Angst vor Corona: Chemnitzer Eltern suchen "digitalen Lehrer" für zu Hause

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Trotz vergleichsweise hoher Infektionszahlen hat der Unterricht wieder begonnen. Die verschärften Maßnahmen an den Schulen gegen eine weitere Ausbreitung der Pandemie überzeugen aber nicht alle.

Zum Auftakt gab's ein Wattestäbchen in die Nase: Mit einem Corona- Selbsttest hat für die meisten Schüler nach den Osterferien der Unterricht wieder begonnen. Derlei Tests sind ab sofort zweimal pro Woche Pflicht. Schüler ab der fünften Klasse müssen zudem auch im Unterricht medizinische Masken tragen. Mit diesen und weiteren Maßnahmen soll die Gefahr einer unkontrollierten Weiterverbreitung des Coronavirus eingedämmt werden.

Denn vor den Ferien war auch in Chemnitz deutlich geworden: Oft genügt schon ein einziger infizierter Schüler oder Lehrer, um eine ganze Klasse in häusliche Isolation zu bringen. Als die dritte Welle der Corona-Pandemie in Fahrt kam, mussten innerhalb kurzer Zeit für bis zu 40 Schulen der Stadt gleichzeitig Quarantäne-Anordnungen verhängt werden. Teils waren nur einzelne Klassen, Teilklassen oder Gruppen betroffen, teils aber auch ganze Bereiche, wie etwa der Hort.

Daher ist die Freude darüber, dass die Kinder jetzt wieder in die Schule dürfen, unter den Chemnitzer Eltern keineswegs ungeteilt. Einige halten die Öffnung für verfrüht und falsch - und ziehen Konsequenzen. "Nachdem ich gesehen habe, dass laut Robert-Koch-Institut die Inzidenzen in der Altersgruppe bei den Unter-Neunjährigen bei über 800 liegen, haben wir uns entschieden, unsere Kinder aus der Schule zu nehmen", erklärt ein Familienvater, dessen Kinder eine Grundschule auf dem Kaßberg besuchen. "Die Krankheit wird von den Kindern an ihre Familien weitergegeben, sie gefährdet Leben", so der 39-Jährige. Er gab der Klassenlehrerin Bescheid, dass seine Kinder nicht in die Schule kommen, mehrere andere Eltern taten es ihm gleich. Aktuell sind derlei Abmeldungen relativ unkompliziert möglich, da die Pflicht zum Schulbesuch ausgesetzt ist.

Da er und die anderen Eltern berufstätig sind, suchen sie nun einen "Digitallehrer", der den Grundschülern täglich für etwa vier Stunden per Videokonferenz Unterricht gibt. "Vor allem wäre es wichtig, dass die Aufgaben der Lehrkräfte gemeinsam durchgegangen werden", erläutert der Vater. Auf einen in sozialen Netzwerken verbreiteten Aufruf hin hätten sich bis Mittwochmittag bereits drei Interessenten gemeldet. Wie der Vater erklärt, kann er sich vorstellen, dass noch weitere Kinder in den Unterricht per Video aufgenommen werden. Die Kosten für das digitale Zusatzangebot wollen die Eltern vorerst aus eigener Tasche zahlen. Sie überlegen aber, die Rechnung aus Protest an die Kultusministerkonferenz zu schicken, die in ihren Augen mitverantwortlich ist für das derzeitige Schlamassel.

Solche Initiativen scheinen bislang aber eher Ausnahmen zu sein. Die meisten Eltern seien froh, dass ihre Kinder wieder zum Unterricht dürfen. "Die Schüler haben ja in der Tat einiges versäumt", verdeutlicht Andrea Ufer, die Schulleiterin der Oberschule Schönau. "Und nicht alle Eltern sind in der Lage, das Lernen zu Hause zu unterstützen." Auch die sozialen Beziehungen der Schüler hätten gelitten. "Die Kontakte zu Gleichaltrigen fehlen", so Ufer.

Derlei Folgen dieses außergewöhnlichen Corona-Schuljahres mögen auch dazu beigetragen haben, dass die Infektionsschutz-Vorkehrungen an den Schulen offenbar mehr und mehr als selbstverständlich akzeptiert werden. "Zu Beginn war das noch etwas schwieriger, mittlerweile tragen das die meisten Schüler sehr gut mit", sagt Andrea Ufer. Auch Fälle von Eltern, die ihre Kinder aus Ablehnung der Masken- oder Testpflicht nicht zur Schule schickten, gibt es entgegen diverser Ankündigungen in sozialen Netzwerken derzeit offenbar nur vereinzelt. "Die Anzahl derjenigen, die sich nicht an den Tests beteiligen wollen, war schon vor Ostern im Raum Chemnitz außerordentlich gering", bilanziert Lutz Steinert vom Landesamt für Schule und Bildung.

Weitaus mehr Probleme bereitet an den Schulen die mit den Tests verbundene Logistik, einschließlich allerlei interner Berichte, die zu verfassen sind. "Trotz guter Vorbereitung bleibt es eine große Anstrengung für alle im Lehrerkollegium", sagt Kerstin Kleine, Leiterin am Gymnasium Einsiedel. Alles in allem aber, so das Landesamt, sei der erste Tag recht gut gelaufen.

Genaue Zahlen zu den Ergebnissen der Tests lagen am Montag noch nicht vor. Nach Informationen der "Freien Presse" mussten aber an mindestens einer Grundschule die Schüler einer Klasse vorzeitig abgeholt werden, nachdem dort ein Schnelltest positiv ausgefallen war.

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