Wachsender Antisemitismus bereitet zunehmend Unbehagen

Mit einer Mahnwache hat der Freundeskreis der Jüdischen Gemeinde an Opfer des Holocausts erinnert - und um Unterstützung für ein Projekt in Chemnitz geworben.

Etwa 3500 Kilometer südöstlich von Chemnitz stand Donnerstagvormittag das öffentliche Leben für zwei Minuten still. In Israel heulten landesweit die Sirenen, Fußgänger blieben stehen, Autofahrer stoppten und stiegen aus. Jom HaShoah heißt der Tag, an dem das Land der sechs Millionen Juden gedenkt, die während des Holocaust von den deutschen Nationalsozialisten und ihren Helfern ermordet wurden.

In Chemnitz rollt zur selben Stunde der Autoverkehr wie immer über die Theaterstraße, Passanten eilen ihrer Wege. Nur der Mann vom Paketdienst kommt nicht so recht voran mit seinem Transporter, weil vorm Sporthochhaus sich Mitglieder des Freundeskreises der Jüdischen Gemeinde zu einer Mahnwache versammelt haben. Dort, wo drei sogenannte Stolpersteine an das Schicksal von Familie Rosenfeld erinnern. Vater, Mutter und die 30 Jahre alte Tochter wurden 1943 in Vernichtungslagern ermordet.


Seit sieben Jahren hält der aus dem Förderverein zum Bau der Neuen Synagoge hervorgegangene Freundeskreis an Jom HaShoah solche Mahnwachen ab, immer an einem anderen Ort. "Dort, wo es einen Bezug zur Geschichte der Gemeinde gibt, oder wo - wie hier - viele Menschen unterwegs sind", erläutert Siegfried Bayer, der Sprecher des Freundeskreises. Stärker als früher allerdings treibe ihn heute die Sorge um, dass Wachsamkeit und Erinnerung zunehmend schwinden, so Bayer. Verschiedene Aussagen insbesondere von Politikern der AfD hätten deutlich gemacht, dass eine aktive Umdeutung des Nationalsozialismus begonnen habe. "Was zudem oft vergessen wird: Die Opfer, um die es hier geht, waren Chemnitzer, die hier ihre Steuern gezahlt haben, oft Kunst und Kultur förderten."

Doch es gibt offenbar auch Entwicklungen, die für ein allmählich wieder wachsendes Bewusstsein sprechen. Der Chemnitzer Gästeführer Udo Meyer etwa berichtet von einem steigenden Interesse bei Lehrern und Schülern an geführten Touren über den Jüdischen Friedhof in Altendorf. Petra Zais, Stadträtin und Landtagsabgeordnete von Bündnis 90/Grüne und ebenfalls Mitglied im Freundeskreis, freut sich, dass ab September in Chemnitz, Leipzig und Dresden wieder jüdischer Religionsunterricht an Schulen angeboten werden soll. "Auch das zeigt, dass jüdisches Leben in Sachsen wieder Normalität wird", sagte sie. Dennoch sei nach den Ereignissen in Chemnitz im August vergangenen Jahres einschließlich des Angriffs auf das Restaurant "Schalom" die Mahnwache in diesem Jahr "etwas Besonderes", so Zais.

Welche Folgen zunehmende antisemitische Ressentiments haben können, hat Frank Müller-Rosentritt im eigenen Bekanntenkreis erfahren. Eine befreundete Familie sei kürzlich deswegen von Berlin in die Schweiz gezogen, berichtet der Chemnitzer FDP-Bundestagsabgeordnete. Andere jüdische Familien meldeten ihre Kinder aus öffentlichen Einrichtungen ab, um sie in jüdischen Kindergärten betreuen zu lassen. "Diese wiederum müssen von der Polizei bewacht werden. Das ist nicht das Land, in dem ich leben will", so Müller-Rosentritt.

Um das Bewusstsein für die Geschichte der Judenverfolgung in der NS-Zeit zu schärfen, sollte das Thema nicht zuletzt an den Schulen eine größere Rolle spielen, fordert der FDP-Politiker - beispielsweise jedes Jahr anlässlich des Holocaustgedenktags. "Eine entsprechende Initiative könnte ja von Chemnitz ausgehen", regte er an. "Das würde der Stadt sicher gut zu Gesicht stehen."

Den Freundeskreis der Jüdischen Gemeinde beschäftigt derweil ein weiteres Projekt: die Rettung vom Verfall bedrohter Grabmale auf dem Jüdischen Friedhof. Weil die Jüdische Gemeinde die Kosten dafür allein nicht stemmen kann, sei bei der Volksbank Chemnitz eine Crowdfunding-Aktion gestartet worden, sagt Beate Legler, Mitarbeiterin der Gemeinde. Auf diese Weise sollen Spenden akquiriert werden.


