Was Chemnitzer Lehrer zur Kopfnoten-Debatte sagen

Nach einem Urteil des Dresdner Verwaltungsgerichtes steht nun die Frage im Raum, ob die Kopfnoten abgeschafft werden sollen. An Chemnitzer Schulen fällt die Antwort eindeutig aus.

Für Gabriele Käschel kommt das Abschaffen der Kopfnoten nicht in Frage. Nach den Worten der Schulleiterin der Gablenzer Diesterweg-Oberschule sagen sie schließlich viel über die Kompetenzen eines Schülers aus, die nicht mit den Fachnoten in Verbindung stehen. Käschel sagt, dass Kopfnoten nicht dazu dienen, Schüler bloßzustellen, die bei Mitarbeit, Betragen, Ordnung und Fleiß schwächeln, sondern auch einen positiven Vermerk im Zeugnis eines Schülers darstellen, der sich zwar viel Mühe gibt, allerdings seine Probleme in den Hauptfächern hat.

Dem schließt sich Ulf Hörning an, stellvertretender Schulleiter der Pestalozzi-Förderschule auf dem Sonnenberg. Als Förderzentrum mit dem Schwerpunkt Lernen habe die Schule verstärkt mit Schülern zu tun, deren Leistungen in den Hauptfächern weniger überzeugend sind, erklärt er. "Sehr oft spiegeln nicht die Fachnoten, sondern die erteilten Kopfnoten den Ausbildungs- und beruflichen Erfolg wider", schätzt er ein. Daher biete die Förderschule verstärkt Unterstützung bei der Verbesserung und Festigung der Kopfnoten an. So erhielten die Eltern regelmäßig Förderpläne und Entwicklungsberichte, die sie über die Kompetenzentwicklung ihrer Kinder informierten, fügt er hinzu.

Auch der Schulleiter des Sportgymnasiums, Steffen Kamprad, hat eine klare Meinung. "Es wäre ein Unding, die Kopfnoten abzuschaffen", sagt er. Schließlich seien sie als ein Hinweis für die Eltern und für den Schüler selbst gedacht, worin er sich noch verbessern oder sein Verhalten ändern sollte - etwa wenn ein Schüler immer wieder Unterrichtsmaterialien vergisst oder häufig den Unterricht stört. Und da die Kopfnoten von allen in einer Klasse unterrichtenden Lehrern gemeinsam diskutiert werden, sei die Vergabe auch nicht willkürlich, ist Kamprad überzeugt.

Kerstin Klein, Schulleiterin am Gymnasium Einsiedel, plädiert ebenfalls für den Erhalt der Kopfnoten. Allerdings wünsche sie sich, sagt Klein, dass die vier Kategorien differenzierter sind. So fällt nach der sächsischen Schulordnung unter Mitarbeit neben der Beteiligung am Unterricht auch Teamfähigkeit und Kreativität. Außerdem, so Klein, sollten die verwendeten Begriffe überarbeitet werden. Denn was sich hinter Begriffen wie Zivilcourage oder Gemeinsinn verberge, die beide laut Schulordnung zur Kopfnote Betragen zählen, und wie sich diese angemessen bewerten ließen, werde in der Schulordnung nicht erklärt, begründet sie. Dennoch erachtet sie die Kompetenzen als wichtig, die sich hinter diesen Begriffen verbergen. Für künftige Arbeitgeber der Schüler sind Kopfnoten ihrer Ansicht nach von großer Bedeutung.

Etwas kritischer zeigt sich Schulleiterin Martina Schwermer von der Pablo-Neruda-Grundschule auf dem Kaßberg. An ihrer Schule gebe es unter den Lehrern einige, die Kopfnoten befürworten, aber auch Gegner. Sie selbst sei der Meinung, sagt sie, dass sich die vielfältigen Kriterien, die den Kopfnoten innewohnen, nicht mithilfe einer einzelnen Ziffer ausdrücken lassen, wie es in Sachsens Schulordnung momentan vorgesehen ist. Sie hält es für sinnvoller, eine Bewertung der Kopfnoten in Form von wenigen Sätzen vorzunehmen, die genauer erklären, worin die Stärken oder Probleme des Schülers liegen.

