Wie sicher ist die Chemnitzer Innenstadt?

Eine Umfrage des Rathauses zeigt: Drei von vier Chemnitzern fühlen sich abends und nachts nicht wohl in der Stadt. Tatsächlich werden vor allem junge Leute Opfer von Gewaltstraftaten. Das hat Folgen, nicht nur für das Nachtleben.

Zuschauerrekord bei den Filmnächten auf dem Theaterplatz, deutlich mehr Besucher beim Parksommer im Stadthallenpark als zur Premiere im Vorjahr, ein mehrtägiger Brauerei- und Streetfoodmarkt mit bis zu 20.000 Besuchern, jeder Menge Bier und - laut Veranstaltern - keinem einzigen nennenswerten Zwischenfall: Das von der Sonne verwöhnte Jahr 2018 hätte ein richtig gutes werden können für Chemnitz und seine nach Belebung heischende Innenstadt. Doch seit den tödlichen Messerstichen gegen einen 35-jährigen Chemnitzer am Stadtfestwochenende und den darauf folgenden Medienberichten wissen ganz Deutschland und die halbe Welt: Viele Chemnitzer begeben sich im Alltag nur noch mit einem unguten Gefühl ins Herz ihrer Stadt.

Völlig überraschend ist dieses Stimmungsbild keineswegs. Bereits in einer Umfrage, die das Rathaus im Frühjahr veranstaltet hatte, gaben 44 Prozent der knapp 2700Teilnehmer an, sich tagsüber in der Stadt unsicher oder sehr unsicher zu fühlen. Für die Nacht fiel die Antwort sogar bei drei Viertel der Teilnehmer derart negativ aus. "Meine Frau getraut sich schon seit zwei Jahren abends nicht mehr allein an die Zentralhaltestelle", schreibt ein erzürnter Leser der "Freien Presse". Verkäuferinnen, die im Zentrum arbeiten, ließen sich nach Feierabend von Kollegen zum Parkhaus begleiten; viele junge Frauen hätten Pfefferspray einstecken. "Auch das ist zur Normalität in den letzten Jahren geworden", so der Leser.

Woher rührt dieses verbreitete Unsicherheitsgefühl angesichts einer seit Monaten erhöhten Polizeipräsenz, eines bis in den späten Abend patrouillierenden Stadtordnungsdienstes, der Aussicht auf umfassende Videoüberwachung ab Herbst? Wer sich mit Chemnitzern unterhält oder einschlägige Diskussionen im Netz verfolgt, stößt eher selten auf authentische Erfahrungen mit Kriminalität. Stattdessen auf eine Melange aus unangenehmen persönlichen Erlebnissen, einem zunehmend multikulturell geprägten Stadtbild, eher diffusen Ängsten, Schlagzeilen aus den Medien und immer neuen Lauffeuern aus aller Welt, die in sozialen Netzwerken die Runde machen.

Dabei spricht die Kriminalstatistik der Polizei eigentlich eine andere Sprache. Zwar entfällt noch immer mehr als jede fünfte Straftat, die sich in Chemnitz ereignet, auf das Stadtzentrum. Doch die Anzahl der dort registrierten Delikte ging zuletzt erstmals seit Jahren wieder zurück - auf ein Niveau, das in etwa dem von 2009 entspricht. Ein tieferer Blick zeigt aber auch: Die Menge der Fälle von Raub, Körperverletzung, Nötigung, Bedrohung und dergleichen (sogenannte Rohheitsdelikte) hat sich seither im Stadtzentrum auf im Schnitt zwei Straftaten pro Tag nahezu verdoppelt. Allerdings zählen dazu auch alle Vorfälle, die sich nicht auf offener Straße ereignen, sondern beispielsweise in Wohnungen, Lokalen, Amtsstuben.

Aber wie sieht es aktuell auf offener Straße aus? "Freie Presse" hat in den acht Wochen vor dem Stadtfest die von der Polizei aus dem Stadtzentrum vermeldeten Raubstraftaten und Körperverletzungen näher ausgewertet. Die Bilanz: Insgesamt 16 Vorfälle in der Öffentlichkeit binnen 54 Tagen; 28Geschädigte, davon sechs Frauen. Mehrere Opfer mussten ins Krankenhaus. Auffällig ist: Bis auf zwei Ausnahmen ereigneten sich alle Straftaten zwischen 21Uhr abends und 6 Uhr morgens. Die Hälfte aller Fälle geschah an einem der Wochenenden.