Die Rosenfelds von nebenan - Das Schicksal einer jüdischen Familie aus Chemnitz

Die Mahnwache zum Holocaust-Gedenktag fand in Höhe des einstigen Wohnhauses Äußere Klosterstraße 3 statt. Dort, gegenüber dem früheren Stadttheater (Foto: Archiv), waren Markus Rosenfeld (Jg. 1877) und dessen Frau Jacheta zu Hause. Die Familie betrieb laut Historikern zwei Geschäfte - eines für Wirkwaren, eines für Untertrikotagen und modische Accessoires. 1912 wurde ihre Tochter Amalie (genannt Mally) geboren, die die Höhere Mädchenschule besuchte.

Mit ihrem Mann, einem aus Amsterdam stammenden Kaufmann, zog Mally Rosenfeld 1935 in die Niederlande. Vier Jahre später emigrierten ihre Eltern dorthin. 1943 wurden Markus und Jacheta Rosenfeld im Lager Westerbork interniert und noch im gleichen Jahr im Vernichtungslager Sobibor ermordet. Ihre Tochter wurde ebenfalls nach Westerbork verschleppt und 1943 im Alter von 30 Jahren im Vernichtungslager Auschwitz umgebracht. (fp)

Bewertung des Artikels: Ø 2.7 Sterne bei 3 Bewertungen
14Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    1
    franzudo2013
    03.05.2019

    Eine deutsche Regierung, die die Feinde Israels finanziert, gönnt sich ein Feigenblatt in Form eines Antisemitismusbeauftragten. Warum klingt dessen Titel nur so doppeldeutig?

  • 2
    4
    Malleo
    03.05.2019

    black.. Der Zentralrat der Juden ist besorgt,
    der Verfassungsschutz ist über den Antisemitismus im Islamismus besorgt....
    Extremistisches Gedankengut und deren strafwürdige Folgen kann man per Gesetz ahnden, verbieten kann man es nicht.
    Leider.

  • 3
    7
    Hinterfragt
    03.05.2019

    "...Interessierte...Blacksheep, Tomboy und Hinterfragt. .." ich gehe mal von aus, dass das anatomisch irgendwie schon mal nicht geht - zumindest von meiner Seite aus ;-)

  • 5
    5
    ainotna1999
    03.05.2019

    Für solche Kommentare kann man nicht noch Geld bekommen

  • 4
    9
    Interessierte
    03.05.2019

    Da fehlen aber noch zwei-drei Personen ....;-)

  • 6
    6
    DTRFC2005
    03.05.2019

    @Interessierte: Genau dieselbe Frage stelle ich mir bei Ihnen, Blacksheep, Tomboy und Hinterfragt. Das würde aber bedeuten, das eine Person zu viel Geld übrig hat oder gar bezahlt wird, mehrere Abos zu unterhalten um Kommentare an den richtigen Stellen zu plazieren.

  • 6
    4
    Distelblüte
    03.05.2019

    Nein.

  • 6
    13
    Interessierte
    03.05.2019

    Sie haben nicht zufällig zwei Handys und schreiben abwechseln als Blackadder ?

  • 11
    5
    Distelblüte
    03.05.2019

    @Interessierte: Schauen Sie genau hin. Beugen Sie sich herunter, um die Inschriften zu lesen. Das bezwecken die Stolpersteine: sich verbeugen vor dem erlittenen Leid.

  • 2
    11
    Interessierte
    03.05.2019

    Das habe ich noch nie gesehen , dass dort ein Gedenkstein liegt ...
    Diese Steine sollten farbig etwas abstechen vom Boden wie auch vor der Sparkasse

  • 9
    10
    DTRFC2005
    03.05.2019

    @Blackadder: Ich habe zu dem Artikel über Plauen ohnehin keine Worte gefunden und die zu den Komentatoren, denen die Anzahl der Fackeln wichtiger waren, als das Ereignis, welches mal wieder zeigt, das der Staat entweder keinen Handlungsbedarf sieht (oder bewusst wegschaut ? ). Eines finde ich aber sehr spannend. Während sich der dritte Weg usw. offen seine Gesínnung zeigt, scheint die Wählerschaft der AFD doch eher von Furcht getrieben zu sein. Anders kann ich mir die paar Leutchen bei der AFD Veranstaltung am 1.Mai in Chemnitz nicht erklären. Ich frage mich nur wovor.

  • 11
    3
    KatharinaWeyandt
    03.05.2019

    Gut, dass es diese Aktion gibt und darüber berichtet wird. Ich habe auch gestern an die jüdische Familie vom Lessingplatz 12 gedacht, für die wir vor zwei Jahren Stolpersteine gelegt haben.

  • 11
    12
    Blackadder
    03.05.2019

    Der Zentralrat der Juden hat sich auch gestern extrem besorgt über die Bilder aus Plauen gezeigt, während viele Kommentatoren hier ja kein Problem damit hatten.

  • 17
    4
    DTRFC2005
    03.05.2019

    Und da gibt es doch tatsächlich Leute, die denken immer noch, das diese vielen Millionen Menschen nicht ermordet wurden. Zu so viel Ignoranz finde ich persönlich nicht den passenden emotionalen Begriff dazu.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...