Derselben Meinung ist auch der Chemnitzer Stadtschülerschaftsrat. Vorstands-Chef Oliver Sachsze sagt, dass das Thema Kopfnoten zuletzt immer wieder in den Sitzungen des Gremiums zur Sprache kam. "Die Schülersprecher sind sich einig, dass eine Zahl zur Bewertung der Kopfnoten nicht ausreicht", erklärt er. Aber auch sie halten die Kopfnoten für ein wichtiges Indiz für die Kompetenzen der Schüler und sehen eine Beschreibung dieser Kompetenzen in Wortform als sinnvoll an.

Dagegen ist das Thema laut Thomas Brewig vom Kreiselternrat in den Elterngremien noch nicht diskutiert worden. Auf Nachfrage teilt Brewig aber mit, dass die meisten Elternvertreter die Kopfnoten für problematisch halten. Auch er selbst spricht sich für die Abschaffung aus und hält eine Formulierung der Bewertung in Worten für die bessere Lösung.

Den Anstoß für die Debatte lieferte die Klage eines Oberschülers, der sich aufgrund mäßiger Kopfnoten bei der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz benachteiligt fühlte und deshalb ein Zeugnis ohne Kopfnoten beantragt hatte. Im Hauptsacheverfahren im September entschied das Dresdner Verwaltungsgericht, dass die Kopfnoten ein Eingriff in das Recht auf Arbeit sind und eine gesetzliche Regelung in Sachsen bisher fehlt. Der Richterspruch ist aber noch nicht rechtskräftig, die Sächsische Landesregierung geht dagegen vor.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 2 Bewertungen
10Kommentare
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    1
    tbaukhage
    07.11.2019

    @cn...: Meine Kritik hat doch nichts mit Ihrer Meinung oder der von irgend jemand anderem zum Thema Kopfnoten zu tun. Ich kritisiere eine Diskussion, die an dem eigentlichen Fakt - dem Urteil eines Gerichtes - vorbeigeht.
    Ein Gericht urteilt, dass Kopfnoten und Beurteilungen einer gesetzlichen Basis bedürfen. Kultus weigert sich permanent, dieser Forderung nachzukommen.
    Aber statt sich Gedanken über die Demokratieverweigerung von Kultus zu machen, diskutieren hier einige über den Sinn, Unsinn oder die Objektivität der Kopfnoten.

  • 1
    0
    Haju
    07.11.2019

    Es diskutieren Schüler, Eltern, Lehrer und Politiker. Nicht befragt werden die Unternehmen (die sich mancher sicher als staatsmonolithisch wünschen würde). Einem Schüler mit schlechten Kopfnoten könnte aber sehr wohl mit eben diesem gedient sein, wenn er dann ein Unternehmen findet, das die Kopfnoten eher kritisch sieht und keinen besonderen Wert darauf legt.
    Eine Kopfnote 5 in Betragen sagt ja auch tatsächlich weniger aus, als z.B. die verbale Bewertung: „mobbt aus politisch-religiösen Mutmaßungen heraus gegen Lehrer und Schüler“.
    Ich selbst habe gerade in einem ganz anderen Medium (anderes Bundesland) jemand, der von einer „größten Pädophilen-Organisation“ sprach, erfolgreich (mit Löschung seiner Kommentare) aus der Diskussion heraus“gemobbt“. Ich war dabei besonders kreativ (Mitarbeit Note 1 für mich) gegenüber diesem Betragen (Kopfnote 5).

  • 2
    1
    cn3boj00
    06.11.2019

    Gut, zumindest einer hier ist der Meinung, dass man keine eigene Meinung haben darf. Interessant, das lässt tief blicken.

