Wo mitten im Wohngebiet sogar Orchideen blühen

Wie entwickeln sich die einzelnen Chemnitzer Gebiete? Welche Projekte sind geplant? Wo gibt es Sorgen? "Freie Presse" nimmt die Stadtteile unter die Lupe. Heute: Helbersdorf

Vor 45Jahren wurde unweit der Scheffelstraße der Grundstein für das Wohngebiet "Fritz Heckert" gelegt, in dem später zu Spitzenzeiten gut jeder vierte Einwohner von Karl-Marx-Stadt zu Hause sein sollte. Doch so mancher der in den 1970er-Jahren hochgezogenen Wohnblocks ist längst wieder verschwunden. Nur hier und da erinnert ein Stück Anwohnerstraße oder ein scheinbar deplatzierter Parkplatz im Nirgendwo an die Häuserzeilen von einst.

Dafür gibt es in Helbersdorf heute jede Menge Grün. Entlang der Scheffelstraße ist mit der sogenannten Scheffelschlucht im Laufe der Jahre sogar eine Art neues Stadtwäldchen entstanden. Einst sind die Kinder des Stadtteiles mit ihren Schlitten den Abhang hinabgerodelt, manche lernten dort sogar das Skifahren. Heute stehen Bäume dicht an dicht, der Boden ist in diesen Wochen mit etlichen Buschwindröschen bedeckt. An einem eigens angelegten Naturlehrpfad informieren Schautafeln über Tiere und Pflanzen, die in diesem Stück Natur zu Hause sind. Sogar eine Orchideenart soll es dort geben.


Viele Helbersdorfer nutzen die Scheffelschlucht zu Spaziergängen. Auch bei Hundebesitzern ist die Anlage beliebt, gibt es an deren unterem Ende doch sogar eine der in Chemnitz eher seltenen Hundewiesen. "Bei schönem Wetter ist da immer etwas los", sagt ein älterer Herr, der mit seinem Collie dort regelmäßig unterwegs ist. "Leider fehlen entlang des Weges Papierkörbe und ein paar Bänke, damit man sich mal hinsetzen und verschnaufen kann", bedauert Elke Rascher vom Bürgernetzwerk Chemnitz-Süd. Vor allem älteren Menschen - und von denen leben in Helbersdorf anteilmäßig mehr als anderswo in der Stadt - bereite die hügelige Topografie des zwischen Stadtpark und Stollberger Straße gelegenen Stadtteils mitunter doch Probleme. Regelrecht gefährlich werde es, wenn herabgefallenes Laub nicht von den Gehwegen beseitigt wird und sich im Laufe der Zeit in einen glitschigen Belag verwandelt, so die 67-Jährige, die lange Zeit im Nachbarstadtteil Kappel zu Hause war, bevor sie vor reichlich zehn Jahren nach Helbersdorf zog. Sie schätzt an der Gegend die gute Infrastruktur mit zahlreichen Märkten, mehreren Ärztehäusern und etlichen Nahverkehrslinien, außerdem die Nähe zum Stadtpark. Seitdem in einem Teil der stadtteiltypischen Hochhäuser die Fahrstühle so umgebaut wurden, dass sie von der Straße aus, ohne Treppen zu steigen, zu erreichen sind, halte sich auch der Wohnungsleerstand sehr in Grenzen, so Elke Rascher.

Sorgen bereiteten allerdings immer wieder Spuren von Vandalismus, die sich im Stadtteil finden lassen. "Wir hatten Mitte vergangenen Monats in der Scheffelschlucht Frühjahrsputz mit Schülern der Grundschule ,Am Stadtpark'", erzählt die frühere Leiterin eines Stadtteiltreffs. Nur wenige Tage später habe wieder jede Menge Unrat herumgelegen. Mehrere Tafeln des Naturlehrpfades seien beschädigt worden. "Nicht zum ersten Mal, aber so schlimm war es noch nie."

Ein paar hundert Meter weiter in Richtung alter Flughafen hat mit dem neu gestalteten Wenzel-Verner-Platz ein einstiger Wohngebietspark derweil eine ganz neue Aufenthaltsqualität erhalten - mit Bänken, ordentlichem Gehwegpflaster und jeder Menge blühendem Grün. Für mehr als 120.000 Euro wurde das Areal neu gestaltet; der größte Teil des Geldes kam von der Europäischen Union. "Anfangs war ich skeptisch, aber es ist sehr schön geworden", sagt eine Anwohnerin. "Schade nur, dass der Platz nicht besser beleuchtet ist und es nirgendwo eine öffentliche Toilette gibt."

Was insbesondere Anwohner der Carl-Bobach-Straße vermissen, sind wirksame Ersatzpflanzungen für die vor Jahren beseitigten Pappeln und Gebüsche entlang der Stollberger Straße. Die jungen Bäumchen, die dort daraufhin gepflanzt worden seien, schirmten die Häuser der Anlieger längst nicht mehr so gut vom Verkehrslärm ab, wie es zuvor der Fall war, so Elke Rascher.


Das ist Helbersdorf

Bereits vor 110 Jahren wurde Helbersdorf nach Chemnitz eingemeindet. Zu Beginn der 1990er-Jahre lebten in dem einstigen Dorf mehr als 14.000 Menschen, aktuell sind es knapp 6200. Im Stadtteil sind viele Senioren zu Hause, zugleich gibt es in weniger als jedem zehnten Haushalt Kinder. Die Arbeitslosigkeit und der Anteil an Sozialhilfeempfängern lagen in den zurückliegenden Jahren jeweils über dem Schnitt. Der Ausländeranteil bewegte sich mit acht Prozent auf gesamtstädtischem Niveau.

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