Warum Lebensmittel draußen am Zaun hängen

Zwei Chemnitzer Frauen wollen Menschen in der Krise helfen. Doch dafür müssen sich Bedürftige vor die Tür begeben.

Ein Spielplatzzaun am Andréplatz auf dem Kaßberg ist jetzt Notlager für Lebensmittel. Seit Mittwochabend hängen an dem Gitter festgebundene Tüten voller Vorräte.

Die Idee, Menschen in der Coronakrise mit kostenlosen Nahrungsmitteln zum Mitnehmen zu versorgen, hatten Mandy Arnold und Constanze Gröer. Die Sozialrichterin und die Inhaberin eines gesundheitlichen Massagestudios und des Treffs "Frauen-Raum" folgten damit einem Beispiel aus Berlin. "Dort gibt es viele freiwillige Initiativen zur Eindämmung von Alltagsarmut", so Constanze Gröer. "Deren Handeln verfolge ich seit Jahren im Netz." Nun brachten die beiden Chemnitzerinnen die ersten Tüten an dem Zaun gegenüber dem Andrégymnasium an. "Man soll nicht meinen, dass auf dem Kaßberg nur reiche Leute leben", so Constanze Gröer. Auch hier gebe es Menschen mit schmalem Geldbeutel und vor allem viele ältere Anwohner.

Doch diese Menschen müssten, wollen sie sich mit den Hilfstüten versorgen, trotz beschränkter Bewegungsfreiheit ihre Wohnungen verlassen. Constanze Gröer dazu: "Das müssen sie auch, um in den Supermarkt zu kommen. Ich halte einen Spaziergang zum Andréplatz für gesundheitsförderlicher, als minutenlang in einer Schlange an der Discounterkasse zu stehen." Sie selbst schaue regelmäßig an dem Zaun nach, ob die Lebensmitteltüten noch brauchbar sind, die dort hängenden Waren nicht vom derzeitigen Nachtfrost ungenießbar oder von Stadtvögeln angepickt wurden.

Lebensmittel, die in der Öffentlichkeit zum Mitnehmen bereitstehen - das Angebot ist auch in Chemnitz nicht neu. Einen weiteren solchen Gabenzaun gebe es am Alternativen Jugendzentrum an der Chemnitztalstraße, hat Constanze Gröer erfahren. Dort steht auch ein öffentlich zugänglicher Lebensmittelschrank. Den hat die 2012 in Berlin gegründete Initiative Foodsharing aufgestellt. 200.000 registrierte Nutzer in Deutschland, Österreich und der Schweiz engagieren sich über eine Onlineplattform gegen die Verschwendung von Lebensmitteln. Auch Constanze Gröer hilft da mit. Weitere solcher kleinen Lebensmittellager gibt es an der Vettersstraße in Uninähe und in einer ausgedienten Telefonzelle an der Peterstraße auf dem Sonnenberg. Gröer hofft nun, dass sich auch viele Spender finden, die am Zaun auf dem Kaßberg frische Waren in Tüten anbinden. Gröer: "Was sie da reinpacken, bleibt den Helfern selbst überlassen."


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