    Noch etwas zur Sache: Zu den Kopfnoten heißt es in §18 der Schulordnung zum Beispiel:
    "Betragen umfasst Aufmerksamkeit, Hilfsbereitschaft, Zivilcourage und angemessenen Umgang mit Konflikten, Rücksichtnahme, Toleranz und Gemeinsinn sowie Selbsteinschätzung."
    Als Bewrtungskriterium heißt es dann weiter:
    "1. sehr gut (1), wenn Betragen, Fleiß, Mitarbeit oder Ordnung des Schülers vorbildlich ausgeprägt ist;
    2. gut (2), wenn Betragen, Fleiß, Mitarbeit oder Ordnung des Schülers stark ausgeprägt ist;..." usw.
    Nun verrate mir doch mal jemand, wie ein Lehrer einschätzt, ob etwa die Zivilcourage samt dem Umgang mit Konflikten eines Schülers (oder gar das heute die Gesellschaft spaltende weil ideologisch besetzte Thema Toleranz) vorbildlich, stark ... unzureichend ausgeprägt ist. Und das so, dass alle Lehrer in Sachsen das auch gleich einschätzen, damit die Note objektiv und transparent wird?
    Ich will Ihre Bemühungen, liebe tbaukhage, ja nicht in Abrede stellen. Und ich übe nicht Kritik an Ihrer Arbeit, das ist ein absolutes Missverständnis. Sie tun ja das, was von Ihnen verlangt wird. Wenn aber der Gesetzgeber zu einem anderen Ergebnis käme wäre das eben auch Demokratie.

  • 1
    3
    cn3boj00
    06.11.2019

    @tbaukhage Warum so aufgeregt? Ich kommentiere hier einen Artikel, genau so wie Sie. Und habe dabei eine etwas andere Meinung. Darf man das nicht?

  • 7
    2
    tbaukhage
    06.11.2019

    @cn3boj00: Ich mache mir gar nichts zu einfach!!! Ich bin eine von denen, die zusammen mit meinen Kollegen zweimal im Jahr die Beurteilung inklusive der Kopfnoten für jeden Schüler unter erheblichem Zeiteinsatz durchsprechen in dem Bemühen, eine gesamtheitliche und möglichst objektive Einschätzung des Verhaltens abzugeben. Und ich habe kein Interesse daran, dass nach stundenlanger Arbeit und massig Hirnschmalz meine Arbeit und die meiner Kollegen durch eine Eltern- oder Schülerklage vor Gericht hinfällig wird.
    Wenn Sie Kritik üben wollen, dann wenden Sie sich bitte an Kultus, die die Schülerberuteilung per Verwaltungsvorschrift festgelegt haben bzw. an die Gerichte, die stattdessen eine gesetzliche Grundlage verlangen - Danke!
    Entweder Kultus schafft die Beurteilungen ab, dann können wir Lehrer uns viel Arbeit und Kraft sparen und anderweitig den Schülern zu gute kommen lassen oder Kultus erarbeitet eine Gesetzesvorlage, bringt sie im Parlament ein und durch und stellt so eine rechtssichere Basis her. Im übrigen würde das der Demokratie in unserem Ländle mehr als gut tun!
    Jedenfalls wird es ein "Weiter so" im Kultus-Gutsherren-Stiel nach dem Gerichtsurteil nicht geben können.

  • 6
    5
    cn3boj00
    06.11.2019

    @tbaukhage, leider machen Sie es sich zu einfach. Man kann die Frage nach einer gesetzlichen Regelung nicht von der er Sinnfälligkeit trennen. Denn es macht keinen Sinn, ein Gesetz zu erlassen, in dem etwas geregelt wird was vielleicht keinen Sinn macht. Die Aussage, dass in der Schulordnung alles geregelt sei, scheint auch nicht zu zutreffen, ich zitiere: "...was sich hinter Begriffen wie Zivilcourage oder Gemeinsinn verberge, die beide laut Schulordnung zur Kopfnote Betragen zählen, und wie sich diese angemessen bewerten ließen, werde in der Schulordnung nicht erklärt".
    Deshalb geht meine Auffassung auch eher dahin, dass sich Kompetenzen nicht objektiv in Noten ausdrücken lassen, wie man es scheinen lassen will. Auch Arbeitgeber müssen im Arbeitszeugnis verbal urteilen, und damit wird von vornherein auch eine gewisse Subjektivität verbunden.
    Das allergrößte Problem sehe ich aber in einer nicht bundeseinheitlichen Regelung. Denn unsere Schüler bleiben nicht alle in Sachsen, sondern bewerben sich bundesweit, wie auch hier (hoffentlich!) mehr Bewerber aus anderen Ländern antreten. Wo bitte ist dann noch ein Bewertungsmaßstab? Aber der werte Herr MP sträubt sich ja hartnäckig wie ein kleines Kind gegen einheitliche Vorgaben beim Thema Bildung. Deshalb würde ich es begrüßen, wenn eine gesetzliche Regelung z.B. Kopfnoten (wenn überhaupt) nur bis Klasse 7 zulässt, aber ab Klasse 8 verbale Beurteilung vorgeschrieben werden.

