Das ist Kunst, das muss bleiben

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In diesem Fall möchte ich gar nicht erst versuchen, es anders zu formulieren oder gar zu beschönigen, denn die Tatsache ist eine unumstößliche: Ich habe eine Wette verloren. Deshalb muss ich jetzt eine meiner dunklen Trostschokoladentafeln aus der Schreibtischschublade holen, sie in einzelne Stücke brechen und diese unter meinen Kolleginnen und Kollegen verteilen mit dem Hinweis: Manchmal trauen wir den Leserinnen und Lesern einfach zu wenig zu. Also: Gewettet hatte ich mit mir selbst, dass es keine fünf Tage dauern wird, bis der erste Anrufer mir am Telefon mitteilen wird, dass die Verhüllung des Triumphbogens in Paris doch wohl ganz bestimmt keine Kunst sei und deshalb eine reine Verschwendung von Unsummen an Geld sei, in etwas nach dem Motto: Keine Kunst, das kann weg. Doch sage und schreibe vier Wochen waren vergangenen, bis sich heute der erste verärgerte Leser bei mir gemeldet hat, und auch das nur, weil er von diesem Kunstprojekt überhaupt erst erfahren hat, nachdem er am vergangenen Donnerstag den Bericht "Garn aus Werdau verhüllt Triumphbogen" in der Zeitung gelesen hatte. Sein Kommentar: "Mir wird echt übel bei der Vorstellung, mit wie viel Geld hier so eine große Meng an Müll produziert wird, aber vielleicht wird das Zeug ja doch weiterverkauft, und die eine oder andere ältere Dame kann noch etwas für ihre Enkelkinder daraus stricken." Von der Aussagekraft her war dieser Hinweis heute zwischen zehn und zwölf eindeutig der stärkste, an zweiter Stelle liegt "neutrale Berichterstattung ohne subjektives Palaver", was ein Leser meinen Kollegen ans Herz legen wollte, und an dritter dieser Hinweis: "Eine links-grüne Sichtweise, mal wieder typisch, ich habe das alles gründlich satt." Um welchen Artikel es dem letzten Leser ging? Verrate ich nicht, nur so viel: War am Samstag im Blatt und hat mehr als zehn Leute dazu veranlasst, mir ihre Meinung dazu mitzuteilen, alles klar? Mein Kommentar: Nur getroffene Hunde bellen laut, wenn des Herrchens Reden an den Pranger gestellt werden. 

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