Welche Kultur darf's künftig sein?

Ein Treffen von neuen Stadträten und Vertretern der Kulturszene hat gezeigt, wo in Zukunft die Knackpunkte bei der Arbeit im entsprechenden Ausschuss liegen. Bei einem Thema ruderten AfD-Stadträte zurück.

Suppe, Getränke und sogar Whisky sollen beim monatlichen "Jour fixe Kultur" für eine gelöste Atmosphäre sorgen. Der Freundeskreis Chemnitz 2025, der die Bewerbung als Kulturhauptstadt unterstützt, hatte dieses Mal dafür Mitglieder des Kulturausschusses eingeladen. Nach der Kommunalwahl setzt er sich aus neuen Stadträten zusammen. Sie und Vertreter aus der Chemnitzer Kulturszene saßen sich in der öffentlichen Veranstaltung Anfang der Woche nun erstmals gegenüber. Um ein lockeres Kennenlernen sollte es gehen. Doch die Diskussion förderte eklatante Differenzen zu Tage.

Gekommen waren Sebastian Cedel (Die Partei), Toni Rotter (Fraktion Bündnis 90/Grüne), Volkmar Zschocke (Bündnis 90/Grüne), Klaus Bartl (Linke), Ronald Preuß (AfD), Lars Franke (AfD), Julia Bombien (SPD) und Almut Patt (CDU). Zum Ausschuss gehören noch fünf weitere Räte, darunter Pro-Chemnitz-Chef Martin Kohlmann.

Die neuen Mitglieder betonten, dass sie sich erst einmal ins Thema einarbeiten müssten. Dazu räumten Preuß und Franke ein, keine Kulturexperten zu sein, aber dazulernen zu wollen. Aus dem Publikum wurden sie gefragt, wie sie zur Kulturhauptstadtbewerbung stehen und ob sie weiterhin eine Befragung der Chemnitzer dazu anstreben. Nico Köhler, der stellvertretende Fraktionsvorsitzender der AfD im Stadtrat, hatte nach der Kommunalwahl bekräftigt, er strebe eine Bürgerbefragung zu dem Thema an. "Wir lehnen das Projekt Kulturhauptstadt nicht komplett ab", sagte Preuß. Aber da es um sehr hohe Ausgaben gehe, hätte man es gutgeheißen, die Chemnitzer zu fragen, ob sie das auch möchten. Jedoch, räumten Preuß und Franke ein, sei es nun nach der Abgabe der Bewerbung dafür zu spät. Sie hätten nicht gewusst, wie weit die Bewerbung schon fortgeschritten sei. Die Stadt habe dazu nicht genügend kommuniziert, kritisierte Franke: "Ich bin als Laie zu wenig konfrontiert worden mit dem Thema." Das Publikum und die übrigen Räte machten deutlich, dass sie das ganz anders empfinden.

Weiterhin wurden die Ausschussmitglieder aufgefordert zu erklären, wo sie ihre persönlichen Schwerpunkte in Sachen Kultur sehen. Sebastian Cedel begreift sich als Vertreter der Subkultur, Volkmar Zschocke will Erinnerungskultur stärken und Almut Patt sieht ihr Steckenpferd bei der Hochkultur. Lars Franke sagte, ihn störe, dass die geförderte Kultur oft politisch einseitig sei, nämlich links. "Es muss auch mal rechte Kultur geben", äußerte er. Was genau er damit meint, blieb vage. In den 1990er-Jahren habe es das bereits in einem Jugendclub gegeben, sagte er. Ob er den Club "Piccolo" meint, wollte Stadträtin Julia Bombien daraufhin wissen. Franke bejahte. Bombien zeigte sich empört - der Club war in den 1990er-Jahren ein Treffpunkt der rechtsextremen Szene. "Die sind alle erwachsen und vernünftig geworden", wehrte Franke ab. "...und NSU-Unterstützer", fügte ein Mann im Publikum hinzu. Der Jugendclub stand auf der Telefonliste von einem der drei NSU-Terroristen. Empört sagte Zschocke, Kunst und Kultur seien frei: "Dafür bin ich 1989 auf die Straße gegangen!" Klaus Bartl sagte kopfschüttelnd, die AfD sei es doch, die Kultur für ihr Weltbild missbrauchen wolle, "nicht wir". Auch Almut Patt sprach sich vehement für die Freiheit der Kultur aus. Außerdem sei sie von der CDU; man könne ihr nun wirklich nicht vorwerfen, nur linke Kultur zu fördern.

Auch Ursel Schmitz vom Frauenzentrum Lila Villa meldete sich zu Wort. Mit Blick auf das Wahlprogramm der AfD wollte sie von Franke wissen, ob er den Verein "Different People", ein Beratungsangebot für alle, die nicht heterosexuell sind, für förderwürdig erachte. "Nein", sagte Franke deutlich. "Ich bin als heterosexueller Mann auch nicht gefördert worden." Er habe viele schwule Freunde, die es leid seien, als unterstützungswürdig dargestellt zu werden. Bombien warf ein, es gehe in dem Verein um die Unterstützung von Menschen, die Probleme mit dem Outing haben, und Frédéric Bußmann, Generaldirektor der Kunstsammlungen, sagte aus dem Publikum heraus: "Das Schöne an der Demokratie ist doch, dass sie die Minderheiten schützt."

