Warum Chemnitzer wegen Südfrüchten Schlange stehen

Ein Stand auf dem Wochenmarkt ist derart beliebt, dass Kunden anderthalb Stunden warten. Ein bisschen erinnert das Bild an frühere Zeiten.

Mittwoch, kurz nach 9 Uhr, gibt es zwei Sorten Menschen am Roten Turm. Die einen, die sich wundern und die Augen reiben, und die anderen, die wissen, was sie da tun. Bis zum Mittag stehen konstant mindestens 50 Menschen in einer Schlange an einem der Wochenmarktstände an. Wer nicht weiß, was es dort gibt, läuft verwundert vorbei. Manche machen sogar Fotos.

Gefragt, was sie da tun, antworten die Menschen in der Schlange unisono: "Wir stehen nach Apfelsinen an." Marion Fischer, die gerade dran war, berichtet, es handele sich "um unbehandelte Südfrüchte" - Orangen, Mandarinen und Zitronen-, die der Händler direkt aus Spanien beziehe. "Außerdem ist er ein Unikat als Verkäufer, sehr freundlich und er hat immer denselben kaputten Strohhut auf", weiß die Chemnitzerin zu berichten. Seit Ende Oktober stehe der Händler immer mittwochs auf dem Markt. "Heute habe ich anderthalb Stunden angestanden", so die 68-Jährige. Sie kaufe schon seit vier Jahren bei dem Herrn ein. Er habe mit einem Tisch auf dem Markt angefangen, an dem er die Leute kosten ließ. Ob es ihr komisch vorkomme, heutzutage so lange nach Obst anzustehen? Nein, sagt Fischer, auch heute müsse man nach solchen Angeboten suchen.

Ebenfalls anderthalb Stunden angestanden hat ein Paar, das jede Woche kommt. Vier Kilo Orangen habe er gekauft, sagt der 78-jährige Mann. Man kaufe immer für die Kinder mit. Ob er beim Anstehen an DDR-Zeiten denken müsse? Nein, winkt er ab, sagt dann aber: "Wir machen schon unsere Scherze." Noch weit hinten in der Schlange steht eine 69-Jährige, die ebenfalls jede Woche komme. Die Wartezeit sei Weihnachten geschuldet. Sonst warte man nur zehn bis 15 Minuten, manchmal gar nicht. An die DDR-Zeit fühle auch sie sich nicht erinnert. Schließlich stehe sie ohne Not an, die Orangen seien einfach günstiger als im Biomarkt. Der Mann neben ihr wirft ein: "Früher gab es manchmal nix mehr, wenn man drankam". Eine Frau weiter vorn in der Schlange erwidert: "Das kann uns hier heute auch passieren."

Der Händler selbst möchte öffentlich lieber nichts sagen: "Ich will nur meine Apfelsinen verkaufen." Am Stand neben ihm gibt es auch Apfelsinen. Sogar Ananas. Aber kein einziger Kunde steht dort. Die Verkäufer werfen grummelige Blicke nach nebenan.

7Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    0
    698236
    26.12.2019

    Hat je jemand die Früchte auf "ökologisch" und unbehandelt geprüft. Ich kenne nur die Rentner, die bei 5 Minuten Wartezeit an den ortsüblichen Supermarktkassen ihre Contenance verlierten und alle Kassierer/innen* zusammenschnitzen, weil die Einkaufsartikel nicht schnell genug über den Scanner gezogen werden.
    Hier wird das Klischee erneut bedient: In Chemnitz wird das verkauft, was subjektiv billig, nein superbillig, verkauft wird. Danach stehen alle Einkäufer schlange - ohne Rücksicht auf Qualität. Nur weiter so!

  • 0
    5
    Interessierte
    20.12.2019

    Wenn Sie das meinen ;-)
    Aber ich werde bestimmt nicht so …
    Aber diese 14 Leute hier , die stellen sich da bestimmt mal mit an oder stehen heute schon !
    Wie lange steht denn der Mann schon , ich kenne den Stand überhaupt nicht ….

  • 15
    4
    osgar
    19.12.2019

    Sie sind es jetzt schon.

  • 3
    14
    Interessierte
    19.12.2019

    Wie sich das doch über Generationen so wiederholt ….
    Ob ich denn auch mal so werde , wenn ich 68 und älter bin ???

  • 22
    5
    KatharinaWeyandt
    19.12.2019

    Ich freue mich auch über den Artikel. Ich habe das gestern gesehen und kannte den Händler und war direkt gerührt, was die Leute auf sich nehmen, um unbehandelte Früchte zu kaufen. Da kann der sächsische Bauernverband hoffnungsfroh sein, wenn die Nachfrage so groß ist.

  • 12
    8
    Interessierte
    19.12.2019

    Ist doch schön , da kann man è bissl` quatschen , da erfährt man immer das Neueste , so wie früher , wenn die um 7 Uhr schon beim Bäcker standen ; das geht also auch noch 2 Generationen später so ...

  • 27
    7
    fpleser
    19.12.2019

    schöner Artikel, Wenn man da ansteht kann man wunderbar entschleunigen, das täte vielen in der Gesellschaft gut. Bei drei Leuten an der Supermarktkasse schreit man gleich "Kasse 2!"



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