Bemerkenswert auch: Sowohl auf der Seite der Tatverdächtigen als auch aufseiten derer, die zu Schaden kamen, finden sich vor allem junge Leute. So waren von den 28 Geschädigten 18 jünger als 30Jahre, davon die meisten jünger als 20. Nur vier der bekannten Opfer waren über vierzig. Das älteste unter ihnen, ein 59-jähriger Mann, wurde verletzt, als er auf der Schloßteichinsel bei einem Raub an jungen Leuten dazwischenging. Bei dem jüngsten Geschädigten handelt es sich um einen 16 Jährigen, der eines Nachts zwischen 2und 3 Uhr zwischen Falkeplatz und Annaberger Straße von Fremden geschlagen, getreten und der Geldbörse beraubt wurde.

Nur zwei Jahre älter sind die jüngsten jener Tatverdächtigen, die unmittelbar nach den Straftaten von der Polizei ermittelt und gestellt werden konnten: Drei 18-Jährige aus Afghanistan, die für einen Angriff auf ein Pärchen in der Fußgängerunterführung am Hauptbahnhof ("Bazillenröhre") mitverantwortlich gemacht werden. Auch bei den meisten anderen Fällen mit bekannten Tatverdächtigen wird gegen Männer unter 25 Jahre ermittelt.

Der Blick auf das Geschehen seit Anfang Juli bestätigt in zwei wesentlichen Punkten, was auch die Polizei beobachtet: Bei nahezu der Hälfte der fast 200 Tatverdächtigen, die im vergangenen Jahr zu gefährlichen und schweren Körperverletzungen im Stadtzentrum ermittelt wurden, handelte es sich um Jugendliche (20,6Prozent) und Heranwachsende bis 21 Jahre (27,5Prozent). Und knapp die Hälfte der mutmaßlichen Täter bei allen sogenannten Rohheitsdelikten (46,9Prozent) hatten keinen deutschen Pass. Bei Raubüberfällen auf offener Straße in der Innenstadt waren 2017 sogar 16von 19 Tatverdächtigen nichtdeutscher Herkunft - das sind fast 85 Prozent. Wie oft dabei ein Messer im Spiel war, wie bei jener Auseinandersetzung, die in der Nacht zum 26. August ein Leben kostete, darüber gibt die Statistik keine Auskunft.

 


"Im Stadtzentrum sollte es ein Messerverbot geben"

Mehr Polizei in der Nacht, mehr Videoüberwachung und vor allem mehr Konsequenz: Was Chemnitzer Gastronomen jetzt für wichtig halten

Vor der Tür die Zentralhaltestelle, ums Eck der Stadthallenpark: Der Brauclub in der Galerie Roter Turm hat gleich zwei Orte in der Nachbarschaft, die als Kriminalitätsschwerpunkte gelten. Mit zwölf Jahren am Markt zählt das Tanzlokal bereits zu den ältesten der Stadt. "Wir haben zum Glück noch immer viele gut besuchte Veranstaltungen", sagt Betreiber André Donath mit Blick auf manchen Klub ringsum, der in den vergangenen Jahren aufgegeben hat. Von seinen Gästen weiß er: Sie würden sich in der Innenstadt deutlich sicherer fühlen, wenn dort auch nachts mehr Polizei präsent wäre. "Wir sollten alles Machbare unternehmen, damit das Sicherheitsgefühl der Leute wieder steigt", mahnt der Gastronom. Und denkt dabei nicht nur an die neuen Überwachungskameras, sondern etwa auch an Ordnungshüter in Zivil. "Ich finde zudem, im Stadtzentrum sollte es generell verboten sein, Messer mitzuführen", so Donath. Damit steht er nicht allein. Auch die Landtagsfraktion der CDU hat sich für ein solches Verbot mittlerweile ausgesprochen.

Thomas Schulze, Inhaber des Restaurants und Bistros La Bouchée an der Inneren Klosterstraße, sieht Probleme nicht allein für jüngere Nachtschwärmer. Vor allem ältere Gäste seien es, die ihre Restaurantbesuche mehr und mehr vom Abend in den Tagesbereich verschieben, erzählt er. "Das passiert aus einer Verängstigung, die man sicher auch mit Kameras nicht so einfach loswird", glaubt er. Deshalb plädiert auch Schulze für Polizeipräsenz möglichst rund um die Uhr - zumindest übergangsweise. Und ähnlich wie sein Branchenkollege fordert er zudem vor allem eines: Mehr Konsequenz bei der Verfolgung von Straftätern. "Es kann nicht sein, dass man die immer wieder laufen lässt."

