Nicht eine Sekunde lang habe ich daran gezweifelt, dass sich heute zwischen zehn und zwölf Leser bei mir melden, nachdem sie meine Kolumne "Klauben erlaubt" auf der aktuellen Seite "Leserforum" gelesen haben, um mir von einem Wort zu erzählen, bei dem sie selbst zum Klauberer werden, wenn sie es in der Zeitung lesen und jetzt endlich mal ein Ventil für ihren Unmut deswegen haben. Sieben an der Zahl waren es insgesamt, aber nur von zwei Gesprächen möchte jetzt berichten, weil ich die anderen vier erst einmal ein Weile überdenken möchte, aus Rücksicht auf meine Kollegen in der Redaktion, denn man weiß ja nie, ob sie meinen Blog lesen und auf komische Gedanken kommen könnten.

"Haben Sie Ihr Abitur abgelegt?" fragte mich die erste Frau in der Leitung. "Selbstverständlich", habe ich geantwortet. "Und Sie wissen auch noch genau, wohin Sie es getan haben und können es also jederzeit hervorholen?", wollte die Anruferin als nächstes von mir wissen. In diesem Moment hatte ich irgendwie das Gefühl, auf einer meiner Leitungen zu stehen, weil ich diese Frage nicht verstanden habe, was ich dann zugab und um eine Erklärung bat. "Nochmal ganz langsam: Wann haben Sie die Abiturprüfung bestanden?"  "Im Jahr 1979." "Wo befindet sich das Zeugnis jetzt?" "In meiner Wohnung in einer Dokumentenmappe." "Wann haben Sie es dort abgelegt?" "Das weiß ich nicht mehr, vor vielleicht zehn Jahren oder so." "Dann frage ich Sie jetzt noch einmal, weil ich weiß, dass Sie Ihre Schulzeit vor 40 Jahren beendet haben: Wann haben Sie Ihr Abitur abgelegt?" Drei Sekunden, in denen ich schwieg, dauerte es noch, bis bei mir endlich der Groschen fiel und ich das Anliegen der Leserin in der Leitung verstand, also sagte ich: "Man kann das Abitur zwar ablegen, wenn das Zeugnis damit gemeint ist, aber nicht in dem Sinne, dass man die Prüfung besteht." Die Frau war zufrieden und meinte, weil ich das infrage gestellt habe und davon ausging, dass das Formulierung "Abitur ablegen" von meinen Kollegen in der Redaktion höchst selten in Artikeln verwendet würde: "Haben Sie eine Ahnung, schauen Sie doch mal in Ihrem Archiv nach, Sie werden staunen, wie oft dort ein Abitur abgelegt wird." Das habe ich getan: Neun Mal in diesem Monat, 36 Mal in diesem Jahr, weiter habe ich die Archivsuche nicht aktiviert, die Wortklauberei der Leserin aber habe ich in meine Liste (für die Ewigkeit und meine Memoiren) aufgenommen.

Das gilt auch für dieses Gespräch: "Darf ich Ihnen mal eine Überschrift aus der Zeitung vorlesen?", fragte ein Leser mich, nahm mein "na klar" zur Kenntnis und zitierte: "Wetterstation verzeichnet neuen Rekord". Dazu sagte ich nichts, mir fiel auch nichts ein, was ich hätte von mir geben können. Also sprach der Mann weiter: "Zweiter Versuch: Wetterstation verzeichnet neuen Rekord." Nun fühlte ich mich doch dazu veranlasst, dies zu sagen: "Leider weiß ich nicht, worauf Sie hinauswollen, würden Sie es mir bitte erklären?" Das wollte er aber nicht gleich, sondern meinte: "Letzter Versuch: Oldtimertreffen mit neuem Rekord." Tatsächlich registrierte ich in meinen Gehirnwindungen in diesem Moment so etwas wie einen Geistesblitz, was aber eher etwas damit zu tun hatte, dass ich mich plötzlich daran erinnern konnte, dass dieser Leser vor langer Zeit schon einmal deswegen bei mir angerufen hatte, weshalb ich nun dies erwidern konnte: "Stimmt, jetzt weiß ich, was Sie meinen: Ein Rekord, wenn es denn einer ist, ist immer neu, sonst wäre er nämlich keiner, weshalb der Hinweis, dass er neu ist, ein überflüssiger ist." "Ganz genau, sagte der Mann, es handelt sich um eine Tautologie wie der weiße Schimmel, der alte Greis oder das kleine Baby." Wir haben noch eine Weile über dieses Thema geplaudert, uns dann freundlich voneinander verabschiedet, und dann habe ich angesichts dieser Last meinen Kopf ein paar Sekunden lang auf die Schreibtischkante gelegt und gedacht: Klauben kann ganz schön anstrengend sein.

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