Moderator Egmont Elschner, Vorsitzender des Kulturbeirats, sagte, er freue sich, dass die neuen Ausschussmitglieder überhaupt gekommen seien und sich der Diskussion stellten. Einer Meinung zu sein, wäre auch langweilig. "Aber wichtig ist, dass wir miteinander reden."

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
11Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    0
    Hinterfragt
    11.10.2019

    Nun die "Anzeige" neben meinen Kommentar zum miteinander Reden zeigt sehr anschaulich das analysierte Problem auf ...

  • 0
    1
    Interessierte
    11.10.2019

    Das Eckhaus wurde doch wohl saniert und unten ist doch irgend ein ( ausländisches) Restaurant drinne …

  • 3
    15
    ArndtBremen
    10.10.2019

    @Hinterfragt: Das mit dem "miteinander reden" hatte ich hier schon mehrfach angeregt. Das passt allerdings nicht in die Demokratiedefinition von Black, Distel und Co. Über andere reden: ja, miteinander: um Gottes Willen niemals. Das lässt tief blicken bei diesen Herr(Frau)schaften.

  • 4
    10
    Interessierte
    10.10.2019

    Wie wird die ´Zukunft der Kultur` in Chemnitz aussehen?

    Wie wird denn die ´Zukunft der Stadt` in Zukunft aussehen ; gibt es da nur noch Beton und schmale Straßen und Stau - neben der bunten Kultur ?

  • 19
    10
    Blackadder
    10.10.2019

    @DTRFC2005: Kleiner Tipp: googeln Sie mal den von Herrn Franke gemeinten Club Piccolo und seinen Namen und NSU. Sie werden überrascht sein!

    Wozu rechte Kulturförderung führt, konnte man beim NSU sehen und gestern in Halle. Darauf lege ich keinen Wert. Dann sollen meine Kinder lieber ins AJZ gehen.

  • 11
    6
    Distelblüte
    10.10.2019

    Herrn L. Franke von der afd möchte ich ein Zitat von Walter Lübcke nahelegen (der CDU-Politiker, der vor wenigen Monaten von einem Rechtsextremen ermordet wurde):
    "Ich würde sagen, es lohnt sich, in unserem Land zu leben. Da muss man für Werte eintreten", sagte Lübcke weiter. Schließlich fällt der später viel zitierte Satz: "Und wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist."
    Quelle: https://www-spiegel-de.cdn.ampproject.org/v/s/www.spiegel.de/politik/deutschland/walter-luebcke-was-geschah-bei-der-buergerversammlung-2015-in-kassel-a-1274434-amp.html?amp_js_v=a2&_gsa=1&usqp=mq331AQCKAE%3D#aoh=15706936471265&_ct=1570693654884&referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com&_tf=Von%20%251%24s&share=https%3A%2F%2Fwww.spiegel.de%2Fpolitik%2Fdeutschland%2Fwalter-luebcke-was-geschah-bei-der-buergerversammlung-2015-in-kassel-a-1274434.html

  • 3
    17
    Hinterfragt
    10.10.2019

    Nun, es lässt tief blicken, dass bisher 2 gegen das miteinander Reden sind ...

  • 23
    3
    DTRFC2005
    10.10.2019

    Ich frage mich, warum alles was nicht der AFD usw. Meinung entspricht stets Links ist. Interessant ist auch, das ein AFD Stadtrat eindeutig sagt, er selbst würde Rechte Kultur ? auch fördern wollen. Hat er sich damit geoutet ? Miteinander reden ist auch meiner Ansicht nach ausdrücklich erwünscht und zwar mit dem Respekt vor der Meinung eines anderen. Diese muss mir nicht gefallen, dennoch habe ich diese zu respektieren ob mir das nun passt, was der andere sagt oder nicht.Das erwarte ich allerdings auch von meinem Gegenüber.

  • 9
    20
    Hinterfragt
    10.10.2019

    @Distel; warum nicht, hier macht man das doch auch...

    https://www.freiepresse.de/chemnitz/trotz-kritik-ajz-wieder-gastgeber-fuer-umstrittenen-antifa-kongress-artikel10341844

  • 24
    8
    Distelblüte
    10.10.2019

    O my. Jugendklubs für Rechtsextreme fordern und fördern - darauf muss man erst einmal kommen. Gut, dass Franke Widerspruch erfuhr.

  • 4
    15
    Hinterfragt
    10.10.2019

    "Aber wichtig ist, dass wir miteinander reden."

    Nun, man darf gespannt sein.



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