Aber auch die jüngsten Demos und Gegenproteste bleiben offenbar nicht ohne Folgen. Restaurantbetreiber berichten von bis zu einem Drittel stornierter Reservierungen, oft aus Angst vor Ausschreitungen. "Wenn das so weitergeht", sagt ein Innenstadt-Gastronom, "dann geht es hier ans Eingemachte." (micm)


Kommentar: Verbote auch durchsetzen

Das Mitführen von Messern in Innenstädten verbieten? Dieser Forderung von Chemnitzer Gastronomen und der CDU-Landtagsfraktion würde sich wohl fast jeder sofort anschließen. Aber was nützt ein weiteres Verbot, wenn es nicht durchgesetzt wird? Trotz Alkoholverbots wird im Chemnitzer Zentrum weiter unbehelligt getrunken, trotz Straßenverkehrsordnung zu schnell gefahren, trotz Betäubungsmittelgesetzes mit Drogen gehandelt. Erwischt werden Sünder und Dealer, wenn überhaupt, am ehesten durch Zufall oder bei großen Komplexkontrollen der Polizei, die aber nur einmal im Monat stattfinden. Die geplante Videoüberwachung verspricht zumindest eine Verdrängung Krimineller aus der City. Noch wirksamer wären jedoch mehr uniformierte Streifen, die zu Fuß unterwegs sind.

Bewertung des Artikels: Ø 4.5 Sterne bei 10 Bewertungen
4Kommentare
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  • 10
    3
    BlackSheep
    08.09.2018

    Es hat sich ja gezeigt man will keine Änderung, ist ja einfacher alle als Nazi zu diffamieren.

  • 17
    0
    HHCL
    07.09.2018

    " Beim anschließenden, lautstarken Handgemenge standen 2 Polizisten mit ihrem Fahrzeug desinteressiert in 3-4 m Entfernung daneben. Nach Klärung der Affaire fragte ich die beiden, warum sie nicht eingeschritten wären."

    Die hätte ich nicht nur gefragt, sondern wegen unterlassener Hilfeleistung angezeigt.

  • 19
    0
    TheBeastFromTheEast
    07.09.2018

    Ja, man kann sich unsicher fühlen in Chemnitz: Wenn man abends um 10 nach dem Essen aus der "Bouchée" kommt - und keine Menschenseele ist mehr auf der Straße. Wenn man um halb elf nach einer Veranstaltung in der Stadthalle noch ein bißchen Nachtleben haben möchte - und die Bürgersteige sind schon hoch geklappt. Das ist nicht schön. Wenn - wie nach dem Eröffnungs-Public-Viewing zur WM 2014 - der Platz am Rathaus 10 min. nach dem Abpfiff völlig verödet da liegt (das Spiel gegen Portugal endete 4:0!), fühle ich mich unsicher. Objektiv gefährlicher war es sicher, als ich (ein Mal!) am lichten Tag an der"Zenti" von vier jungen Männern um mein Portemonnaie und Zigaretten "gebeten" wurde. Beim anschließenden, lautstarken Handgemenge standen 2 Polizisten mit ihrem Fahrzeug desinteressiert in 3-4 m Entfernung daneben. Nach Klärung der Affaire fragte ich die beiden, warum sie nicht eingeschritten wären. "Die schlagen, kratzen und beißen. Und am Schluß haben wir noch einen voll geko**ten Bus!" Allerdings: Seit letztem Montag erscheint Chemnitz in einem anderen Licht. Gut so!

  • 24
    17
    ArndtBremen
    07.09.2018

    Noch vor wenigen Wochen hat man uns erzählt, die Innenstadt sei sicher ohne Ende. Offensichtlich hat die Beruhigungstaktik nicht funktioniert und das sollte nun endlich auch Konsequenzen nach sich ziehen. Der Rücktritt von Ludwig und die fristlose Entlassung von Runkel wären ein Zeichen an die Bürger, daß man in Zukunft die Sorgen der Chemnitzerinnen und Chemnitzer ernst nimmt.



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