  • 10
    16
    Distelblüte
    06.11.2019

    "Sie selbst sei der Meinung, sagt sie, dass sich die vielfältigen Kriterien, die den Kopfnoten innewohnen, nicht mithilfe einer einzelnen Ziffer ausdrücken lassen, wie es in Sachsens Schulordnung momentan vorgesehen ist. Sie hält es für sinnvoller, eine Bewertung der Kopfnoten in Form von wenigen Sätzen vorzunehmen, die genauer erklären, worin die Stärken oder Probleme des Schülers liegen."
    Diese Sätze bringen es auf den Punkt.

  • 17
    2
    Pixelghost
    06.11.2019

    @ tbaukhage „ Und wiedereinmal das große Aneinandervorbeidiskutieren... Das Urteil des Verwaltungsgerichts rügt doch nicht die Kopfnoten, sondern die fehlende gesetzliche Grundlage.“

    Genau so ist das. Aber wie wollen Sie das Menschen erklären, die sich nicht die Mühe machen (hat das nicht was mit Fleiß zu tun?) genau hinzuhören, zu recherchieren und das Urteil oder entsprechende Presseveröffentlichungen dazu zu lesen.

    Leider ist diese Verhaltensweise nicht nur bei diesem Thema vorzufinden, sondern auch bei fast allen anderen und noch komplexeren.

  • 19
    2
    tbaukhage
    06.11.2019

    ....sorry, von der Maus abgerutscht...
    Im Augenblick sollen die Lehrer Kopfnoten erteilen, verstoßen damit aber gegen ein geltendes Gerichtsurteil. Die nächsten Klagen von Eltern oder Schülern sind also vorprogrammiert. Auch die Forderungen nach einem Worturteil sind fragwürdig, denn, ich zitiere aus einem anderen Erlass von Kultus, "Auf den Halbjahresinformationen und Zeugnissen müssen die Kopfnoten ab dem Schuljahr 2018/19 nicht mehr durch verbale Einschätzungen ergänzt werden." Der Lehrer steht also nun vor dem Dilemma, Kopfnoten erteilen zu müssen, obwohl diese ungesetzlich sind ergänzt durch ein Worturteil, obwohl dieses nicht mehr erteilt werden muss.
    Es geht also garnicht darum, ob Kopfnoten sinnvoll sind oder nicht (ich halte diese ausdrücklich für sinnvoll!), sondern darum, dass Kultus endlich seine Hausaufgaben machen muss, statt ein ums andere Mal gegen die Urteile der Verwaltungsgerichte zu klagen (und nebenbei gesagt immer wieder Steuergelder zu verschwenden).

  • 23
    2
    tbaukhage
    06.11.2019

    Und wiedereinmal das große Aneinandervorbeidiskutieren... Das Urteil des Verwaltungsgerichts rügt doch nicht die Kopfnoten, sondern die fehlende gesetzliche Grundlage. Kultus hat bisher Kopfnoten erteilt aufgrund einer Verordnung (Sächsische Schulordnung). Aus dieser gehen nicht nur die Notenabstufung, sondern such die Kriterien dafür hervor. Aber genau das hält das Gericht für nicht ausreichend. Die Diskussion ob Kopfnoten oder nicht würde sich erübrigen, wenn Kultus endlich seine Hausaufgaben machen würde, ein entsprechendes Gesetz formuliert und durch die demokratischen Hürden des Parlaments bringt.
    Ein solches Gesetz wäre auch im Sinne der Lehrer.cDenn im Augenblick sollen sie Kopfnoten erteilen,



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