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Kursleiterin Sarah Krieger liefert sich einen Stockkampf mit "Freie Presse"-Reporter Andreas Klinger. Häufiger wird jedoch am Boden gerungen.

Foto: Andreas Seidel

Wo wildes Raufen Leute näher bringt

Ohne schlechtes Gewissen kampeln und am Boden wälzen - manchmal mit erotischem Beiklang. Das geht in Chemnitz. "Freie Presse" macht den Test.

Von Andreas Klinger
erschienen am 23.01.2018

Wo normalerweise Kampfsportler zwischen Sandsäcken und Trainingspuppen ihre Technik ausfeilen und Schlagkraft trainieren, treffen sich heute Abend Erwachsene zum gemeinschaftlichen Raufen. Trotz ausgiebiger Recherche vor meinem Selbsttest wusste ich nicht genau, womit ich es im Taekwondo-Club an der Mühlenstraße zu tun bekommen würde. Sarah Krieger, die den Rauftreff jeden Monat leitet, hatte zuvor vom "Spaß an der wilden Körperlichkeit" gesprochen. Dass es sich um keinen "Fight Club" handelt, bei dem es darum geht, den Aggressionen freien Lauf zu lassen, wurde mir zuvor klar erklärt. "Es liegt in der Verantwortung jedes Teilnehmers, den Raufpartner nicht zu verletzen", so die Kursleiterin.

Bevor es losgeht, fordert die 27-jährige Studentin die Teilnehmer, mich eingeschlossen, dazu auf, sich im Halbkreis zu setzen. Erste Frage: "Warum seid ihr hier?" Die Antwort einer jungen Teilnehmerin: "Ich habe Lust, mich mal ungeniert und nach Herzenslust zu kampeln. Das habe ich früher als Kind gern gemacht. Jetzt vermisse ich es."

Bevor das Raufen losgeht, erfolgt eine kurze Aufwärmphase. Die Trainingspartner sollen sich erst einmal kurz kennenlernen. Doch schon bei der nächsten Übung geht es etwas rabiater zu, zuerst noch mit gewissem körperlichen Abstand. Kursleiterin Krieger tritt mir sanft auf den Fuß. "Das ist meine Art, jemanden zum Raufen zu fordern." Als sie mich kurze Zeit später mit zwei Stöcken von oben bis unten mit Schlägen eindeckt, weiche ich erst einmal zurück. Obwohl die Stöcke aus einer Art Schaumstoff sind und daher keine wirkliche Verletzungsgefahr besteht, habe ich anfangs Hemmungen zurückzuschlagen. Immerhin stehe ich einer Frau gegenüber. Kurze Zeit später gebe ich den Rückzug auf und bleibe einfach stehen, um zu schauen, was passiert. Das Ergebnis: Ich werde sanft zu Boden gerungen. Wirkliche Gegenwehr hatte ich jedoch auch in diesem Fall nicht geleistet.

"Es geht nicht um einen Wettkampf", erklärt Krieger, "sondern um das Spielen mit Gewinnen und Verlieren." Auch körperliche Fitness solle keine Rolle spielen bei den Rauftreffs, die für Teilnehmer bis ins hohe Alter offenstehen. Nach der ersten Runde Stockkampf merke ich jedoch schon, wie ich leicht ins Schwitzen komme. Doch eine Ruhepause gibt es vorerst nicht. Meine nächste Raufpartnerin ist kleiner und jünger als die Kursleiterin, hat aber wie diese lange Zeit Judo betrieben. Es fällt ihr nicht ganz leicht, das zu vergessen, und wieder liege ich auf dem Boden. Nun setzte ich zur Gegenwehr an und bringe auch sie ein paarmal zu Boden. Dabei bin ich jedoch stets bemüht, ihren Fall zu bremsen. Deutlich ungehemmter geht es bei den anderen zwei Paarungen zu, die sich nach kurzer Zeit bereits wild auf dem Boden herumkampeln. Dies ist erstaunlich, da die Teilnehmer sich heute zum ersten Mal sehen. Von Scheu keine Spur. Stattdessen: Herzhaftes Lachen und lockere Sprüche.

Sarah Krieger fordert mich schließlich ein weiteres Mal. Wie in einem echten Straßenkampf schubst sie mich durch die Halle. Die anderen schauen zu. "Wehr dich endlich", ruft sie mit gespieltem Ernst. Ich komme dem nach, bemühe mich aber, gewisse Tabuzonen zu meiden. Dies ist jedoch gerade im Bodenkampf nicht immer einfach.

Anschließend setzen sich alle noch einmal hin. Krieger, die bereits frühere Rauftreffs in Chemnitz angeleitet hat, erklärt einige Hintergründe. In Großstädten wie München oder Berlin habe sich das spielerische Kampeln bereits etabliert. Doch eine andere Frage treibt die Teilnehmer um. "Ja es kommt vor, dass zwischen Teilnehmern auch erotische Spannungen entstehen", sagt Krieger. Wenn das von beiden Teilnehmern so gewollt ist, werde es auch zugelassen. Allerdings solle niemand mit der Erwartung auf ein erotisches Treffen hereinkommen, so Krieger, die hinzufügt: "Für super-eifersüchtige Paare sind Rauftreffs jedoch nichts, außer diese bleiben unter sich."

Nach knapp anderthalb Stunden Raufen kann ich Folgendes sagen: Es macht Spaß, doch gerade am Anfang kostet es Überwindung, sich hemmungslos mit fremden Menschen auf der Matte zu wälzen. Es dürfte wichtig sein, dass die Chemie zwischen den Teilnehmern stimmt. Dies ist heute der Fall gewesen. Gerade für Menschen, die sich häufig in formeller Umgebung bewegen, könnte es eine Gelegenheit sein, sich mal richtig auszutoben. Denn schließlich kennt einen beim Rauftreff niemand - meistens jedenfalls.

Der Rauftreff findet jeden dritten Donnerstag, 18 Uhr, in den Räumen an der Mühlenstraße 27 statt. Der Eintritt kostet 5 Euro.

 
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