Experte Alexander Kirste vom Tiefbauamt der Stadtverwaltung kommt in die Gesprächsrunde.

Alexander Kirste: Das Personal für die Radwege in der Verwaltung wird aufgestockt. Dafür gibt es einen Stadtratsbeschluss. Dieses Jahr wird eine Stelle für die Radwegeplanung geschaffen, 2020 kommt eine halbe Stelle hinzu. Ich hoffe, dass Sie die Auswirkungen schnell und deutlich merken. Dass es keine durchgehenden Radwege in der Stadt gibt, stimmt. Das ist eine unschöne Situation. Wir können Verkehrsanlagen aus personellen und finanziellen Gründen aber nur lückenhaft planen und bauen. Wir können keinen großen Wurf machen. Das tut mir als Planer auch weh. Eine Reduktion von Fahrspuren ist auch eine emotionale Komponente. Ich kann nicht einfach etwas wegnehmen, ich muss auch eine Alternative bieten. Und es muss einen politischen Konsens geben.

Wilfried Rudolph: Das ist die Wahrheit. Es geht immer um Abwägungsprozesse. Und Mehrheiten zu finden, ist schwierig.

Nino Micklich: Was mir auch nicht gefällt, sind Autos, die auf dem Kaßberg auf Fußwegen stehen. Kinderwagen können dort nicht fahren.

Maria Greif: Dort wird geparkt, wo es geht. Aber in diesen kleinen Nebenstraßen wird sehr rücksichtsvoll gefahren.

Nino Micklich: Mann kann ja auch mal ein bisschen spinnen. Dann würde ich das Parken an der Weststraße nur noch für Carsharing-Autos erlauben.

Sebastian Arndt: Es gibt kein Grundrecht auf Parken.

Nino Micklich: So funktioniert aber die Praxis nicht.

Alexander Kirste: Die zur Verfügung stehende öffentliche Fläche ist massiv begrenzt. Man sollte Sharing-Angebote stärken, Parken über eine Parkraumbewirtschaftung und Parkgaragen anders organisieren, ein Gesamtpaket schnüren. Der Kaßberg ist nah am Innenstadtring. Ein Großteil der Menschen hat noch nicht die Erkenntnis, kein Auto in Privatbesitz zu benötigen.

Sebastian Arndt: Es sieht furchtbar aus auf dem Kaßberg. Überall stehen Autos. Dabei ist die Stadt zum Leben da, nicht für Autos.

Alexander Kirste: Es gibt kein Recht auf einen Stellplatz. Damit haben Sie absolut Recht.

Bert Hippmann: Ich habe eine Vision für ein verkehrstechnisches Prestigeobjekt: eine Seilbahn auf den Kaßberg. Als Stadt sollte man sich etwas gönnen, wenn der Bürger das will und Highlights schaffen. Auch eine Straßenbahn, die die Zietenstraße auf dem Sonnenberg hoch und runter fährt, kann ich mir vorstellen. Chemnitz braucht Visionen.

Maria Greif: Die Seilbahn könnte auch vom Schloßberg über den Schloßteich zum Kaßberg fahren.

Wilfried Rudolph: Das Chemnitzer Modell ist schon etwas richtig Gutes, damit kann man punkten. Das ist Zukunft und eine Vision. Aber man muss vorsichtig sein. Die Autolobby hat das Sagen.

Nino Micklich: Gut wäre auch eine Fußgänger- und Fahrradbrücke von der Einmündung der Zschopauer Straße über die Bahnhofstraße zum Johannisplatz.

 

 


Die Expertin

Prof. Dr. Marlen Gabriele Arnold ist Inhaberin des Lehrstuhls Betriebswirtschaftslehre - Betriebliche Umweltökonomie und Nachhaltigkeit an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Technischen Universität (TU) Chemnitz. Seit 2016 hat die 43-Jährige die Professur inne und beschäftigt sich unter anderem mit Geschäftsmodellen von und für Unternehmen in Bezug auf Nachhaltigkeit, etwa im Bereich Mobilität. Die gebürtige Berlinerin hat in Münster studiert und in Oldenburg promoviert. Sie arbeitete unter anderem an der TU München und der Uni Vaasa in Finnland. Zur Arbeit radelt sie, fährt aber auch Auto. (hfn)

 

 


Die Gesprächsteilnehmer

Bert Hippmann ist 46 Jahre alt, wurde in Karl-Marx-Stadt geboren und arbeitet im Sozialamt der Stadtverwaltung. Er fährt kein Auto, sondern nutzt das Fahrrad und ist zudem mit dem Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) unterwegs. Ihn beschäftigt jedoch auch der Bahn-Fernverkehr. Bert Hippmann wohnt auf dem Kaßberg.


Nino Micklich ist 33 Jahre alt und erledigt 80 Prozent seiner Wege mit dem Fahrrad. Für den Rest nutzt er Car-Sharing-Angebote. Er besitzt kein Auto. Micklich beschäftigt sich intensiv mit dem Fahrradverkehr in der Stadt und damit, wie Chemnitz fahrradfreundlicher wird. Er sagt, dass er sich als Radfahrer in vielen Teilen von Chemnitz nicht wohl fühlt. Micklich wohnt am Rand des Kaßbergs und ist für den Verein ASA-FF tätig. Er beschäftigt sich mit dem Projekt Marx-Mobil, das nachhaltige Mobilität auf dem Sonnenberg fördern will.


Maria Greif ist 69 Jahre alt, Rentnerin und wohnt in Gablenz. Sie ist viel mit der Straßenbahn unterwegs, weniger mit dem Bus. Mit dem Rad erledigt sie im Sommer ihre Einkäufe. Maria Greif fährt kein Auto, ihre Familie teilt sich zu dritt einen Wagen. Die studierte Ingenieurin, die bei Robotron arbeitete, sagt, dass sie vorsichtig mit dem Fahrrad unterwegs ist. Sie kritisiert, dass durchgängige Radwege fehlen.


Wolfgang Reiter ist 89 Jahre alt und lebt im Lutherviertel. Der Rentner nutzt den Nahverkehr und fährt selten mit dem Auto. Reiter, der als Sicherheitsinspektor und für die Polizei arbeitete, ärgert mit Blick auf die zahlreichen Unfälle die Unvernunft im Straßenverkehr. Grundvoraussetzung sei die gegenseitige Rücksichtnahme, sagt er. Rücksichtsloses Verhalten gehe beim Parken los, so Reiter.


Sebastian Arndt ist 25 Jahre alt und wohnt in Bernsdorf. Er bezeichnet sich selbst als Alltagsradfahrer und erledigt alle Wege mit dem Rad. Arndt, der sich beruflich mit kleineren Projekten beschäftigt, besitzt mehrere Fahrräder. Er nutzt auch den öffentlichen Personennahverkehr, mit dem er nach eigenem Bekunden zufrieden ist. Arndt sagt, dass man in Chemnitz kein Auto benötigt.


Wilfried Rudolph ist 75 Jahre alt. Der Rentner fährt viel mit dem Fahrrad, ist möglichst täglich im Stadtpark unterwegs, nutzt aber auch das Auto. Der Absolvent der Verkehrshochschule Dresden, der in Bernsdorf wohnt und im Regierungspräsidium arbeitete, beschäftigt sich mit dem Eisenbahnfernverkehr in Chemnitz. Das sei sein Hauptthema. Rudolph betont, dass er gern in der Stadt lebt. (hfn)

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